23.08.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Auszubildender
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Die Gewerkschaften sehen eine deutlich höhere Lehrstellenlücke als der DIHK. Zudem hält der Streit um eine mögliche Senkung der Ausbildungsvergütung an.
Die Gewerkschaften haben der Darstellung der Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) widersprochen, wonach zu Beginn des neuen Ausbildungsjahres noch rund 30.000 Lehrstellen fehlten. Die IG Metall geht davon aus, dass zum 30. September mindestens 100.000 Jugendlichen keine Lehrstelle haben werden, und verlangte erneut die Einführung einer Ausbildungsabgabe, die Unternehmen zahlen sollen, die nicht ausbilden.
Kritik an DIHK-PräsidentIngrid Sehrbrock, im Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) zuständig für den Bereich Ausbildung, verwies darauf, dass der Bundesagentur für Arbeit (BA) fast zehn Prozent weniger Ausbildungsplätze gemeldet worden seien als 2004. Sie betonte, dass gerade in den vergangenen zwei Jahren fast 50 neue oder «runderneuerte» Berufe entwickelt worden seien. «Es sind aber gerade die Unternehmen, die jetzt zögern, zweijährige Ausbildungsberufe auch anzubieten - obwohl sie diese Entwicklung immer gewollt haben.»
Damit reagierte Sehrbrock auf Äußerungen von DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun, der gefordert hatte, die Berufsbilder in Deutschland zu modernisieren und die Länge der Ausbildung an der Begabung des Lehrlings auszurichten. Braun zeigte sich zuversichtlich, dass in den Nachvermittlungen jedem ausbildungswilligen und -fähigen Jugendlichen ein Angebot gemacht werden könne.
Appell an UnternehmenAuch nach Angaben von SPD-Experten ist die Situation auf dem Lehrstellenmarkt angespannter als im vergangenen Jahr. Die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Nicolette Kressl appellierte an die Unternehmen, ihre Bemühungen zur Schaffung neuer Lehrstellen zu verstärken. Derzeit bilden nur knapp 30 Prozent aller Betriebe überhaupt aus. Nach Gewerkschaftsangaben wären aber 50 Prozent dazu in der Lage.
Im vergangenen Jahr hatten Bundesregierung und Wirtschaft einen Ausbildungspakt geschlossen, wonach jedem Jugendlichen eine Lehrstelle zur Verfügung gestellt werden soll. Auch nach einem Regierungswechsel will die Wirtschaft den Pakt fortführen. Die bildungspolitische Sprecherin der Grünen, Grietje Bettin, sieht in den Äußerungen von DIHK-Chef Braun das faktische Eingeständnis, dass der Ausbildungspakt gescheitert ist. Immer nur auf Nachvermittlung und Warteschleifen zu setzen, sei «billig und löst nicht das grundsätzliche Problem».
Streit um LehrlingsgeldDer Berufsbildungsexperte der Union, Uwe Schummer, mahnte eine zügige Reform des Berufsbildungsrechts an. Er schlug vor, den Firmen die Möglichkeit anzubieten, die Ausbildungsvergütung um ein Drittel unter den Tarif abzusenken, wenn sie im Gegenzug Lehrstellen schaffen. Derzeit bekommen Lehrlinge im Durchschnitt 670 Euro monatlich.
Kressl hingegen lehnte eine gesetzliche Vorgabe über die Höhe der Ausbildungsvergütung ab. Das sei Sache der Tarifparteien, sagte sie der Nachrichtenagentur AP. Auszubildende müssten aber fair entlohnt werden. Wenn Mobilität von den Jugendlichen verlangt werde, müssten sie von ihrem Lehrlingsgeld auch selbstständig leben können. (nz)