netzeitung.deAcht Jahre Büffeln im Schnelldurchgang

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Lernen bis der Kopf raucht: Die 10. Klasse eines Gymnasiums in Bremen (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Lernen bis der Kopf raucht: Die 10. Klasse eines Gymnasiums in Bremen
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Zu viel Lernstoff, zu viel Stress für die Schüler: Das achtjährige Gymnasium steht immer mehr in der Kritik. Die Bundesländer denken inzwischen über eine Änderung der Lehrpläne nach.

Mit dem Begriff G8 verbinden wohl die meisten die gleichnamige Gruppe von acht Industrienationen. Für Gymnasiasten und deren Eltern dagegen bedeutet G8 vor allem eins: zunehmender Schulstress. Denn G8 steht für die Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Schuljahre in allen Bundesländern außer Rheinland-Pfalz.

Nachdem die Proteste gegen die Umsetzung dieser Reform immer lauter wurden, überstürzen sich nun die Politiker mit Ankündigungen, was geändert werden muss. «Es ist eingetreten, was wir befürchtet haben», kritisiert die Vorsitzende des Landeselternbeirats Hessen, Kerstin Geis. In Hessen wurde das G8 zum Schuljahr 2005/06 flächendeckend eingeführt. Die Folgen laut Geis: viel zu viele Hausaufgaben, ein enormer Druck für die Schulkinder, Schule als Dauerthema zu Hause und ein boomender Markt für Nachhilfe.

«Wir hören von vielen Eltern, dass es viel, viel Druck und viel Nachbereitungsbedarf nach der Schule gibt.» Ähnliche Klagen kommen auch aus anderen Bundesländern: «Die Eltern sind nicht grundsätzlich gegen das G8», sagt die Sprecherin des Bayerischen Elternverbandes, Ursula Walther. «Aber die Art der Umsetzung ist schlecht.»

Schnell Erlerntes wird wieder vergessen
Knackpunkt seien die Lehrpläne: «Der Stoff ist zu umfangreich! Die Kinder werden nicht damit fertig.» Das Ergebnis: Die Kinder hätten enormen Stress, und das im Schnelldurchgang Angelernte werde gleich wieder vergessen. Der niedersächsische Landeselternrat hat nach eigenen Angaben zunächst keine Widerstand gegen die Verkürzung der Schulzeit geleistet. «Als das Thema im Jahr 2002 erstmals auf uns zukam, waren wir zwar nicht begeistert, haben das aber hingenommen», sagt Fritz Hullen vom Landeselternrat. Allerdings habe man schon damals verlangt, dass der Unterrichtsstoff gestrafft und entrümpelt werden müsse. «Das ist aber nicht passiert.»

Die Kritik ist inzwischen bei der Kultusministerkonferenz (KMK) angekommen - sechs Jahre, nachdem mit dem Saarland das erste westdeutsche Bundesland flächendeckend von neun auf acht Jahre Gymnasium umgestellt hat. Der Schulausschuss der KMK sammelt nun die Erfahrungen und soll anschließend Änderungsvorschläge machen. «Die Länder müssen sich nochmal genau anschauen, ob man Stofffülle reduzieren kann (...), ob die Lehrpläne genügend durchforstet sind, oder ob das Problem in der Umsetzung liegt, dass man zwar offiziell Lehrpläne gekürzt hat, das aber im Unterricht noch nicht angekommen ist», sagte Annegret Kramp-Karrenbauer, die neue Präsidentin der KMK, kürzlich der AP.

Lehrpläne sollen entrümpelt werden
Auch in den Bundesländern reagieren inzwischen die Politiker. So sprach sich der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) für Änderungen beim «Turbo-Abitur» aus, das dort vor drei Jahren eingeführt worden war. Die Unions-Ministerpräsidenten hätten beschlossen, eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe zum Thema Schulstoff im achtjährigen Gymnasium einzusetzen, sagte er. Ziel sei eine «Entrümpelung» der Lehrpläne. Weniger Schulstoff solle es dann ermöglichen, dass Schüler die bisherigen Hausaufgaben noch in der Schule erledigen können.

Der Veränderung stehe bislang noch eine Vereinbarung der KMK entgegen, wonach an G8-Gymnasien der sonst in neun Jahren vermittelte Schulstoff gelehrt werden muss. In Bayern denkt laut Elternvertreterin Walther jetzt das Kultusministerium darüber nach, den Stundenumfang zu verringern. Dann müssten die Kinder aber noch mehr zu Hause büffeln, kritisierte Walther. Das G8 war in Bayern vor drei Jahren in einer Hauruck-Aktion des damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU) eingeführt worden, was für viel Kritik bei Eltern gesorgt hatte. So hatte etwa ein Vater vor dem Verfassungsgerichtshof gegen die verkürzte Schulzeit geklagt, war aber abgewiesen worden.

«Unausgegorene und völlig verhunzte Reform»
In Niedersachsen, wo das G8 ebenfalls vor drei Jahren eingeführt wurde, häuften sich laut Elternvertreter Hullen die Klagen über die starke Belastung der Schüler. Daraufhin sei der Landeselternrat im Kultusministerium vorstellig geworden. «Dort war man aber zunächst überzeugt, das Problem würde sich schon regeln», sagt Hullen. Im Landtagswahlkampf seien dann viele Kandidaten von empörten Eltern angesprochen worden. «Die haben dann einiges versprochen und müssen jetzt etwas tun.»

Dementsprechend haben Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) und Kultusminister Bernd Busemann (CDU) in den Tagen seit der Landtagswahl wiederholt angekündigt, man werde für eine Senkung der Pflichtstundenzahl sorgen. Streitpunkt ist die von der KMK vorgegebene Zahl von 265 Jahresunterrichtsstunden bis zum Abitur.

Doch gegen die von den Politikern angestrebte Kürzung dieser Zahl wehrt sich wiederum die Lehrergewerkschaft GEW, die das G8 generell als «unausgegorene und völlig verhunzte Reform» sieht. Es bringe gar nichts, wenn jetzt die Jahreswochenstundenzahl gekippt und Lehrpläne zusammengestrichen würden. Damit drohe nur ein weiterer Qualitätsverlust.

Für eine sinnvolle Umsetzung müsse vielmehr der Unterricht in Ganztagsschulen neu organisiert werden und ein pädagogisches Konzept mit Lern- und Ruhephasen den gesamten Tagesablauf steuern. Diese Vorarbeiten hätten die meisten Bundesländer bei der überstürzten Einführung des G8 jedoch nicht erbracht, kritisiert die GEW. (Von Mirjam Mohr, AP)