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Lupe Falsche Selbsteinschätzung führt zu Jobfrust

Viele Beschäftigte machen sich mit ihren Fähigkeiten und beruflichen Zielen etwas vor, meint Personalberater Lahm in der Netzeitung. Die Folge ist berufliche Unzufriedenheit oder die ständige Flucht in einen anderen Job.

Von Markus Scheffler

Wer sich eine neue Stelle sucht, hofft meist auf ein höheres Gehalt, auf mehr Verantwortung oder eine spannendere Arbeit. Welche Leistungen dafür erbracht werden müssen, welcher Job tatsächlich zu den Vorstellungen von der neuen Stelle passt und ob die nötigen Qualifikationen vorhanden sind, gerät dabei in den Hintergrund. «Oft machen sich Mitarbeiter zu wenig und zu spät Gedanken über ihre nächsten beruflichen Schritte und haben deshalb nur vage berufliche Ziele», sagte Bewerbungscoach Udo Lahm im Gespräch mit der Netzeitung.

Die mangelnde Selbstreflexion über die eigenen Ziele und Fähigkeiten führt Lahm zufolge nicht nur dazu, dass Mitarbeiter nach und nach in ihrem Job ausbrennen – nicht selten ist die Berufswahl selbst schon eine Fehleinschätzung. «Viele irren sich in ihrer Berufswahl, weil sie sich nicht rechtzeitig über ihre Wünsche für das Berufsleben und über die eigenen Fähigkeiten Klarheit verschafft haben», warnt der Personalberater, der eine Heidelberger Personal- und Kommunikationsberatung führt. Die Fähigkeit, sich zu analysieren, sich ein Eigenbild zu machen und sich auch von Dritten spiegeln zu lassen, um das Selbstbild zu hinterfragen, sei ein weit verbreiteter Mangel. Bei der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz würden die Betroffenen deshalb oft nach dem Prinzip Zufall vorgehen.

Flucht in einen neuen Job
Die Folge einer falschen Berufswahl oder einer fehlerhaften Selbsteinschätzung sei eine diffuse berufliche Unzufriedenheit, die sich der Betroffene selbst nicht erklären kann. «Dann wird bei den Kollegen, beim Chef oder der Bezahlung die Ursache gesehen. Die wahren Gründe liegen oft darin, dass die Vorstellung, die ein Mensch von seinem Berufsleben hat, sich im ausgeübten Beruf nicht wiederfinden oder realisieren lassen. Der Job erwartet womöglich ganz andere Qualifikationen als der Mitarbeiter bieten kann.»

Versäumt es der Betroffene, sich über die Ursachen der beruflichen Frustration klar zu werden, werde dann oft die Flucht nach vorn angetreten. «Es passiert häufig, dass jemand unzufrieden ist mit seinem Job und die Lösung in einem Arbeitgeberwechsel gesucht wird.» Der neue Job wird dann mit der Erwartung verknüpft, dass alles besser wird – tatsächlich ist das aber nur eine Flucht vor den Problemen, die in den neuen Job mitgenommen werden. «Deshalb tauchen dieselben Momente der Unlust wieder auf, nur heftiger und noch rascher: Mitarbeiter, die man nicht führen kann, Aufgaben, denen man sich nicht gewachsen fühlt.» Klüger wäre es, die Gründe für die Unzufriedenheit zu finden und zu schauen, ob sich diese nicht im gegenwärtigen Job abstellen lassen, empfiehlt der Jobcoach.

Karriereplanung startet am ersten Arbeitstag
Die Karriereplanung sollte ohnehin nicht erst dann starten, wenn sich Unzufriedenheit einschleicht: Vielmehr sollten Mitarbeiter schon am ersten Tag des neuen Jobs beginnen, sich über ihre Zukunft im Unternehmen Gedanken zu machen, rät Lahm. «Das heißt nicht, dass Mitarbeiter ständig danach schielen sollten, wann der nächste Karrieresprung in Sicht ist. Aber man sollte sich von Anfang an fragen, was einen weiterbringt.» Es gebe zwar immer Positionen, bei denen der nächste Karriereschritt nicht sofort gemacht werden könne. «Aber es sollte eine Entwicklung auf ein bestimmtes Ziel hin möglich und im Lebenslauf sichtbar sein.»

Um die eigenen Stärken und Schwächen herauszufinden, rät der Personalexperte zum Gespräch mit Menschen des Vertrauens oder zu einem professionellen Coach. «Das Coaching kann helfen, sich selbst klarzumachen, wohin man will. Der Coach ist kein Berater, der sagt 'Geh da oder dort hin'. Der Coach bringt den Kunden dazu, selbst zu erkennen, was wichtig für ihn ist und was er auf keinen Fall will.»

Ehrlichkeit in der Selbstwahrnehmung
Dabei gehe es um eine ehrliche Antwort auf die Frage, was einem im Beruf wichtig ist. Das gehe indes über die Analyse der reinen Tätigkeit hinaus, weil weiche Faktoren wie private Ziele hinzukommen würden.

Erst nachdem der Mitarbeiter sich über seine Ziele im Klaren ist, stelle sich die Frage, was daraus für die eigene Karriereplanung folgt. «Viele machen sich gar nicht klar, dass ihre beruflichen Ziele privaten Wünschen widersprechen, weil Überstunden, Wochenendarbeit oder häufiges Reisen und schwierige Personalentscheidungen mit den beruflichen Zielen verbunden sind, der Betreffende das aber gar nicht leisten will.»

Weiche Faktoren gewinnen an Gewicht
Zunehmend seien es außerdem weiche Faktoren, die neben der Ausbildung, besonderen Qualifikationen und Berufserfahrung den Ausschlag bei der Personalauswahl geben: «Arbeitgeber achten bei der Auswahl heute stärker auf weiche Faktoren wie die Persönlichkeit des Bewerbers und dessen soziale Kompetenz, die auch Teil der Managementfähigkeiten sind.» Die rein fachliche Qualifikation, die sich mit der Ausbildung zeige, werde deshalb nicht zweitrangig. «Die weichen Faktoren kommen aber bei der Personalauswahl in selbem Maße zum Tragen.»

Udo Lahm ist Geschäftsführer der Heidelberger Personal- und Kommunikationsberatung Comtract.