Netzeitung Logo
 
DruckenVersenden
 

«Bildung muss angemessen bezahlt werden»

19. Jun 2007 08:58
Mangelnde Weiterbildung bremst Aufschwung
Bild vergrößern
Deutschland investiert zu wenig in Aus- und Weiterbildung, meint Arbeitsmarktexperte Seifert von der Böckler-Stiftung im Gespräch mit Markus Scheffler. Das räche sich jetzt im Aufschwung.

Der Aufschwung am Arbeitsmarkt wird durch fehlende Investitionen in die Aus- und Weiterbildung gebremst. Die «Defizite in der beruflichen Weiterbildung und der Mangel an gut ausgebildeten Arbeitskräften behindern eine stärkere Dynamik auf dem Arbeitsmarkt», sagte Hartmut Seifert, von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, im Gespräch mit Netzeitung.de.

Der aktuelle Mangel an Fachkräften sei zwar nicht ungewöhnlich, aber hausgemacht: So hätten die Unternehmen zu wenig für die Personalentwicklung unternommen. Dass die Bundesagentur für Arbeit ihre Weiterbildungsprogramme eingedampft habe, mache sich ebenfalls bemerkbar. «Das rächt sich jetzt mit einer Knappheit an gut qualifizierten Arbeitskräften.» Die zunehmende Alterung der Gesellschaft werde die Situation in einigen Jahren noch verschärfen.

Markus Scheffler sprach mit dem Leiter des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung über die Lage am Arbeitsmarkt, Bildungsdefizite und die Folgen des demographischen Wandels für den Arbeitsmarkt.

Hartmut Seifert
Bild vergrößern
Netzeitung.de: Der Aufschwung schlägt mittlerweile auf den Arbeitsmarkt durch. Manche Branchen beklagen bereits einen Fachkräftemangel. Droht der Aufschwung daran zu ersticken?

Hartmut Seifert: Nein, ersticken wird der Aufschwung daran nicht, aber die Defizite in der beruflichen Weiterbildung und der Mangel an gut ausgebildeten Arbeitskräften behindern eine stärkere Dynamik auf dem Arbeitsmarkt. Die Entwicklung ist aber nicht ungewöhnlich: In allen Aufschwungsphasen der vergangenen Jahrzehnte haben sich Engpässe bei der Rekrutierung von Fachkräften ergeben.

Netzeitung.de: Welche Berufsgruppen sind derzeit heiß begehrt?

Seifert: Vor allem Ingenieure werden derzeit händeringend gesucht. Das ist in allen Branchen zu beobachten und wird auch noch länger anhalten.

Netzeitung.de: Ist die bessere Lage am Arbeitsmarkt auch ein Vorbote des demographischen Wandels, oder ist das weitgehend konjunkturell bedingt?

Seifert: Die Entspannung am Arbeitsmarkt ist konjunktureller Natur. Das Wirtschaftswachstum ist höher und robuster als erwartet. Hinzu kommt, dass die Firmen in den vergangenen Jahren zu wenig in die Aus- und Weiterbildung investiert haben. Parallel hat die Bundesagentur für Arbeit ihre Fördermaßnahmen für die Qualifizierung von Arbeitslosen zurückgefahren. Das rächt sich jetzt mit einer Knappheit an gut qualifizierten Arbeitskräften.

Netzeitung.de: Der demographische Wandel wird dazu führen, dass künftig weniger gut ausgebildete Mitarbeiter zur Verfügung stehen. Wird Deutschland dadurch in seinen wirtschaftlichen Potenzialen beschnitten?

Seifert: Wenn die Unternehmen nicht mehr für die Aus- und Weiterbildung tun, geht das auf Kosten des Wirtschaftswachstums und der Innovationsfähigkeit.

«Es fehlen Bildungs-Anreize»

Mehr in der Netzeitung:
Netzeitung.de: Wie ließe sich dem Fachkräftemangel begegnen?

