«Magersucht beim Personal ist ungesund»
Zugleich versuchen die Unternehmen, Personal einzusparen. Die steigende Leistungsverdichtung werde aber zu einem Problem für die verbleibenden Mitarbeiter: «Diese Magersüchtigkeit beim Personal ist langfristig höchst ungesund, sowohl für die einzelnen Beschäftigten als auch für die ganze Firma», sagte Kastner, der in Herdecke das Institut für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin (IAPAM) leitet.
Der Experte mahnte Unternehmen an, mehr in die Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu investieren. Langfristig könne die Volkswirtschaft so Milliarden jährlich sparen. Die Netzeitung sprach mit Kastner über zunehmende psychomentale Erkrankungen, die Folgen der Globalisierung für den Menschen und die Selbstausbeutung von Mitarbeitern.
Netzeitung: Herr Professor Kastner, der Krankenstand in Deutschland sinkt seit Jahren. Man könnte den Eindruck gewinnen: «Den Deutschen geht es besser, das Arbeiten ist gesünder geworden». Stimmt dieser Eindruck?
Michael Kastner: Der Eindruck stimmt natürlich überhaupt nicht. Der Krankenstand ist rückläufig, weil die Leute aus Sorge um den Arbeitsplatz zur Arbeit gehen. Der Druck hat sich enorm verstärkt. Früher haben es viele Leute auch mal lockerer angehen lassen und sind zu Hause geblieben, wenn es ihnen eigentlich ganz gut ging. Der sinkende Krankenstand ist sicherlich nicht so zu interpretieren, dass der Druck am Arbeitsplatz geringer geworden wäre, im Gegenteil: Der erhöht sich ständig.
Netzeitung: Warum?
Kastner: Das liegt an einem Phänomen, das wir «Dynaxität» nennen. Einerseits werden durch unsere technologische Entwicklung und die immer stärkere Vernetzung unsere Arbeitsprozesse, Produkte und Dienstleistungen immer komplexer und haben mehr Schnittstellen - um so komplexer werden dann wiederum die Prozesse. Die Komplexität würden wir vielleicht noch in den Griff bekommen, aber jetzt kommt noch ein entscheidender Faktor dazu: die Dynamik, also eine permanente Zustandsveränderung. Immer dann, wenn ich eine gewisse Komplexität in den Griff bekommen habe zum Beispiel mein Handy oder ein PC-Programm , ändert sich das ganze schon wieder: Es gibt ein neues Handy, eine neue Software-Version. Und diese Mischung aus Komplexität und Dynamik ergibt Dynaxität. Und diese hat mittlerweile ein Ausmaß erreicht, für das der Mensch nicht «gebaut» ist. Dadurch steigen die psychomentalen Belastungen und Störungen.
Netzeitung: Dennoch sinkt der Krankenstand seit Jahren. Heißt das, dass sich die Leute zur Arbeit schleppen trotz Erkrankung, Migräne oder Depression und dann den Druck Tag für Tag aushalten, bis sie von einem Tag auf den anderen umkippen?
Kastner: Scheinbar von einem Tag auf den anderen, denn die systemischen Erkrankungen nehmen ja zu. Man regeneriert nicht rechtzeitig, lebt dauernd in der Angst um den Job allein die Angst ist schon schädlich und belastet das Immunsystem. Und so kommt dann eines zu anderen.
Netzeitung: Sie vermuten, dass die psychomentalen Belastungen und Erkrankungen in den nächsten Jahren noch spürbar zunehmen werden ...
Kastner: Da bin ich mir ganz sicher. Man kann zwar präventiv vorgehen also schon Kinder entsprechend schulen, mit der Dynaxität besser fertig zu werden. Allerdings ist der Faktor Geschwindigkeit entscheidend: Bedenken Sie allein, dass sich das Wissen der Welt ungefähr alle viereinhalb Jahre verdoppelt. Da kann man gar nicht hinterherlernen. Die Systeme in ihrer Eigendynamik entwickeln sich schneller, als der Mensch in seiner intellektuellen Entwicklung folgen kann. Mit der Dynaxität hat auch ein merkwürdiges Phänomen auf dem Arbeitsmarkt zu tun: Offiziell sind über fünf Millionen Menschen als arbeitslos registriert, und inzwischen gibt die Bundesregierung auch zu, dass es eigentlich noch deutlich mehr sind. Gleichzeitig können in Deutschland 1,3 Millionen Stellen nicht besetzt werden wegen der Dynaxität der Arbeitsprozesse. Wir haben nicht die Leute, die das leisten könnten.
