Mobbing kann auch Azubis treffen
16.04.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Dem Mobbingreport der Bundesanstalt aus dem Jahr 2002 zufolge ist die Gruppe der unter 25-Jährigen am stärksten von Mobbing betroffen. Die damalige Befragung ergab, dass 3,7 Prozent der unter 25-Jährigen schon einmal gemobbt wurden. Im Durchschnitt aller Erwerbstätigen sind es nur 2,7 Prozent. Die Zahlen seien immer noch aussagekräftig, sagt Beate Beermann von der BAuA. «Und für Auszubildende ist das Risiko besonders hoch.» Ihre Quote liege bei 4,4 Prozent, und damit deutlich über dem Gesamtdurchschnitt der Erwerbstätigen.
Dabei werde der Azubi meist nicht vom Vorgesetzten gemobbt, sondern in erster Linie von Mit-Azubis und anderen Kollegen, sagt Beermann. Häufig schwingen Rivalität und die Angst um den Arbeitsplatz mit. «Bei Mobbing geht es auch oft um Leistungsstandards», sagt Beermann. Dort wo zu wenig Leistung erbracht wird, werde darauf herumgehackt. Wo Azubis fleißig sind, werden sie zurückgepfiffen, weil sie den Standard verderben.
«Azubis werden häufig auch ohne Grund kritisiert», sagt Marco Frank von der DGB-Jugend in Berlin, der mit anderen DGB-Mitarbeitern als «Dr. Azubi» Mobbingopfer in einem Internetforum betreut. Häufig würden die jüngeren Mitarbeiter lächerlich gemacht, ihre Leistung werde angezweifelt. Eine Auszubildende habe zum Beispiel darüber geklagt, dass sie in ein einzelnes Zimmer gesetzt wurde und nur ausbildungsfremde Tätigkeiten erledigen durfte. «Die Begründung lautete, sie sei zu dumm für die Ausbildung.»
Andere würden mit dem Kommentar schikaniert «Lehrjahre sind keine Herrenjahre», erzählt Frank. Gegen Auszubildende, die gut ankommen, werde manchmal auch wegen ihrer Beliebtheit intrigiert. Es werden Sachen versteckt oder die Arbeit wird negativ beeinflusst. «Da verschwinden dann zum Beispiel wichtige Dateien.»
«Oft werden die Mobbingopfer krank», erklärt Marco Frank. Sie bekommen Weinkrämpfe oder Magenprobleme, haben Angstzustände und stellten sich ständig die Frage: «Was habe ich falsch gemacht?» Die jungen Berufstätigen wissen sich nicht zu wehren und bekommen von den Eltern nur zu hören, das sei eben so in der Ausbildung. «Gleichzeitig stehen sie unter Druck wegen des allgemeinen Lehrstellenmangels.» Spätestens wenn der Job krank macht, sei es aber an der Zeit, den Betrieb oder zumindest die Abteilung zu wechseln.
«Auszubildende sollten das aber nicht einfach hinnehmen», sagt Frank. Sie sollten das Gespräch und Rat suchen, zuerst mit dem Ausbildungsbetrieb, bei der Gewerkschaft, beim Betriebsrat oder in Online-Foren wie www.doktor-azubi.de. «Es kann auch sinnvoll sein, mit dem Mobber selbst zu sprechen - oder mit einer Vertrauensperson in einer Machtposition», sagt Diplompsychologin Karin Joder aus Kiel.
Wenn keine Lösung im Betrieb gefunden werden kann, können sich Auszubildende an den Ausbildungsberater der jeweiligen Industrie- und Handelskammer (IHK) wenden. Wenn auch seine Unterstützung zu keinem Ergebnis führt, kann ein Azubi nicht sofort beim Arbeitsgericht klagen, sondern muss sich zunächst an den Schlichtungsausschuss der IHK wenden, erklärt Harald Töltl, Jurist bei der IHK der Region Stuttgart.
In einem Schlichtungsverfahren werde dann bestenfalls ein Vergleich geschlossen. Einigen sich die Beteiligten nicht, fällt der Ausschuss einen Spruch. «Das kann wie ein Urteil wirken, wenn beide Seiten - also Auszubildender und Arbeitgeber - den Spruch anerkennen.» Erst wenn das Schlichtungsverfahren ergebnislos bleibt, könne der Azubi Klage beim Arbeitsgericht einreichen.
Bevor er sich zur Wehr setzt, sollte er klären, ob das Verhalten tatsächlich als Mobbing gilt. «Mobbing ist systematisches Hinausekeln über einen längeren Zeitraum», erklärt Karin Joder. Nach der wissenschaftlichen Definition müssen Mobbinghandlungen mindestens einmal pro Woche über einen Zeitraum von mehr als einem halben Jahr vorkommen.
«Es ist auch wichtig, dass Azubis versuchen, das Problem zu identifizieren», sagt Beate Beermann. Viele geben die Ausbildung ganz auf und schieben die negativen Erlebnisse auf den jeweiligen Beruf - nach dem Motto «Das ist nichts für mich».
«Natürlich sind das Erfahrungen, die prägen», sagt Joder. Allerdings sollten Azubis die Chance ergreifen und versuchen, daraus zu lernen. Warum die Situation eskaliert sei, könne zum Beispiel in einer Therapie aufgearbeitet werden. «Oft hat der Gemobbte bestimmte Schlüsselreize», sagt Joder. Wenn er das weiß, könne er auch etwas daran ändern.
Für den Start in ein anderes Umfeld sei das angekratzte Selbstbewusstsein natürlich schlecht. «Meistens sind die Auszubildenden nicht so stabil, dass sie alles auf die Außenwelt schieben», sagt Beermann. Auch wenn sie eigentlich überhaupt nichts dafür können, rät sie Azubis dazu, das Mobbing in Bewerbungen nicht als Grund für den Stellenwechsel anzugeben. «Es wird immer noch als Versagen gewertet», sagt Beermann. Eine bessere Begründung sei die schlechte Ausbildung oder das schlechte Betriebsklima - was ja letztendlich auch stimme. (Annika Graf, dpa)

