Die Warnung des britisch-deutschen Soziologen Ralf Dahrendorf Anfang der 90er Jahre vor dem Entstehen einer neuen Unterschicht habe sich bewahrheitet. «Wir erleben eine immer deutlichere Spaltung der Gesellschaft», mahnte der Sozialpädagoge. «Während einerseits der Reichtum kontinuierlich wächst, nimmt zugleich die Armut ständig zu.» Es gebe in Deutschland ganz klar ein Verteilungsproblem.«Wir produzieren sehenden Auges fortlaufend die nächsten Problemgenerationen», sagte Merten. «Kinder, die in solchen Familien aufwachsen, die oft schon in der zweiten und dritten Generation von Sozialhilfe leben, erfahren gar nicht, wie es ist, von normaler Erwerbsarbeit zu leben. Sie lernen dafür alle Kniffe und Strategien, um mit staatlichen Transferleistungen und ohne Arbeit über die Runden zu kommen.» Das sei nicht nur für die betroffenen Familien, sondern vor allem gesamtgesellschaftlich verheerend.
Mehr Geld in die Familien zu geben, wie es derzeit diskutiert werde, sei wenig sinnvoll. «50 Euro mehr Kindergeld, das nützt allein nichts», unterstrich der Professor für Sozialpädagogik an der Friedrich-Schiller-Universität. «Wir wissen nicht, ob das Geld zielgerichtet ankommt. Die richtige Strategie ist, den Familien indirekte Transferleistungen zukommen zu lassen, die unmittelbar die Kinder erreichen. So müssen diese Familien freie Kita- oder Hortplätze erhalten, wo ihre Kinder auch gratis Essen und Trinken bekommen. Die Mädchen und Jungen können so die Bildungsangebote in den Einrichtungen nutzen, denn die brauchen sie am dringendsten. In manchen Unterschichtfamilien fehlt es ja sogar an Kinderbüchern.»