Hidden Champions: 

netzeitung.deAttraktive Jobchancen im Verborgenen

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Konzernzentrale von BMW (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Konzernzentrale von BMW
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Zu BMW wollen alle, Mittelständler aber tun sich bei der Mitarbeitersuche schwer. Dabei haben viele als Arbeitgeber Einiges zu bieten, wie Midia Nuri feststellte.

Wer sich bei Jobeinsteigern umhört, bekommt die stets gleichen Namen als Wunscharbeitgeber genannt: BMW, Porsche oder etwa Adidas führen die Rankings an. Doch wer sich bloß auf diese bekannten Namen konzentriert, vergibt manche berufliche Chance. Zum einen, weil der Andrang auf die Konzerne groß ist – allein bei Siemens schwimmen stets aktuelle Daten von rund 75.000 Bewerbern im Talentpool. Zum anderen aber, weil viele weithin unbekannte Mittelständler händeringend nach guten Mitarbeitern suchen – und als Arbeitgeber oft attraktive Möglichkeiten bieten.

Zahlreiche Mittelständler führen ihren jeweiligen Markt an, teilweise weltweit, doch werden sie von der Öffentlichkeit kaum beachtet. Diese so genannten Hidden Champions haben bei ihren Kunden und Branchenkennern einen exzellenten Ruf. Doch zu den Stellensuchenden spricht sich der erst langsam herum. Jeder dritte Mittelständler glaubt, dass der Mangel an Fach- und Führungskräften das Wachstum seines Unternehmens künftig behindern könnte, ergab eine Studie der Unternehmensberatung BBDO Consulting.

Der Bundesverband Informationswirtschaft (Bitkom) fand in einer Umfrage heraus, dass derzeit 43.000 Stellen für IT-Fachleute offen sind und deswegen – besonders misslich für die Unternehmen – jedes vierte Unternehmen mit offenen Stellen bereits Aufträge ablehnen muss. Von insgesamt 900.000 unbesetzten Stellen im Mittelstand geht Gustl F. Thum aus, der eine ähnliche Studie für die Unternehmensberatung Dr. Wieselhuber & Partner erstellte. Daran wird sich auf Jahre hinaus auch wenig ändern, glaubt er.

Provinz schreckt häufig ab
«Mittelständler sind oft auf sehr spezialisierten Produktfeldern tätig, die kaum bekannt sind und als wenig faszinierend wahrgenommen werden», analysiert Angelika Inglsperger, Autorin der BBDO-Untersuchung, das Problem. Außerdem sitzen Mittelständler oft in der Provinz. Beispielsweise im sauerländischen Hemer. Von dort zog der mit immerhin mehreren tausend Mitarbeitern ehemals größte Arbeitgeber, der Badarmaturenhersteller Grohe, im vergangenen Jahr weg in die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt Düsseldorf.

Doch Metropolen ziehen bei der Mitarbeitersuche nicht unbedingt. «Gerade wenn wir Nischenpositionen besetzen wollen – beispielsweise für den Vertrieb in einer bestimmten Region – haben wir als No-Name natürlich schlechtere Karten als die namhafte Konkurrenz», weiß Jana Wriedt, Personalleiterin von Weinmann, einem mittelständischen Medizintechnikhersteller aus Hamburg mit weltweit knapp 500 Mitarbeitern.

Dabei bieten gerade kleine und mittelständische Arbeitgeber oft attraktive Arbeits- und Entwicklungsmöglichkeiten. Und bilden etwa vier von fünf Auszubildenden hierzulande aus. So ist bei Mennekes Elektrotechnik, einem Hersteller von Industriesteckern im sauerländischen 3000-Seelendorf Kirchhundem, jeder vierte der rund 400 Mitarbeiter ein Azubi. Wie viele Unternehmen, unterhält auch Mennekes Verträge mit Schulen. Legionen von Schülern und selbst Lehrern aus dem Umkreis schleust er zumindest durch Schnupperpraktika. «Unsere Lehrlinge haben heute durchweg bessere Abschlusszeugnisse als früher», berichtet Inhaber Walter Mennekes. Auch die Zahl der guten Bewerber von anderswoher stieg.

«Der Handlungsspielraum ist viel größer»
Auch Quereinsteiger haben abseits der Konzerne oft bessere Chancen. Vor wenigen Jahren stellte Frank Orschler, Geschäftsführer der Königsee Implantate GmbH, eine Bankangestellte als Außendienstmitarbeiterin ein. Normalerweise vertreiben gelernte und erfahrene OP-Schwestern die von den 125 Mitarbeitern hergestellten Platten und Schrauben, mit denen Knochenbrüche schneller heilen sollen. Doch gute Verkäufer sind schwer zu finden, und die Ex-Bankangestellte überzeugte Orschler, weil sie sich vor dem Bewerbungsgespräch bestens informiert hatte. Daher schickte er sie nach der Einstellung ein paar Monate lang in Anatomieschulungen und zum Hospitieren in Operationssäle. «Heute ist sie unsere beste Verkäuferin», freut er sich.


Bei kleinen oder mittelständischen Unternehmen ist auch der Job selbst oft befriedigender als in Konzernen. Nicht nur wegen des oft familiären Umgangstons. «Der Handlungsspielraum ist viel größer und es lässt sich mehr bewegen», sagt Michael Stiehl, Geschäftsführer des Freudenberger Möbelherstellers Rauch, der zuvor für den Autobauer Daimler tätig war. «Im Mittelstand geht es nicht so sehr darum, was jemand darf, sondern was jemand kann», pflichtet Guido Huberti bei, Geschäftsführer des Personalberatungsunternehmens Xenagos. Das würde Personalerin Wriedt sofort unterschreiben. Die gelernte Industrie- und Personalkauffrau leitet den weltweiten Personalbereich bei Weinmann ohne Studium.

Mitarbeiter bleiben ihren mittelständischen Arbeitgebern denn auch meist lange treu – bei Hidden Champions im Schnitt 37 Jahre, fand Hermann Simon von der Unternehmensberatung Simon-Kucher & Partners heraus, der die Erfolgsfaktoren von solchen eher unbekannten Erfolgsunternehmen weltweit untersuchte. Beim Gros der deutschsprachigen Unternehmen hält es die Mitarbeiter dagegen im Schnitt 20 Jahre bei ihrem Arbeitgeber.

Unterschätzen sollten Stellensuchende aber auch die Anforderungen nicht – eben weil Mittelständler oft hochspezialisierte Produkte und Lösungen herstellen. «Immer wieder wurde in unseren Gesprächen betont, dass die Mitarbeiter der Hidden Champions Spezialqualifikationen auf höchstem Niveau aufweisen», erinnert sich Unternehmensberater Simon. Gerade Hidden Champions wählen ihr Personal besonders gründlich und strikt aus. Das gehört zu einem auf Betriebstreue angelegten System dazu, ist Simon überzeugt.

Literaturtipp:
Hermann Simon: Hidden Champions des 21. Jahrhunderts. Die Erfolgsstrategien unbekannter Weltmarktführer,
Campus Verlag 2007, 39,90 Euro.