11.08.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Arbeitslosenzahl könnte korrigiert werden
Viele Langzeitarbeitslose stehen dem Arbeitsmarkt überhaupt nicht zur Verfügung. Wie viele aber letztlich auch aus der Statistik herausfallen, ist ungewiss.
In Deutschland sind offenbar viele Menschen offiziell als arbeitslos registriert, obwohl sie für den Arbeitsmarkt überhaupt nicht zur Verfügung stehen. Eine Umfrage der Bundesagentur für Arbeit (BA) unter 180.000 Langzeitarbeitslosen ergab, dass fünf Prozent oder 9000 Personen aus der Statistik herausfallen können, da sie überhaupt keinen Job annehmen können.
Die Bundesagentur habe für 190 von insgesamt 350 Arbeitsgemeinschaften eine telefonische Befragung durchgeführt, sagte ein BA-Sprecher am Donnerstag der Netzeitung. Die Behörde hat versucht, 350.000 Arbeitslose, die seit mindestens acht Wochen nicht mehr bei ihrer lokalen Agentur waren, zu kontaktieren. Insgesamt 180.000 habe die BA erreicht, die verbleibenden würden jetzt angeschrieben, so der Sprecher weiter.
Hoher KlärungsbedarfUnter den fünf Prozent, die dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung stehen, befinden sich unter anderem allein erziehende Mütter ohne Kinderbetreuung oder Menschen, die einen Ein-Euro-Job oder ein Ehrenamt haben. Diese 9000 Personen würden «wahrscheinlich» schon im August nicht mehr in der Statistik geführt, sagte der Sprecher. Bei weiteren 16 Prozent oder knapp 29.000 ALG-II-Empfängern hat die BA nach eigenen Angaben «Klärungs- oder Änderungsbedarf».
Die Betroffenen werden von örtlichen Job-Centern nun zum Gespräch eingeladen. Wenn sich ergibt, dass auch sie dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen, sollen auch sie aus der Statistik genommen werden, wie der Sprecher sagte. Die 160 Arbeitsagenturen, die bisher noch nicht an der Befragung teilgenommen haben, wurden von der BA angeschrieben.
Statistik um 500.000 zu hoch?Die gesamte Befragung könnte für die offizielle Arbeitslosenstatistik erhebliche Folge haben: Hochgerechnet auf die Gesamtzahl der knapp 2,8 Millionen als erwerbslos eingestuften ALG-II-Bezieher könnte die Erwerbslosenzahl bei einer Fehlerquote von fünf Prozent um maximal 140.000 abnehmen. Werden auch die 16 Prozent berücksichtigt, bei denen die BA noch Klärungsbedarf sieht, könnte die Arbeitslosenzahl rein rechnerisch um bis zu eine halbe Million sinken.
Der BA-Sprecher warnte jedoch vor solchen Hochrechnungen: «Das Potenzial, was noch nicht befragt wurde, ist wesentlich kleiner.» Hintergrund ist eine stichprobenartige Erhebung der internen Revision der BA, die im Frühjahr ergeben hatte, dass bis zu 20 Prozent der Daten nicht mehr aktuell sind.
Tacheles: einfach auflegenKritik am Vorgehen der BA übte der Arbeitslosenverein «Tacheles». Er riet den Arbeitslosen – sollte die Behörde bei ihnen anrufen – einfach aufzulegen. «Viele Betroffene fühlen sich überrumpelt und unter Druck gesetzt. Von Freiwilligkeit kann da keine Rede sein», sagte Harald Thomé von «Tacheles».
Der Überraschungseffekt am Telefon könne missverständliche Aussagen geradezu provozieren. Es sei «fraglich, ob Betroffenen über die rechtlichen Zusammenhänge der Überprüfung und mögliche Konsequenzen bis hin zum Leistungsentzug hinreichend aufgeklärt werden», sagte er weiter. (nz)