netzeitung.de«Man arbeitet Vollzeit, aber Hartz IV bleibt»

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Brigitte Rieger an ihrem Arbeitsplatz (Foto: Bettina Less/ nz<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Brigitte Rieger an ihrem Arbeitsplatz
Foto: Bettina Less/ nz
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Seit einem Monat fahren Langzeitarbeitslose in Leipziger Straßenbahnen mit, um den Fahrgästen besseren Service zu bieten. Eine Netzeitungs-Reporterin begleitete eine von ihnen bei ihrer Schicht.

Von Bettina Less, Leipzig

Die neue, blau-orangene Straßenbahn der Linie sieben rattert nur leise. Geschmeidig schlängelt sie sich durch Leipzigs Osten: graue Häuserzeilen, abgerissene Markisen vor den Geschäften, zugemauerte Fenster und Türen. Dazwischen ragen nur wenige Altbauten durch ihren frischen Anstrich heraus.

«Das war Anfang der Neunziger mal eine feine Adresse», sagt Brigitte Rieger. Sie ist klein, und in ihren braunen, dauergewellten Haaren sind noch Reste einer rötlichen Färbung zu sehen. «Jetzt wohnen hier eher sozial Schwache, weil die Mieten so billig sind.»
Sicherheit in Leipzigs Bahnen

Brigitte Rieger ist offiziell langzeitarbeitslos, jobbt aber im so genannten Begleit-Dienst «Aktiv-Office» der Leipziger Verkehrsbetriebe LVB. Auf Ärmel und Hemdkragen ihrer grau-blauen Uniform steht in goldgelber Schrift «Service».
Am Ausstieg der Straßenbahn, die sie liebevoll sächselnd «meene Bimmel» nennt, hält sie sich an einer Stange fest, wenn es in die Kurven geht.

Sie und ihre Kollegen sollen mit ihrer bloßen Anwesenheit für mehr Sicherheit und weniger Vandalismus in Leipzigs Bahnen sorgen, beim Ein- und Aussteigen helfen, über den Fahrplan informieren. Wie bei normalen Ein-Euro-Jobs auch dürfen sie allerdings nichts tun, wofür eine reguläre Stelle geschaffen werden müsste.

600 Bewerber auf 300 Stellen
Der Unterschied zu anderen Ein-Euro-Jobs ist, dass er nicht auf ein halbes Jahr befristet ist, sondern auf drei Jahre. Und: Er ist freiwillig. Brigitte Rieger musste sich bewerben und im Vorstellungsgespräch überzeugen. Auf 300 ausgeschriebene Stellen kamen 600 Bewerber.

«In Richtung unserer Endhaltestellen sieht die Stadt schon recht schäbig aus», sagt Rieger. Die Linie sieben sei vielleicht deswegen besonders von Vandalismus betroffen, zerkratzte Scheiben, kaputte Sitze, Graffitis. Das sei so ein «bestimmtes Klientel», das hier nachts fahre, sagt Rieger.

Eine Schicht wird in Zweier-Teams gefahren und dauert sechs Stunden. «Manchmal geht das dann bis 1.20 Uhr», sagt Rieger. «Party-Bahn-Dienst» nennen sie das, wie sie lachend erzählt. Zum Feiern ist denjenigen, die diese Schicht bekommen, aber nicht zumute.

«Da gibt es schon mal blöde Anmachen. Die Jugendlichen sagen dann abfällig ´Guck mal, da sind wieder die Ein-Euro-Jobber´ und lachen dann.» Aber wenn sie mit sich im Reinen sei, dann seien ihr die Blicke egal, sagt Rieger. Sorgen mache es ihr eher, wenn die Leute andere Fahrgäste belästigen. Dann nämlich muss sie sich überlegen, ob sie einschreitet oder ob die eigene Sicherheit vorgeht. Das hat sie im Deeskalationstraining gelernt, bevor sie den Job angetreten hat.
Betrunkene Fahrgäste pöbeln herum
Bei einer Nachtfahrt war ein Fahrgast sturzbetrunken, pöbelte herum. Sie und ihr Kollege mussten ihn ermahnen, «erst einmal, dann ein zweites Mal. Dann haben wir ihm gedroht, dass wir gleich von unserem Hausrecht Gebrauch machen.» Daraufhin sei er ausgestiegen – glücklicherweise. Anfassen nämlich dürfen die Fahrgast-Begleiter die Leute nicht – sie sind schließlich nicht die Polizei oder ein Sicherheitsdienst.