Angesichts der hohen Arbeitskosten versuchen Unternehmen, Personal einzusparen. Immer mehr Leute werden in den vorzeitigen Ruhestand geschickt oder downgesized oder outgesourct und so weiter. Dadurch haben Sie bei den verbleibenden Mitarbeitern eine hohe Leistungsverdichtung. Manche Betriebswirte gehen naiv davon aus, diese Verbleibenden würden aus Angst, auch den Arbeitsplatz zu verlieren, noch mehr leisten. Das stimmt am Anfang, aber sie schlaffen irgendwann immer stärker ab. Das bringt es also auch nicht. Diese Magersüchtigkeit beim Personal ist langfristig höchst ungesund, sowohl für die einzelnen Beschäftigten als auch für die ganze Firma. Andererseits müssen die Unternehmen konkurrenzfähig bleiben gerade im Zeitalter der Globalisierung.
Kastner: Besonders schlimm betroffen sind interessanterweise Arbeitslose, also Leute, die gar nicht diese berufliche Belastung haben. Die sind deutlich kränker als schwer arbeitende Menschen. Das liegt an einer Art Orientierungsverlust: In dem Moment, wo sie arbeitslos werden, geht ihnen ein Zeitregime verloren. Sie werden auch dazu neigen, stärker Alkohol zu konsumieren und mehr zu rauchen. Weit weniger stark betroffen sind Leute, die eine gewisse Stabilität im Leben haben zum Beispiel Universitätsprofessoren oder Pfarrer. Der Mensch ist nun mal «gebaut» für Stabilität, Vorhersehbarkeit und Regelmäßigkeit. Unsere Gegenwart und Zukunft sieht dagegen ganz anders aus.
Netzeitung: Lässt sich der Schaden, der durch die vermehrte Belastung am Arbeitsplatz und damit einhergehende zunehmende psychische Erkrankungen entsteht, für die Volkswirtschaft beziffern?
Kastner: Da gibt es verschiedene wissenschaftliche Ansätze. Ich nenne Ihnen nur mal eine Zahl: Wenn wir präventiv etwas tun würden für mehr Gesundheit am Arbeitsplatz, könnten wir pro Jahr etwa 66 Milliarden Euro einsparen. Wenn man die Krankenrate um ein Viertel senken würde und zwar nicht durch Angst vor einem Arbeitsplatzverlust, sondern wirklich durch Gesundheitsmaßnahmen , könnte man 16 Milliarden Euro sparen. Das ist wirklich gigantisch.
Das ist aber noch lange nicht alles. Mein Kollege Mihaly Csikszentmihalyi hat den Begriff «Flow» geprägt das ist dieses Glücksgefühl, das einen durchströmt, wenn man vor lauter Begeisterung arbeitet und Raum und Zeit vergisst. Untersuchungen bei Programmierern zeigen: Ein Mensch, der im «Flow» arbeitet, soll 48-mal so effektiv arbeiten wie ein Mensch ohne «Flow» das heißt, er kann die Arbeit von 48 Leuten machen. Andere Umfragen zeigen, dass gerade einmal 16 Prozent der Beschäftigten eines Unternehmens «den Laden wirklich ziehen». Der Rest, 84 Prozent, ist also mittelmäßig bis gar nicht motiviert. Da steckt noch ungeheuer viel Potenzial drin wenn man es schaffen würde, die Leute so zu begeistern, dass sie sich mit Spaß engagieren und zugleich gesund sind und Arbeit, Freizeit und Familie unter einen Hut bringen.
Kastner: Das ist ja das Schlimme. Die Leute haben nicht den Eindruck von Bewältigung. Wenn ich stattdessen den Eindruck der Hilflosigkeit habe das Gefühl, dass ich als Spielball den globalen Kräften ausgeliefert bin dann geht es mir schlecht, das macht depressiv. Und das wird zur allgemeinen Grundhaltung. Irgendwann bestätigen sich die Leute gegenseitig permanent, wie schlimm doch alles ist. Das löst eine Sicherheitsreaktion aus dann halten die Leute ihr Geld zusammen, und schon sind wir mitten in diesen ganzen Spiralen, die wir gerade erleben.
Netzeitung: Aber dieser Spirale können doch die Unternehmen auch nicht entkommen. Auf den Betrieben lastet der erhöhte globale Wettbewerbsdruck, den sie nach unten an die Beschäftigten weitergeben. Aber Sie sagen, die Unternehmen müssten den Faktor Gesundheit stärker berücksichtigen. Da sagt doch jeder Unternehmer sofort: «Das kostet mich eine Menge Geld. Das kann ich mir nicht leisten. Ich muss vielmehr Kosten senken und den Druck auf meine Mitarbeiter noch erhöhen.»
Kastner: Für die Unternehmen würde es sich lohnen, in den Faktor Gesundheit zu investieren. Die Manager sind an sich auch intelligent und wissen das. Aber sie sagen, sie seien leider gezwungen, kurzfristig zu agieren und könnten sich das, was ich ihnen predige, nicht leisten. Man müsste eben antizyklisch vorgehen: Gerade in diesen schlechten Zeiten muss man investieren. Die Unternehmen müssen lernen, langfristig zu denken - statt immer nur das kurzfristige, hektische Abgezocke mitzumachen.
