Netzeitung Logo
 
DruckenVersenden
 

Experte nennt Hartz-Streit «skandalös»

31. Mai 2006 13:20
Arbeitslose bei der Arbeitsagentur
Bild vergrößern
«Eine üble Inszenierung» - Arbeitsmarktexperte Hickel hat der Politik vorgeworfen, mit der Hartz-Debatte nur abzulenken. In der Netzeitung plädiert er für einen anderen Umgang mit Langzeitarbeitslosen.

Die Union fordert «Gegenleistungen» von Langzeitarbeitslosen und spricht vom «Milliardengrab» Hartz IV. Die Große Koalition will die Hilfe notfalls auf Null kürzen, werden angebotene Jobs nicht angenommen. Der Streit um eine Reform der Reform wird seit Tagen immer wieder durch neue Forderungen aus der Politik angeheizt.

Rudolf Hickel
Bild vergrößern
Die Netzeitung sprach mit Rudolf Hickel, Direktor des Instituts für Arbeit und Wirtschaft an der Universität Bremen und einer der wenigen bekennenden Keynesianer in Deutschland, über Hartz IV, faule Arbeitslose und zu hohe Kosten.

Netzeitung: Herr Hickel, sind deutsche Arbeitslose fauler als Arbeitslose in anderen Ländern?

Mehr in der Netzeitung:
Rudolf Hickel: Ich finde sehr dramatisch, dass jetzt - nachdem Hartz IV eingeführt wurde - wieder die Debatte ausgebrochen ist, die deutschen Langzeitarbeitlosen seien faul. Das ist schlichtweg Unfug. Hier wird nur davon abgelenkt, dass ein technisch und bürokratisch miserables Gesetz eingeführt wurde.

Der damals zuständige Arbeitsminister Wolfgang Clement hat nicht zugelassen, dass mit Hilfe von Modellversuchen erst einmal getestet wird, wie eine solche Reform überhaupt umgesetzt werden kann. Das katastrophale Gesetz zum Anlass zu nehmen, eine neue Faulheitsdebatte zu führen, finde ich skandalös.

Netzeitung: ... wenn das Gesetz so miserabel ist, muss es geändert werden.

Hickel: Ich bin der Meinung, Reparaturen helfen hier nicht mehr viel. Hartz IV sollte abgeschafft werden. Es muss ganz neu darüber nachgedacht werden, wie in Deutschland mit Langzeitarbeitslosen umgegangen werden soll.

Regelsatz sollte erhöht werden

Netzeitung: Viele Politiker und einige Ihrer Kollegen behaupten, es gebe genügend Arbeitsplätze, nur wolle sie keiner. Die Langzeitarbeitslosen würden lieber nebenher schwarz arbeiten und zusätzlich Arbeitslosengeld II kassieren ...

Hickel: Nun, der Staat hat diese Möglichkeiten selbst geschaffen. Da kommen wir auch zu einem zentralen Punkt: Der Regelsatz beim Arbeitslosengeld II soll das Existenzminimum darstellen, derzeit reicht es aber oft hinten und vorne nicht aus. Deshalb hat der Staat ja auch die Möglichkeit von Ein-Euro-Jobs geschaffen. Ein klares Eingeständnis, dass der Regelsatz nicht hoch genug ist.

In der laufenden Debatte müssen zwei Dinge scharf auseinander gehalten werden. Erstens: Die Höhe des Arbeitslosengeld II kann nicht willkürlich von der Politik festgelegt werden - sie muss zur Sicherung des Existenzminimums ausreichen. Den Satz einfach zu kürzen, geht nicht. In einem anderen Zusammenhang hat dies das Bundesverfassungsgericht auch schon einmal so entschieden.

Der zweite Punkt ist - und da gebe ich vielen Kritikern Recht -, dass die höheren Kosten von Hartz IV auch durch Missbrauch entstanden sind. Richtig wäre es, den Satz zu erhöhen, den Missbrauch jedoch ähnlich scharf wie bei der Steuerhinterziehung zu bekämpfen. Es muss geklärt werden, wer hat Anspruch und wer hat keinen Anspruch.

«Eine perfide Situation»

Netzeitung: In der Debatte entsteht der Eindruck, es gehe nur darum, den deutschen Sozialstaat in Misskredit zu bringen.

Hickel: Ja. Die Öffentlichkeit ist über das miserabel organisierte Gesetz zu Recht empört. Die Schuld gibt die Politik jedoch den Langzeitarbeitslosen. Für manche ist dies ein gefundenes Fressen, noch mal eine Attacke auf den Sozialstaat zu führen.

Netzeitung: Gerade die Union versucht, die Schuld für die Misere am Arbeitsmarkt den Arbeitslosen selbst zu geben.

Hickel: Es ist eine üble Inszenierung. Die Große Koalition - maßgeblich Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber – heizt die Debatte immer wieder an. Die Opfer der Arbeitsmarktkrise werden zu Tätern stilisiert. Das ist eine perfide Situation.

Netzeitung: Im Mai ist die Zahl der Arbeitslosen immerhin um 250.000 zurückgegangen.

Hickel: Die Politik stellt Hartz IV als Lösung für die Probleme am Arbeitsmarkt dar. Dabei ist es genau das Gegenteil: Es geht nur um das richtige Management von Arbeitslosen. Überhaupt nicht mehr diskutiert wird, wie in Deutschland Arbeitsplätze geschaffen werden können. Die aktuelle Debatte ist nur ein massives Ablenkungsmanöver.

Das Gespräch führte Marcus Gatzke.

Anzeige: 

NZ-Stellenmarkt

Die größte Stellensuchmaschine mit über 300.000 Angeboten: Nutzen Sie den Stellenmarkt und finden Sie Ihren Job. weiter
 
Drucken
VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
Live Top 5
netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
Aus anderen Ressorts
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Dr. Robert Daubner | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.