netzeitung.deRaus aus der Warteschleife

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Einige hielten Transparente in die Kameras, andere pfiffen oder trommelten auf Öltonnen. Viele der Jugendlichen am Brandenburger Tor diskutierten jedoch auch angeregt mit: Schließlich ging es um «Ausbildung für alle».

Jeremy ist 19 Jahre alt und seit 2002 auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Er schreibt Bewerbungen, absolviert Praktika, engagiert sich. Er würde gerne «stolz drauf sein, dass ich was habe», am liebsten einen Ausbildungsplatz zum Anlagenmechaniker, sagt er bei einer Diskussionsrunde am Brandenburger Tor in Berlin. Doch weil Jeremy in diesem Bereich noch keinen Erfolg hatte, bewarb er sich auch um Plätze im physiotherapeutischen Bereich und als Elektriker. Ebenfalls vergebens.

Unter dem Motto «Streitzeit am Tor» diskutierten am Montag Vertreter aus Politik, Wirtschaft und den Gewerkschaften gemeinsam mit Jugendlichen über das Problem des Ausbildungsplatzmangels. Organisiert hatte die Veranstaltung die Deutsche Gewerkschaftsbund Jugend (DGB-Jugend), Partner sind die Deutsche Wanderjugend, die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in der Bundesrepublik Deutschland und die Landesjugendringe verschiedener Bundesländer. Auch die Lehrergewerkschaft GEW und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi engagieren sich.
Rund 300 Jugendliche waren dazu angereist, schätzt Marco Frank von der DGB-Jugend - einige sogar von so weit her wie Hessen. Viele von ihnen hielten Transparenten in die Kameras, die die Diskussion aufnahmen. Die Veranstaltung wurde live im Internet übertragen sowie am Nachmittag im Fernsehen. Trillerpfeifen und Öltonnen als Schlagzeugersatz rundeten das Geschehen außerhalb der Diskussionsrunde ab.
Jeremy
Einer der vier Jugendlichen auf dem Podium - die anderen saßen im Publikum - war Jeremy. Er sagte, seine Lage habe sich auch durch den im Jahre 2004 abgeschlossenen «Nationalen Pakt für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs», kurz Ausbildungspakt, nicht verbessert. Dieser wurde unter anderem von der Bundesregierung und Industrie- und Handwerksverbänden ins Leben gerufen. Er sieht vor, dass jährlich 30.000 neue Ausbildungsplätze geschaffen werden.

Jedoch, so die DGB-Jugend, bedeute das nicht, dass auf diese Weise 30.000 zusätzliche Plätze geschaffen würden. Vielmehr würden die regulären Plätze reduziert und dann «neue» Stellen geschaffen. Auch der DGB-Vorsitzende Michael Sommer erklärte in der Diskussion, seit Abschluss des Pakts sei «nichts passiert». Deshalb dürfe man jetzt «keine Ruhe geben, bis eine Lösung gefunden ist».

«Wir wollen weg von der Zahlendiskussion», sagte Marco Frank. Anstelle von Statistiken gehe es vielmehr darum, die Schicksale der Jugendlichen zu zeigen, die seit Jahren auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz sind.

«Ausbildung für alle»
«Ausbildung für alle» heißt die große Kampagne von DGB-Jugend, Verdi und GEW, in die die Diskussionsrunde eingegliedert ist. Ihr Ziel ist es, die Situation von über 200.000 Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz zu verändern und eine grundlegend neue Ausbildungsplatzpolitik anzusteuern: Zum Beispiel durch eine Verankerung des Rechts auf einen Ausbildungsplatz im Grundgesetz sowie eine Umlagenfinanzierung der Ausbildungsplätze.

Ein anderes Problem, das der Ausbildungspakt mit sich zieht, wurde ebenfalls diskutiert: die jährlich 25.000 Plätze für ein Einstiegsqualifikationsjahr (EQJ) und andere berufsvorbereitende Maßnahmen würden die Bewerber von Jahr zu Jahr weiterschleifen, ohne Aussicht auf einem Ausbildungsplatz. Als «Bugwelle, die vor sich hergeschoben wird», wurden die Jugendlichen in der Diskussion bezeichnet, die sich in dieser Warteschleife befinden. Und tatsächlich gibt es von Jahr zu Jahr mehr von den so genannten Altbewerbern, die sich bereits im zweiten, dritten oder vierten Jahr um einen Ausbildungsplatz bemühen.

