netzeitung.deVerdi rechnet mit 200.000 fehlenden Ausbildungsplätzen in diesem Jahr

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Verdi-Vorstand Frank Werneke (Foto: Verdi<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Verdi-Vorstand Frank Werneke
Foto: Verdi
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Die Wirtschaft muss genügend Lehrstellen unabhängig vom Wirtschaftswachstum bereitstellen, fordert Verdi-Vorstand Werneke in der Netzeitung. Derzeit sei die Situation so dramatisch wie seit «sieben, acht Jahren» nicht mehr.

Von Marcus Gatzke

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat vor einer dramatischen Situation auf dem deutschen Lehrstellenmarkt gewarnt: «Ich gehe davon aus, dass in diesem Jahr rund 200.000 Lehrstellen fehlen werden», sagte Verdi-Vorstand Frank Werneke im Gespräch mit der Netzeitung. Immer mehr Betriebe zögen sich aus der Ausbildungsverantwortung zurück.

Nach Ansicht des Verdi-Vorstands ist die Situation auf den Lehrstellenmarkt in diesem Jahr «so dramatisch wie seit sieben, acht Jahren nicht mehr». In Deutschland gebe «mit Stichtag Mai rund 40.000 betriebliche Ausbildungsplätze weniger als im vergangenen Jahr», sagte Werneke. «Die Ausbildungsplatzlücke liegt ungefähr bei 250.000.»

Wirtschaftswachstum nicht maßgeblich
Am Mittwoch ziehen der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) zusammen mit Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) eine erste Zwischenbilanz zum Ausbildungsjahr 2005.

Die Wirtschaft forderte Verdi-Vorstand Werneke auf, Ausbildungsplätze «unabhängig von einem zu erwartenden Wirtschaftswachstum» bereitzustellen. «Es kann nicht sein, dass abhängig von der Konjunktur Tausende von Jugendlichen keinen Ausbildungsplatz bekommen», sagte Werneke mit Blick auf jüngste Äußerungen der Arbeitgeberverbände. DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben hatte noch Mitte Mai gesagt, der Ausbildungspakt leide «unter der schlechten Stimmung und der schlechten Konjunktur». Im Rahmen des Paktes hatte sich die Wirtschaft verpflichtet, jährlich 30.000 neue Ausbildungsplätze und 25.000 Betriebspraktika anzubieten.

Wirtschaft hat Verwantwortung übernommen
Für Verdi ist die schwache Konjunktur dagegen nur eine Ausrede: «Die Wirtschaft hat in unserem Dualen System die Verantwortung übernommen, ausreichend Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen», betonte Werneke. «Das muss sie auch gewährleisten, wenn das Wirtschaftswachstum schwächer ausfällt. Wenn es so nicht mehr funktioniert, müssen wir ein anderes System der Ausbildungsplatzfindung und –finanzierung finden», fügte er mit Blick auf die von den Gewerkschaften geforderte Ausbildungsplatzabgabe an.

Zum Ende des Ausbildungsjahres im September werde es «natürlich nicht 250.000 völlig unversorgte Jugendliche geben», so der Verdi-Vorstand weiter. Viele Jugendliche, die keinen betrieblichen Ausbildungsplatz bekämen, würden dann in andere Stellen - wie Praktika oder außerbetriebliche Ausbildungsplätze – hinein gedrängt.

«Damit sieht die Statistik am Ende etwas schöner aus», sagte er. «Das ändert aber nichts am grundlegenden Problem: dass zu viele Betriebe einfach nicht mehr ausbilden.» Die erwartete Zahl der gänzlich unversorgten Jugendlichen wird nach Aussage von Werneke zum Ende des Ausbildungsjahres «sicherlich auf unter 100.000 sinken.»

Union muss Konzept vorlegen
Der Verdi-Vorstand forderte auch die Union auf, Konzepte zur Lösung der Probleme auf den Lehrstellenmarkt zu präsentieren. «Auch die Union muss sich die Frage gefallen lassen, wie sie mit dem Ausbildungsplatzproblem umgehen will», sagte Werneke. «Pakte mit der Wirtschaft hat schon Rot-Grün geschlossen.»

Der aktuellen Regierungskoalition habe es «nicht am Engagement einzelner Personen gemangelt». Auch bei einem möglichen Regierungswechsel im Herbst reiche es nicht, «einfach nur zu sagen, wir haben dann Minister, die eloquenter durch die Betriebe ziehen», sagte er an die Opposition gewandt.

Verdi will die Parteien im Wahlkampf zur geplanten vorgezogenen Bundestagswahl unter anderem daran messen, welche Antworten sie auf die Misere auf dem Lehrstellenmarkt geben. «Einfach ein 'Weiter so' mit dem Ausbildungspakt hat sich schon im vergangenen Jahr als nicht richtig erwiesen», so der Gewerkschaftler. «Wir brauchen andere, tragfähigere Konzepte. Das ist für uns – aber auch für viele Jugendliche – Bewertungsmaßstab im Wahlkampf.»