«Für Bewerbungsgespräche ist keine Zeit»
11. Apr 2005 08:15
Wer im Ausland Arbeit sucht, stößt bei der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung auf ungewöhnliche Verhältnisse: Bewerber können mit einer intensiven individuellen Betreuung rechnen.
Von Markus SchefflerImmer mehr Deutsche wandern aus. Allein im Jahr 2003 waren es fast 120.000 Deutsche, die meist aus beruflichen Gründen das Land verlassen haben. «Grund dafür ist aber nicht nur der unbefriedigende Arbeitsmarkt in Deutschland», erläutert Gerald Schomann von der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) der Netzeitung. «Die Wirtschaft ist internationaler geworden. Es ist heute normal, auch einmal im Ausland gearbeitet zu haben.»
Die ZAV, eine Organisation der Bundesagentur für Arbeit (BA) mit Sitz in Bonn, ist auf die Vermittlung von Fach- und Führungskräften ins Ausland spezialisierte. Anders als bei der Mutterorganisation, wo für Beratung und Vermittlung kaum Zeit ist, kann die ZAV ihre Kunden intensiver und individueller betreuen. Allerdings ist die Zahl der Bewerber, die die ZAV betreut, ungleich niedriger als bei der BA. In der Hauptsache werden Arbeitskräfte in das englischsprachige Ausland vermittelt: nach Kanada, Neuseeland, Australien und in die USA. «In den vergangenen Jahren sind China, Südkorea und Taiwan hinzugekommen», fügt Schomann hinzu.
Deutsche Facharbeiter gesucht
In Kanada ist insbesondere die Nachfrage nach deutschen Handwerkern sehr hoch: Arbeitskräfte, die eine Ausbildung in Baufachberufen haben – Dachdecker, Tischler, Schreiner oder Elektriker – haben dort gute Chancen. Weil die Hochschulen in Kanada eine gute Ausbildung böten, gingen die meisten Schulabsolventen eher auf eine Universität, begründet Schomann das Interesse an deutschen Handwerkern. Zu wenige Kanadier ziehen eine Facharbeiterausbildung vor.Aber nicht allein das verglichen mit Europa hohe Wirtschaftswachstum in Nordamerika sei der Grund für die Nachfrage nach deutschen Arbeitskräften. «Nach wie vor hat die duale Ausbildung, wie sie in Deutschland angeboten wird, weltweit einen ausgezeichneten Ruf und ist einzigartig.» Gezielt werde deshalb im Ausland nach Arbeitskräften gesucht, die in Deutschland ausgebildet wurden.
Chancen für Ingenieure in Asien
Gleichwohl lasse sich eine klare Tendenz ablesen, ergänzt Schomann. «In den westlichen Industrieländern werden vor allem Facharbeiter gesucht. In den asiatischen Schwellenländern, und da vor allem in China, ist die Nachfrage nach Ingenieuren größer.» In China sei es vor allem die Kfz-Branche, die Ingenieure braucht und sich deswegen an die ZAV wendet.Die ZAV arbeitet dabei wie eine Personalberatung. «Wir suchen nicht ausländische Stellen für deutsche Bewerber, sondern für die uns bekannten Stellen suchen wir einen Kandidaten im Inland», erklärt Schomann die Arbeitsweise der ZAV. Deshalb sei es auch nicht möglich, sich bei der Behörde auf eine Bewerberliste setzen zu lassen, wie dies bei Zeitarbeitsunternehmen üblich ist. Initiativbewerbungen sind auch zwecklos.
Kein Vorstellungsgespräch
Wer einen Arbeitsplatz im Ausland sucht, kann die bei der ZAV gemeldeten Stellen über die Jobsuchmaschine der Bundesagentur für Arbeit abrufen. «Hat der Stellensuchende einen Job gefunden, der ihn interessiert, findet er dort auch einen Ansprechpartner, der ihm Informationen über den Arbeitgeber und die notwendigen Qualifikationen geben kann», sagt Schomann. Bei steuer- oder ausländerrechtlichen Fragen verweist die ZAV allerdings auf das Auswärtige Amt und das Bundesverwaltungsamt. Wer sich auf eine konkrete Stelle beworben hat, durchläuft zunächst eine Vorauswahl. Die ZAV-Vermittler prüfen dabei wie ein Personalberater, ob der Bewerber die vom Unternehmen geforderten Qualifikationen auch hat. Die Unterlagen jener Bewerber, die die Vorauswahl bestanden haben, werden dann dem Unternehmen zur Verfügung gestellt. Ein Vorstellungsgespräch ist eher unüblich. In der Regel schließt sich lediglich ein Telefonat an, damit beide Seiten einen persönlichen Eindruck bekommen oder Fragen klären können. «Für Bewerbungsgespräche haben die Unternehmen keine Zeit. Aus terminlichen und finanziellen Gründen wäre es schwierig, das zu organisieren», betont Schomann. Vom ersten Kontakt mit der ZAV bis zur Ausreise vergehen dann im Schnitt vier bis sechs Monate.
Exklusive Jobmessen
Gelegentlich veranstaltet die ZAV exklusive Jobmessen, auf denen sich ausländische Unternehmen und die ausgewählten Bewerber kennenlernen können. «Anders als bei gewöhnlichen Absolventen- oder Jobmessen kann an diesen Treffen nicht jeder teilnehmen», unterstreicht Schomann. Im Schnitt bewerben sich fünf bis zehn Kandidaten auf eine bei der ZAV gemeldete Stelle. Manchmal komme es auch vor, dass bis zu zwanzig Bewerbungen eingehen. «Dann allerdings streichen wir die Stelle aus der Datenbank, um nicht noch mehr Bewerbungen zu bekommen», betont Schomann, dessen zehnköpfiges Vermittlerteam im vergangenen Jahr rund 250 Bewerber eine Stellen im Ausland verschafft hat.
Bei der Stellenakquise arbeitet die ZAV mit Partnerorganisationen wie den ausländischen Handelskammern zusammen. Zudem bestehen laut Schomann gute Kontakte mit Unternehmen im Ausland, die direkt auf die deutschen Vermittler zukommen, wenn eine Stelle zu besetzen ist. Schließlich durchforsten die ZAV-Vermittler auch einschlägige Tageszeitungen nach Jobangeboten im Ausland.