18.10.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Bedürftige betreten eine Suppenküche
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Mehrere Millionen Bedürftige in Deutschland nehmen einer Studie zufolge ihren Anspruch auf staatliche Hilfen nicht wahr. Zugleich widerspricht sie gängigen Thesen über negative Arbeitsanreize staatlicher Grundsicherungszahlungen. Thema: Armut in Deutschland SPD will mehr öffentliche Beschäftigung Wohlfahrtsverband fordert Vermögenssteuer «Wir haben eine gespaltene Gesellschaft» Armutsdebatte spaltet die SPD Hartz für Thierse nicht Grund für Sozialabstieg Armutsforscher fordert mehr Druck auf Reiche
1,9 Millionen Erwerbstätige in Deutschland nehmen ihren bestehenden Anspruch auf staatliche Unterstützung nicht wahr und leben damit in so genannter verdeckter Armut. Zu diesem Ergebnis kommt die Frankfurter Verteilungsforscherin Irene Becker in einer Studie für die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung. Damit liege die Zahl der bedürftigen Geringverdiener etwa drei Mal so hoch wie die 900.000 gemeldeten «Aufstocker», hat Becker errechnet.
Betroffen seien vor allem gering Qualifizierte, Teilzeitbeschäftigte, die keine volle Stelle finden, sowie Familien mit drei oder mehr Kindern. «1,5 Millionen Haushalte schützt auch ein Vollzeiteinkommen nicht vor Bedürftigkeit», hieß es.
Die Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) verrate somit nur die «halbe Wahrheit» über Hilfebedürftige in Deutschland, sagte die Expertin. Für die Studie verglich sie das Ausmaß der Bedürftigkeit auf Basis einer Datensammlung - des so genannten Sozio-ökonomischen Panels - von 2004 mit aktuellen Zahlen der BA.
Kein «Homo oeconomicus»Insgesamt dürften gut zehn Millionen Menschen einen gesetzlichen Anspruch auf Arbeitslosengeld II oder Sozialgeld haben. Tatsächlich erhielten derzeit aber lediglich 7,4 Millionen Menschen Leistungen nach Hartz IV, wie die Untersuchung zeigt. Sie widerspricht zudem der gängigen These, staatliche Grundsicherungszahlungen verhinderten Arbeitsanreize.
Das theoretische Konzept des rational handelnden «Homo oeconomicus», wonach Einkommensschwache bevorzugt von staatlicher Unterstützung leben statt zu arbeiten, sei «weit von der gesellschaftlichen Realität entfernt», kritisierte Becker. Sie fand zahlreiche Geringverdiener-Haushalte mit einem Einkommen «in einem engen Bereich um das soziokulturelle Existenzminimum» - die es nach dem ökonomischen Modell gar nicht geben dürfte.
Fast ein Drittel der Kinder betroffenOffenbar scheine breiten Schichten das «Bedürfnis nach Eigenständigkeit, Anerkennung und einer längerfristigen Lebensperspektive» wichtiger zu sein als das kurzfristige wirtschaftliche Kalkül, folgerte die Forscherin. Nicht Leistungsmissbrauch sei verbreitet, sondern «Arbeit trotz Mini-Einkommen».
Die Untersuchung werfe auch ein «erschreckendes Schlaglicht» auf die Struktur der Armut am gesetzlichen Existenzminimum: Fast ein Drittel aller Kinder unter drei Jahren, etwa die Hälfte der Alleinerziehenden und ein Viertel der Paare mit drei oder mehr Kindern hätten Anspruch auf staatliche Unterstützung. Nach den Regeln der Hartz-IV-Reformen erhalten 1,9 Millionen Kinder bis 15 Jahren staatliche Leistungen - Anspruch haben laut Becker aber 2,8 Millionen. (nz)