Falsche Selbsteinschätzung führt zu Jobfrust
Wer sich eine neue Stelle sucht, hofft meist auf ein höheres Gehalt, auf mehr Verantwortung oder eine spannendere Arbeit. Welche Leistungen dafür erbracht werden müssen, welcher Job tatsächlich zu den Vorstellungen von der neuen Stelle passt und ob die nötigen Qualifikationen vorhanden sind, gerät dabei in den Hintergrund. «Oft machen sich Mitarbeiter zu wenig und zu spät Gedanken über ihre nächsten beruflichen Schritte und haben deshalb nur vage berufliche Ziele», sagte Bewerbungscoach Udo Lahm im Gespräch mit der Netzeitung.
Die mangelnde Selbstreflexion über die eigenen Ziele und Fähigkeiten führt Lahm zufolge nicht nur dazu, dass Mitarbeiter nach und nach in ihrem Job ausbrennen nicht selten ist die Berufswahl selbst schon eine Fehleinschätzung. «Viele irren sich in ihrer Berufswahl, weil sie sich nicht rechtzeitig über ihre Wünsche für das Berufsleben und über die eigenen Fähigkeiten Klarheit verschafft haben», warnt der Personalberater, der eine Heidelberger Personal- und Kommunikationsberatung führt. Die Fähigkeit, sich zu analysieren, sich ein Eigenbild zu machen und sich auch von Dritten spiegeln zu lassen, um das Selbstbild zu hinterfragen, sei ein weit verbreiteter Mangel. Bei der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz würden die Betroffenen deshalb oft nach dem Prinzip Zufall vorgehen.
Versäumt es der Betroffene, sich über die Ursachen der beruflichen Frustration klar zu werden, werde dann oft die Flucht nach vorn angetreten. «Es passiert häufig, dass jemand unzufrieden ist mit seinem Job und die Lösung in einem Arbeitgeberwechsel gesucht wird.» Der neue Job wird dann mit der Erwartung verknüpft, dass alles besser wird tatsächlich ist das aber nur eine Flucht vor den Problemen, die in den neuen Job mitgenommen werden. «Deshalb tauchen dieselben Momente der Unlust wieder auf, nur heftiger und noch rascher: Mitarbeiter, die man nicht führen kann, Aufgaben, denen man sich nicht gewachsen fühlt.» Klüger wäre es, die Gründe für die Unzufriedenheit zu finden und zu schauen, ob sich diese nicht im gegenwärtigen Job abstellen lassen, empfiehlt der Jobcoach.
Um die eigenen Stärken und Schwächen herauszufinden, rät der Personalexperte zum Gespräch mit Menschen des Vertrauens oder zu einem professionellen Coach. «Das Coaching kann helfen, sich selbst klarzumachen, wohin man will. Der Coach ist kein Berater, der sagt 'Geh da oder dort hin'. Der Coach bringt den Kunden dazu, selbst zu erkennen, was wichtig für ihn ist und was er auf keinen Fall will.»
Erst nachdem der Mitarbeiter sich über seine Ziele im Klaren ist, stelle sich die Frage, was daraus für die eigene Karriereplanung folgt. «Viele machen sich gar nicht klar, dass ihre beruflichen Ziele privaten Wünschen widersprechen, weil Überstunden, Wochenendarbeit oder häufiges Reisen und schwierige Personalentscheidungen mit den beruflichen Zielen verbunden sind, der Betreffende das aber gar nicht leisten will.»
Udo Lahm ist Geschäftsführer der Heidelberger Personal- und Kommunikationsberatung Comtract.

