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Boom der Studenten-WGs

24. Jan 2008 10:13
Jeder vierte Student lebt in einer Wohngemeinschaft.
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Fast jeder vierte Student lebt in einer Wohngemeinschaft, um Geld zu sparen. Viele Wohngemeinschaften enden im Streit. Trotzdem ist für viele Studenten die WG mehr als eine preiswerte Zweckgemeinschaft.

Von überquellenden Mülleimern, uneingehaltenen Putzplänen bis zum emotionalen Supergau - Mitbewohner können einander einiges abverlangen. Dennoch hat sich die Wohngemeinschaft vom Lebensmodell für linke Aussteiger zur üblichsten studentischen Wohnform gemausert. Und nicht nur wegen der chronischen Geldnot vieler Jungakademiker. Trotz manch auszufechtendem Kampf ist diese Art des Zusammenlebens beliebt wie nie.

Wasserschaden ignoriert

Markus Spindlers Erfahrungen gehören allerdings nicht zu den Guten. Als der damalige Student eines Tages nach Hause kam, erlebte er eine böse Überraschung: Seine Waschmaschine war ausgelaufen, das Wasser durch den Boden in die Nachbarwohnung getropft. Sein Mitbewohner hatte das zwar bemerkt, aber nichts unternommen. «Er sagte nur, es sei ja nicht seine», erinnert sich der Sozialwissenschaftler.

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Nach der neuesten Erhebung des Deutschen Studentenwerks war 2006 fast jeder Vierte deutsche Student Mitglied einer Wohngemeinschaft, knapp drei Prozent mehr als 2003. Damit leben mehr Studierende in einer WG als in jeder anderen Wohnform, sei es die eigene Wohnung oder das «Hotel Mama».

WG-Anteil im Osten größer

Die Gründe, in eine WG zu ziehen, sind heute überwiegend andere als in der Hochzeit der «Kommunen» in den 60er und 70er Jahren. Statt bewusst alternativ gestaltetem Zusammenleben aus politischer Überzeugung suchen die meisten Studenten heute einfach eine günstige Möglichkeit, auf eigenen Beinen zu stehen. Gerade in Ostdeutschland boomen die WGs. «Unsanierte Plattenbauwohnungen sind dort meist billiger als Wohnheimzimmer», sagt Georg Schlanzke, Referatsleiter Wohnen beim Studentenwerk. Mit über 30 Prozent ist der Anteil der WG-Bewohner deshalb im Osten heute höher als er es im Westen je war.

Die große Gefahr des WG-Lebens: Es ist unberechenbar. Der beste Freund kann sich nach dem Zusammenziehen als schmuddeliger Chaot entpuppen. Und wer gemeinsam mit Wildfremden wohnen will, kann sich erst recht nicht immer auf seine Menschenkenntnis verlassen.

Ende im Streit

Markus Spindler zog zu Beginn seines Studiums mit seinem Kommilitonen zusammen, den er nur flüchtig kannte. Er dachte, das könnte passen. Aber das Zusammenwohnen endete im offenen Streit. «Eines Tages fragte mich mein Mitbewohner mit hochgekrempelten Ärmeln, ob wir es nicht mit den Fäusten austragen sollten», erzählt er. Das Problem bei der WG-Suche: Meist müssen wenige Minuten reichen, um sich ein Bild vom zukünftigen Zimmergenossen zu machen.

Dennoch scheint es nicht nur finanzielle Notwendigkeit zu sein, die junge Menschen dazu bringt, mit Fremden oder Freunden zusammenzuziehen. Auch bei Studenten, deren Eltern einen hohen sozialen Status haben, ist die WG mit 28 Prozent die beliebteste Wohnform, so das Studentenwerk. Auch die Zufriedenheit der meisten Wohngemeinschaftler spricht gegen die weit verbreitete These der Zweck-WG, in der man nur lebt, weil man sich keine eigene Wohnung leisten kann. Der Erhebung zufolge fühlen sich fast zwei Drittel aller in WGs wohnenden Studenten wohl.

WG als Freundschafts-Test

Trotzdem scheitern viele dieser Gemeinschaften nach relativ kurzer Zeit. Dabei ist es keine Garantie für eine gelungene Wohngemeinschaft, wenn man mit Menschen zusammenzieht, die man schon gut kennt. Gerade die engsten Freunde können sich im Alltag als ungeeignete Wohngenossen entpuppen. «Als meine beste Freundin bei mir einzog, herrschte schon nach drei Wochen keinerlei Kommunikation mehr», sagt Jana S.

Die neue Mitbewohnerin ging allen Auseinandersetzungen aus dem Weg, knallte nur noch ihre Zimmertür hinter sich zu. Dabei hätte die 24-jährige Anglistikstudentin erwartet, dass sie gerade mit ihrer Freundin über auftretende Probleme sprechen könnte. «Und zwar persönlich, nicht nur über Zettel.» So scheiterte nicht nur die WG, sondern auch die Freundschaft.

Dennoch lassen sich viele mit schlechten WG-Erfahrungen nicht entmutigen, bietet diese Lebensform doch eine Alternative zur Einsamkeit einer Ein-Zimmer-Wohnung. Im besten Fall können die Mitbewohner zum Familienersatz werden. Und falls nicht, so bleibt WG-gestählten Wohnungsteilern wenigstens eine Gewissheit: Wer Putzmuffel und Kommunikationsverweigerer überstanden hat, den kann in anderen zwischenmenschlichen Beziehungen so leicht nichts mehr überraschen.

(Marcus Kirzynowski, epd)

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