Netzeitung: Psychologen sprechen allerdings von gutem und schlechtem Stress. Wo ist da die Grenze?
Kastner: Ich halte relativ wenig von dieser Unterscheidung. Es ist immer eine Frage der Dosis, wie beim Alkohol: Ein bisschen Alkohol kann gesund sein, zu viel ist ungesund. Das ist individuell aber sehr unterschiedlich und schwankt sogar bei jedem Individuum selbst: Es hängt von der Tagesform ab. Grundsätzlich gibt es Menschen, die brauchen eine gewisse Auf- und Anregung und mehr Dynaxität als andere Menschen.
Netzeitung: Bedeutet das auch, dass das Umgehen und Verarbeiten von Stress am Arbeitsplatz bis zu einem gewissen Grad veränderbar und erlernbar ist?
Kastner: Ja. Man kann zum Beispiel bis zu gewissen Grenzen lernen, sein Leben zu rhythmisieren und stärker auf Erholungspausen zu achten. Man kann lernen, sich zu bewegen oder eine gute Körperhaltung einzunehmen. Auch Zeitmanagement kann man lernen. Man kann aber auch in der Welt der Kognition also der Gedanken, der Entscheidungen lernen, sich besser zu orientieren: Man kann beispielsweise lernen, die Attributionen, also die Ursachenzuschreibungen, zu ändern. Es ist ja ein Unterschied, ob ich sage, «ich bin durch die Prüfung gefallen, weil ich faul bin» oder «weil der Professor mich nicht leiden kann». Das wären solche Attributionen. Und man kann lernen, mit Angst, Ärger und Frustration besser umzugehen.
Kastner: Wir nennen das Gesundheits-Management, und das sollte in die Organisations- und Personalentwicklung voll integriert sein. Einerseits muss man eine Firma als lebendes System begreifen, das sich dauernd verändern muss, um überlebensfähig zu sein. Andererseits muss man aber immer bedenken, dass man es mit Menschen zu tun hat, und überlegen, was man tun kann, damit diese Menschen gesund und leistungsfähig bleiben und eine gewisse Lebensqualität haben. Gerade die höher Qualifizierten sind interessiert an einem Thema wie Work-Life-Balance: Die sagen, ich will zwar viel arbeiten, aber auch etwas vom Leben haben. Und dazu müssen die Unternehmen dann etwas bieten.
Netzeitung: Meinen Sie mit Work-Life-Balance etwa alternative Arbeitszeitkonzepte wie Teilzeitarbeit oder ähnliches?
Kastner: Ja, zum Beispiel. Die erhöhte Arbeitsflexibilität kommt zwar auf der einen Seite aus der Frage heraus, wie man die Arbeitskosten senken kann. Sie kommt aber auch von Seiten der Individuen, die sagen, dass sie zwecks ihrer persönlichen Lebensgestaltung mehr Flexibilität möchten weil sie beispielsweise ihr Kind in den Kindergarten bringen wollen.
Netzeitung: Hat der wachsende Arbeitsdruck auch mit der wachsenden Verantwortung zu tun? Gerade durch die moderne Technik durch E-Mails zum Beispiel muss oft schon ein Sachbearbeiter aufgrund der unmittelbaren Kommunikation mit Kunden Entscheidungen anstelle seines Vorgesetzten treffen, also Verantwortung übernehmen, die ihm offiziell nie übertragen wurde.
Kastner: Da gibt es dramatische Veränderungen. Wir haben die so genannten Intrapreneure untersucht. Man kennt ja Entrepreneure, das sind richtige Unternehmer. Intrapreneure sind nun Leute, die zwar festangestellt sind, aber agieren sollen wie Entrepreneure. Das bedeutet, die Geschäftsführung verlagert die Marktverantwortung nach unten und sagt: «Ich schenke euch Vertrauen, ihr könnt machen, was ihr wollt, ihr seid völlig frei ich will nur eines: immer gute Zahlen.» Und diese Intrapreneure haben nun genau das, was Sie sagen: Sie haben plötzlich eine Verantwortung, die sie früher nicht hatten eventuell auch unmittelbar am Kunden. Und sie beuten sich nun selber aus.
Jetzt haben natürlich die Gewerkschaften Schwierigkeiten mit ihren Argumenten. Das, wofür sie früher immer gekämpft haben Freiheit und Selbstbestimmung , das haben die Leute nun. Und jetzt ist der böse kapitalistische Feind nicht mehr erkennbar. Der steckt nun in den Mitarbeitern selber drin. Die ganzen alten Ordnungen mit fassbaren Zuordnungen in einer bestimmten Abteilung mit bestimmten Befugnissen und klaren Verantwortlichkeiten gehen verloren, das ist alles immer fließender geworden. Da haben Sie wieder die Dynaxität.
Mit Michael Kastner sprach Matthias Breitinger.