Seifert: Wir brauchen mehr berufliche Weiterbildung: in den Firmen, aber auch bei den Arbeitsagenturen. Es müssten mehr Anreize gegeben werden, damit Firmen und insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen mehr in Weiterbildung investieren. Gerade den kleineren Firmen ist gar nicht bewusst, was sie in einigen Jahren erwartet. Es wird immer schwerer werden, qualifiziertes Personal zu rekrutieren. Die Unternehmen müssen deshalb aktiv werden und Weiterbildung und Personalentwicklung systematisch planen. Es ist eine ihrer Kernaufgaben, die Mitarbeiter auf dem neuesten technischen und wissenschaftlichen Stand zu halten – nur so können sie ihr eigenes Überleben sichern.

Außerdem muss es für die Beschäftigten selbst attraktive Förderungen geben. Viele können sich die Weiterbildung schlicht nicht leisten.

Netzeitung.de: Reicht die in der vergangenen Woche vorgestellte Initiative von Bundesbildungsministerin Annette Schavan aus?

Seifert: Nein, das ist viel zu wenig. Mir fehlt ein ganzheitlicher Ansatz, der schon in der Schule beginnt. Wir brauchen uns nur die Ergebnisse der PISA-Studie anzusehen und schauen, wie es die Skandinavier machen. Die Schüler werden besser und schneller ausgebildet und stehen damit dem Arbeitsmarkt früher zur Verfügung.

Im Berufsleben selbst benötigen die Beschäftigten nicht nur finanzielle Anreize wie günstige Kredite oder steuerliche Vergünstigungen, sondern attraktive Angebote von den Arbeitgebern. Es muss klar sein, dass sich Weiterbildung lohnt. Bildung muss angemessen bezahlt werden. Schließlich gehört dazu auch Bildungsurlaub.

Außerdem brauchen die Betroffenen Beratung. Es geht nicht um Bildung um ihrer selbst willen, sondern um gezielte Weiterbildung für einen bestimmten Zweck. Da ist es nicht nur schwer, die richtigen Bildungsangebote zu finden. Diese müssen auch bewertet werden. Dafür ist eine unabhängige Beratungsstelle erforderlich, die die didaktische Qualität der Angebote und deren Inhalte beurteilt.

Schließlich müssen die Arbeitsagenturen dazu angehalten werden, mehr für die Qualifizierung zu unternehmen. Finanzierbar wäre das aus den Beitragseinnahmen und Überschüssen allemal.

Netzeitung.de: Wann wird die zunehmende Alterung der Gesellschaft sich am Arbeitsmarkt bemerkbar machen?

Seifert: Ab 2015 wird die alternde Gesellschaft auf den Arbeitsmarkt durchschlagen. Allerdings wird das ein allmählicher Prozess. Wir werden also nicht abrupt Vollbeschäftigung haben.

Vollbeschäftigung kommt nicht von allein

Interview:
Netzeitung.de: Wird der demographische Wandel also von allein eine Besserung am Arbeitsmarkt mit sich bringen?

Seifert: Nein, zu glauben, dass sich alle Probleme auf einen Schlag in Luft auflösen, ist absurd. Die Hände in den Schoß zu legen, wäre deshalb fatal. Wir brauchen auch Wirtschaftswachstum, um den hohen Sockel an Arbeitslosigkeit gerade bei den Geringqualifizierten abzubauen.

Netzeitung.de: Dürfte sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt denn so verbessern, dass auch die Rente mit 67 verkraftbar ist?

Seifert: Dazu bedarf es mehr als einer konjunkturell oder demographisch bedingten Entspannung am Arbeitsmarkt. Die Menschen müssen auch gesundheitlich in der Lage sein, länger zu arbeiten.

Anzeige: 

NZ-Stellenmarkt

Die größte Stellensuchmaschine mit über 300.000 Angeboten: Nutzen Sie den Stellenmarkt und finden Sie Ihren Job. weiter
 
Drucken
VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
Live Top 5
netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
Aus anderen Ressorts
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Dr. Robert Daubner | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.