Der Durchbruch lässt warten
Christian und Marvin aus Hildesheim beispielsweise haben beide bald ihren Realschulabschluss in der Tasche, wie sie im Gespräch mit Netzeitung.de erzählten. In den vergangenen Wochen und Monaten haben sie beide zahlreiche Bewerbungen geschrieben. Beide erhielten nur Absagen. Nun werden sie eine Wirtschaftsschule besuchen, doch danach werden sie wieder zur Masse der Bewerber gehören. «Wir hoffen, dass es leichter wird, wenn wir die Wirtschaftsschule besucht haben», sagt Christian. «Sicher kann man sich trotzdem nicht», fügt Marvin hinzu. Was sie machen, wenn es auch im nächsten Bewerbungskampf nicht klappt, wissen sie noch nicht.

Die Vertreter aus der Wirtschaft betonten im Verlauf der Diskussion immer wieder, dass die Zahl der Ausbildungsplätze derzeit steige. So berichtete Markus Ruh, Ausbildungschef bei Adidas, die Anzahl der Plätze habe sich in den letzten Jahren verdoppelt. Einwände dagegen gab es auch: man könne zwar von Teilerfolgen sprechen, doch der Durchbruch lasse noch auf sich warten.

Lösung zieht «Bürokratiemonstrum» mit sich
Die DGB-Jugend hat klare Vorstellungen davon, wie dieser Durchbruch zu erreichen ist: sie schlägt vor, dass alle Betriebe, Unternehmen und Verwaltungen sich entweder an der Ausbildung beteiligen, oder an der Umlagenfinanzierung beteiligen. Diese wiederum käme den ausbildenden Betrieben zu Gute. Auch dieser Vorschlag hat seine Gegner, eines ihrer Hauptargumente ist der damit verbundene Aufwand, das «Bürokratiemonstrum», das geschaffen würde.

Viel wurde während der Diskussionsrunde besprochen, Meinungen und Schicksale angehört, Lösungsvorschläge und Statistiken ausgetauscht. Doch das Resultat bleibt vage. Die betroffenen Jugendlichen dürften die Hoffnung nicht aufgeben, sie sollten sich weiterhin bewerben und hartnäckig ihre Ziele verfolgen, so die Vertreter aus Wirtschaft und Politik.

Kaum neue Impulse
Katharina, die als Stellvertretende Landesschulsprecherin in Hessen zu den Veranstaltern gehört, sieht die Veranstaltung als «kleinen Schritt». Sie selbst hat derzeit einen Ausbildungsplatz, doch in ihrem Betrieb gibt es insgesamt 40 Azubis, die Chance, übernommen zu werden ist dementsprechend gering. Nach der Ausbildung möchte sie ihr Fachabitur machen, um Berufsschullehrerin zu werden. Für sie die einzige Möglichkeit weiterzukommen: «Eine weitere Ausbildung kommt für mich nicht in Frage; ich habe schon eine und möchte niemandem den Platz wegnehmen«, sagte sie Netzeitung.de.

Jens, der ebenfalls an der Diskussionsrunde teilnahm, sagt rundweg «Nein» auf die Frage, ob ihn die Veranstaltung weitergebracht hat, neue Impulse hat er nicht bekommen. «Ich werde weitermachen wie bisher, Bewerbungen schreiben und kämpfen.»

«Die Symbolik war das wichtigste, es ist positiv, dass sich so viele Vertreter als ansprechbar erwiesen haben. Darüber hinaus ist aber kaum Neues gesagt worden», sagt Marco.

Der DGB und die DGB-Jugend kündigen weitere Aktionen an, bis die Situation sich ändert. Ab dem kommenden September wird eine Petition ausliegen, in der ein sogenanntes Grundrecht auf Ausbildung gefordert wird, das im Grundgesetz verankert werden soll.

Weitere Informationen zu dem Thema sind im Internet unter www.ausbildung-fuer-alle.de zu finden; Tips und Hilfe bei Fragen rund um die Themen Bewerbung und Ausbildung gibt es unter www.dr-azubi.de.


Für das Web ediert von Marie Fröhlich