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Krise? Welche Krise?

21. Feb 2007 08:30, ergänzt 14:44
Aufschwung in Deutschland: Menschenmassen strömen durch Europa-Passage in Hamburg
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Die Ökonomen stellen sich auf einen längeren Aufschwung in Deutschland ein. Vor 18 Monaten sah das noch ganz anders aus. Marcus Gatzke über hysterische Experten in der Medienrepublik.

Vom «Weltmeister der Arbeitslosigkeit» zur «sensationellen Trendwende» – die Euphorie über die Entwicklung am deutschen Arbeitsmarkt und die boomende Konjunktur ist derzeit kaum zu bändigen. Dabei war Deutschland vor kurzem noch mausetot.

Mehr in der Netzeitung:
«Aufschwung 2006 bringt kaum Jobs» titelte die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» im Dezember 2005. Von einer «lähmenden Abwärtsspirale aus Wachstumsschwäche und Dauerarbeitslosigkeit» sprachen die Speerspitzen der neoliberalen Reformfront in einem Aufruf in der «FAZ». IW-Chef Michael Hüther forderte in der «Wirtschaftswoche» einen «Big Bang».

Von Sinn und Unsinn

Hans-Werner Sinn
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Der von «Bild» zum klügsten Ökonomen Deutschlands ausgerufene Hans-Werner Sinn – seines Zeichens Präsident des Ifo-Instituts in München - verstieg sich in seinem Buch «Die Basar-Ökonomie» zu Aussagen wie: Der Export-Boom sei eine «fiebrige Überreaktion eines kranken Körpers» oder «Der Export-Boom ist eine Supernova, die dem Sterben des Sterns vorausgeht.» Die Lösung hieß unisono: brutale Reformen. Weg mit dem Tarifkartell und dem Kündigungsschutz - und her mit der Flat-Tax.

Regelmäßig sonntags um 21:45 Uhr in der ARD wurde die «notwendige» Reform-Agenda durchexerziert. «Wer schenkt den Wählern jetzt reinen Wein ein?», fragte Polit-Talkerin Sabine Christiansen am 19. Juni 2005. Die Antwort: Nur ein harter und konsequenter Reformkurs könne das Land retten. Wie eine Gebetsmühle wiederholte der Star-Gast der Sendung, Hans-Werner Sinn, diese These. Nur 18 Monate später fragt Christiansen: «Aufschwung für alle?»

Aufschwung wird weitergehen

Interview:
An der Struktur der deutschen Wirtschaft hat sich in den Monaten dazwischen nicht viel geändert – radikale Reformen sind ausgeblieben. Trotzdem wuchs die Wirtschaft in Deutschland 2006 um 2,7 Prozent. Es entstehen Arbeitsplätze, und auch die seit Jahren lahmende Binnenkonjunktur hat wieder etwas an Schwung gewonnen. Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) konnte das zuvor fünf Mal in Folge verfehlte Defizit-Kriterium des Stabilitätspakts spielend einhalten.

Für 2007 gehen einige Experten schon von einem Wachstum nahe zwei Prozent aus – trotz Erhöhung der Mehrwertsteuer um drei Prozentpunkte. Sogar Professor Sinn musste Ende 2006 erkennen, dass der Aufschwung 2007 weitergehen wird - und sogar «möglicherweise bis ans Ende des Jahrzehnts» anhalten wird.

«In the long run we are all dead»

Jürgen Kromphardt
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Natürlich wird das Problem der Massen- Arbeitslosigkeit in Deutschland nicht allein mit einem mehrjährigem Aufschwung gelöst. Zu stark verfestigt hat sich die seit Jahren angestiegene Langzeitarbeitslosigkeit, zu gering qualifiziert sind viele der seit Jahren ohne Job lebenden Empfänger von Arbeitslosengeld II.

Mehr im Internet:
«Entscheidend ist, dass sich eine ökonomische Grundansicht durchgesetzt und bewahrheitet hat: Ohne steigende Nachfrage geht es nicht», analysierte Jürgen Kromphardt, früheres Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Ende Dezember auf Netzeitung.de.

Für die, bei denen sich diese Einsicht noch nicht durchgesetzt hat, ist der Aufschwung am Arbeitsmarkt wohl auch deshalb «für deutsche Verhältnisse geradezu sensationell». Ein Absinken auf drei Millionen Arbeitslose sei jetzt möglich, hofft IW-Chef Hüther in «Bild». So falsch der überbordende Pessimismus war, so falsch könnte jetzt der überschwängliche Optimismus sein. Denn in der Ökonomie ist nur eines sicher, wusste schon John Maynard Keynes: Auf lange Sicht sind wir alle tot.

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