netzeitung.deUni-Absolventen arbeiten oft unbezahlt

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Praktikant in der Mittagspause (Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH)

Lupe Praktikant in der Mittagspause
Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH

Ein Studium ist kein Freifahrtschein für die Karriere, sondern für ein Praktikum: Fast die Hälfte aller Absolventen muss nach dem Examen mindestens ein Praktikum machen - viele arbeiten umsonst.

Von Markus Scheffler

Früher haben die Eltern noch zu Abitur und Studium geraten, weil die Kinder es dann angeblich einmal besser haben. Daraus wird aber häufig nichts – zumindest vorerst. Das Studium garantiert nämlich keine sicheren beruflichen Perspektiven und auch nicht unbedingt ein höheres Gehalt.

Vielmehr ist es die Voraussetzung für den Einstieg auf dem Arbeitsmarkt und kein Ticket zur Karriere. So fasst die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung das Ergebnis einer Studie zur Beschäftigungssituation von Absolventen in den ersten Jahren nach dem Hochschulabschluss zusammen. «Praktika nach dem Studium sind zu einer Form der Übergangsarbeitslosigkeit von Hochschulabsolventen geworden», resümieren Studienleiter Dieter Grühn und Heidemarie Hecht von der Freien Universität Berlin.

Keine Chance ohne Praktikum
Schizophren ist die Situation für die Absolventen, weil die Firmen laut der Studie einerseits immer höhere Anforderungen an die Berufseinsteiger stellen, gleichzeitig sinkt aber deren Bereitschaft, Hochschulabsolventen auch dauerhaft zu beschäftigen und dafür fair zu bezahlen.

So ist laut der Studie der Anteil der Absolventen, die nach dem Examen noch ein Praktikum absolvieren, seit 2000 von 25 auf 41 Prozent gestiegen – nahezu die Hälfte davon arbeitet außerdem umsonst. Dabei ist die Bezeichnung Praktikum oftmals Etikettenschwindel: Meist handele es sich nämlich um verdeckte reguläre Beschäftigung, bei der nicht das Lernen im Vordergrund steht, sondern das kostenlose oder preiswerte Arbeiten.

Geisteswissenschaftler häufiger betroffen
Die Häufigkeit von Praktika nach dem Examen hängt laut der Studie auch von der Studienrichtung ab: Überdurchschnittlich verbreitet sind demnach Praktika bei den Absolventinnen und Absolventen in geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Fächern. Jura-Studenten machen indes vergleichsweise selten ein Praktikum.

Eine Vielzahl der Praktika dauert außerdem laut der Untersuchung sechs Monate und länger: 59 Prozent der Praktika ging bis zu sechs Monate. 26 Prozent dauerten zwischen sieben und zwölf Monaten, 15 Prozent sogar länger als ein Jahr. Dabei ist nicht nur die Dauer der Praktika ein Problem: Nahezu jeder fünfte Absolvent bekommt für die Zeit der Beschäftigung überhaupt kein Geld. 61 Prozent der Praktikanten müssen deshalb die Eltern um Geld bitten, jeder Dritte greift auf Ersparnisse zurück.

Nebenbei noch jobben
Immerhin 39 Prozent aller Praktikanten muss der Studie zufolge nebenbei noch für Geld jobben. Im Klartext: Wer kein Geld oder keine vermögenden Eltern hat, kann sich ein Praktikum gar nicht leisten – was das berufliche Fortkommen noch weiter erschwert – oder am Abend und am Wochenende einer bezahlten Arbeit nachgehen.

Auch ein oder mehrere Praktika garantieren außerdem noch keine Karriere: Gerade einmal 39 Prozent der Absolventen haben dreieinhalb Jahre nach Studienende einen unbefristeten Vertrag in der Tasche. Vier Prozent sind arbeitslos gemeldet. Die übrigen sind freiberuflich tätig oder haben sich selbständig gemacht.

Arbeitgeber verlangen häufig in Stellenbeschreibungen, dass Bewerber schon während ihres Studiums ein Praktikum absolviert haben. Laut der Studie nutzt das aber kaum etwas: Auch wer schon während des Studiums in die Lehre gegangen ist, kommt oftmals um ein Praktikum nach dem Examen nicht herum.

Ein Dritte unzufrieden mit Fächerwahl
Doch trotz der düsteren Aussichten ist den Absolventen die Lust am Studium noch nicht vergangen: Immerhin 90 Prozent der Befragten würden noch mal studieren – allerdings würden mit 62 Prozent nicht einmal zwei Drittel dasselbe Fach wählen.

Die Gewerkschaft schlägt angesichts der Zahlen Alarm: Praktika müssten gesetzlich eindeutig als Lernverhältnis definiert werden, fordert DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock. Außerdem solle die Dauer des Praktikums auf längstens drei Monate begrenzt werden. Ferner müsse die Zeit des Lernens und der beruflichen Orientierung «angemessen entlohnt werden».