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Befehlsempfänger hadern mit Berufsalltag

02. Okt 2006 10:47
Arbeit im Großraumbüro
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Forscher glauben, ein Mittagsschlaf im Büro erhöhe die Lebenserwartung. Wer ihn nicht genießen kann, sollte in seiner Freizeit etwas machen, was mit dem Beruf nichts zu tun hat, raten Fachleute.

Von Ulrike Roll

Wer arbeitet, sagen die Statistiker, ist gesünder und glücklicher. Allerdings macht nicht jede Betätigung zufrieden. Doch welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit Menschen gerne ins Büro oder in die Fabrik gehen? Diese Frage erforscht Ulrich Winterfeld am Dresdner Berufsgenossenschaftlichen Institut Arbeit und Gesundheit.

Für ihn gilt: Als Arbeitsglück-Faktor steht an erster Stelle die Identifikation mit der eigenen Tätigkeit und dem Unternehmen. Wissenschaftlich und modern heißt das «Commitment». Das kann als «Bindung», «Verpflichtung» oder «Engagement» übersetzt werden. Ein bisschen Stolz muss mitschwingen, wenn jemand berichtet: «Ich arbeite beim Hubermann.» Wenn zudem die eigene Arbeit als wertvoll und sinnvoll betrachtet wird, fühlt sich der Mensch wohl.

Druck auf Angestellte nehmen

Einen weiteren großen Stellenwert besitzt der «eigene Handlungsspielraum», sagt Winterfeld: «Je stärker das Gefühl ist, selbst etwas zu gestalten, desto zufriedener ist der Arbeitnehmer.» Wer sich selbst nur als Rädchen in einer großen Maschine sieht, reduziert zu einem Befehlsempfänger, hadert am ehesten mit seinem Berufsalltag. Auf die Dauer frisst die Unzufriedenheit Körper und
Psyche an, Krankheiten haben ein leichtes Spiel.

Fortschrittliche Unternehmen bemühen sich, Druck von ihren Angestellten zu nehmen und erhöhen damit die Arbeitsfreude. Eine kreative Idee, so der Berufsgenossenschaftler Winterfeld, präsentierte jüngst die Firma Weleda. Im Schwäbisch Gmünder Werk schuf man ein Generationen-Netzwerk: «Ehemalige» unterstützen rund 750 Mitarbeiter im privaten Bereich. Etwa mit Einkäufen, Babysitten, Gartenarbeit oder dem Gang aufs Amt.

Kindergarten als Lockvogel

Im Programm ist eigentlich alles, was den Werktätigen sonst am Arbeitsplatz auf glühenden Kohlen sitzen lässt oder ein schlechtes Gewissen verursacht. Die Entlohnung zwischen dem Ruheständler und dem Arbeitnehmer ist frei verhandelbar. Etliche verzichten auf eine Bezahlung und freuen sich, gebraucht zu werden.

Zum großen Teil sind es Mütter, denen so geholfen wird. Den Alltag zu organisieren, Kinder und Karriere unter einen Hut zu bringen, bleibt meist an ihnen hängen. Mit den geburtenschwachen Jahrgängen werden zunehmend Arbeitgeber um die gut ausgebildeten weiblichen Kräfte buhlen müssen. Der Betriebs- Kindergarten und die Eltern-Beratung dienen so als Lockvögel.

Nicht mit dem Beruf zu tun

Winterfeld betont, wie wichtig es ist, auch das Privatleben zu seinem Recht kommen lassen. «Es ist ungesund, nur für die Arbeit zu leben. Das ist Arbeitssucht. In der Freizeit braucht man eigene Betätigungsfelder», sagt der Arbeitsforscher. Gleichgültig ob man nun gegen einen Ball kickt, im Chor singt, Telefon-Seelsorge leistet oder Orchideen züchtet - es darf nur nichts mit dem Beruf zu tun haben.

Bei großen Firmen dient der Bereich «Work-Life-Balance» dazu, dass Job und Familie nicht miteinander kollidieren. IBM gewährt den Angestellten etwa «Arbeitssouveränität». Lars Gielg, zuständiger Manager für den Bereich Gesundheits- und Arbeitsschutz, erklärt: «Wenn ein Mitarbeiter jeden Morgen um acht Uhr auf dem Weg zur Arbeit im Stau steht, dann kann er auch erst von zu Hause aus arbeiten und um zehn ins Büro fahren.» Und bei einem Kindergartenstreik könne die Mutter oder der Vater zu Hause mit dem Laptop arbeiten. Schließlich biete die Informations-Technologie mit Telefon-Konferenzen und Web-Meetings viele Möglichkeiten.

Die Rückkehr des Mittagsschlafs?

Im Arbeitnehmer-Schlaraffenland kommt auch der gute alte Mittagsschlaf wieder zu Ehren. Nun allerdings in einem dynamischeren Gewand unter dem Namen «power-napping» oder «Energie-Schläfchen». Mario Filoxenidis von der Siesta-Consulting in Wien belegt mit Studien: Ein regelmäßiger Mittagsschlaf erhöht die Lebenserwartung. «Er sollte auf keinen Fall länger als 10 bis 15 Minuten dauern», rät Winterfeld. Manche Firmen bieten bereits Ruheräume oder Plätze für
ein Nickerchen an.

Arbeitgeber sind keine Wohlfahrtsorganisationen, sondern an Profiten interessiert. Doch «die Investitionen in das Humankapital» lohnen sich, betont Winterfeld: Die Motivation der Mitarbeiter und ihre Gesundheit wirken sich direkt auf die Produktivität und Arbeits-Qualität aus. Es kommt zu weniger Fehlzeiten und Bewerber stehen Schlange.

Auslaufmodell Hire-and-Fire

Die in manchen Unternehmen noch verbreitete rüde Behandlung der Angestellten oder die Hire-and-fire-Mentalität hält Winterfeld für ein Auslaufmodell: «Die Firma steht letztendlich nicht gut am Markt da, auch wenn das Controlling das nicht auf Heller und Pfennig rechnen kann.» (epd)

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