Wenn es darauf ankommt, können sie nur mit ihren Diensthandys die Polizei anrufen. In solchen Situationen «rutscht einem schonmal das Herz in die Hose», sagt Rieger. Dabei ist sie eigentlich eher eine robuste Frau, die nicht wirkt, als könne sie noch etwas erschüttern.

Eigentlich sei es aber ein unspektakulärer Job. Für die Fahrgäste da sein, ab und zu ein positives Feedback von ihnen bekommen, das findet Rieger schön. Sie hat Spaß an ihrer Arbeit, ist froh, nicht mehr so isoliert zu sein wie vorher.

Es gab Zeiten in ihrem Leben, da konnte Rieger das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, nicht mehr ertragen. «Manchmal hat man die Faxen dicke, wenn man mal zweieinhalb Jahre zuhause war.» Das war die längste Zeit am Stück, die sie arbeitslos war. Sie spricht in der unpersönlichen Form von sich, als ob sie sich dadurch von dieser Zeit besser abgrenzen könnte. Die Worte kommen zögernd. «Da war man mental am Boden, verkriecht sich zuhause, will nirgends mehr hin. Man hat keine Hoffnung.»
Karriere-Ende nach der Wende
Dabei hatte Rieger einmal eine glänzende Karriere vor sich. Nach der Schriftsetzer-Lehre studierte sie Gesellschafts-Wissenschaft und schloss mit einem Diplom ab. Den Titel darf sie «in Westdeutschland» aber nicht tragen. «Das waren systemrelevante Bildungsinhalte, die ich studiert habe. Das zählt seit 1990 nichts mehr.»

Zu DDR-Zeiten arbeitete sie für die Gewerkschaft und schaffte es bis in die Betriebs- Gewerkschaftsleitung – ein angesehener Posten, auch bei den Mitarbeitern. «Nach der Wende hat mir das aber nur geschadet.» Ganz leise sagt sie das und ein wenig bitter. Eigentlich wäre es ihr lieber, wenn niemand wüsste, was sie damals machte. Man könne ja nie wissen, ob es die Arbeitgeber störe. Sie seufzt. Als die DDR zusammenbrach, war es mit der Karriere vorbei. Damals war sie 37 Jahre alt. Seitdem hatte sie nie wieder einen festen Job.

Wie viele Bewerbungen Brigitte Rieger in den letzten Jahren geschrieben hat, hat sie nicht gezählt. «Ich habe mich einfach so viel wie möglich beworben. Überall. Und beim Arbeitsamt frage ich auch regelmäßig nach. Schon aus Trotz.» Ihr Lachen deutet an: Eine Stelle haben die ohnehin nicht für sie.

«In meinem Alter ist das schon schwierig», sagt die 53-Jährige. Sie machte Fortbildungen und Umschulungen, zur Personal-Referentin und zur Online-Redakteurin. Hangelte sich dann von einer Arbeitsplatzbeschaffungsmaßnahme zur nächsten, engagierte sich ehrenamtlich und macht sogar Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für einen großen Leipziger Verein.

«Hartz IV bleibt trotzdem»
Der Job als Fahrgast-Begleiterin gibt ihr zumindest für die nächsten drei Jahre eine Perspektive. Dennoch liegen die Schattenseiten auf der Hand: «Wie soll ich das sagen. Man arbeitet eben fast Vollzeit, und Hartz IV bleibt trotzdem.» Je nach Einsatz verdienen sich die Langzeitarbeitslosen bis zu 150 Euro monatlich dazu. Sie arbeiten etwa 30 Stunden die Woche. Richtig unabhängig fühlt sich Rieger nicht. Obwohl sie arbeitet, hat sie auch weiter Bewerbungs-Pflicht. Sie solle selber versuchen, ihre Situation zu beenden, sagt ihr die Arbeitsagentur.

Wie es nach dem Job als Fahrgastbegleiterin weitergeht? Die LVB haben den Langzeitarbeitslosen gesagt, dass die Teilnehmer «bei entsprechender Eignung» gute Chancen auf eine feste Stelle hätten. «Das wäre schon schön», findet Rieger. «Aber immer heißt es: könnte, würde, sollte.» Was in drei Jahren geschehe, könne ja niemand wissen. Natürlich hoffe sie darauf. «Aber ob es dann reicht und man 'würdig' ist für das Unternehmen?», fragt sie lachend in das Rattern der Straßenbahn hinein. «Naja, wer weiß.»