Wirtschaftsweise sehen nur mäßiges Wachstum
Sollte die Steuerreform wie vom Bundestag beschlossen vorgezogen werden, sei ein Wachstum um 1,7 Prozent möglich, hieß es weiter. Derzeit berät der Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat über die von der Union mit ihrer Mehrheit in der Länderkammer abgelehnte Steuerreform. Die Bundesregierung schätzt das Plus beim BIP auf 1,5 bis zwei Prozent.
Dennoch wird die verhaltene konjunkturelle Erholung im kommenden Jahr nicht für Entspannung auf dem Arbeitsmarkt sorgen, meinen die im Gremium vertretenen fünf Wirtschaftsprofessoren. Sie erwarten im Gegenteil nach einer durchschnittlichen Arbeitslosenzahl von 4,38 Millionen in diesem Jahr für 2004 einen leichten Anstieg auf 4,40 Millionen. Damit läge die durchschnittliche bundesweite Arbeitslosenquote nach 10,5 Prozent bei 10,6 Prozent im kommenden Jahr.
Trotz der schwachen Entwicklung der Binnenkonjunktur empfehlen die Professoren den Tarifparteien eine «verstetigte maßvolle Lohnpolitik». Der Vorsitzende des Gremiums, der Regensburger Finanzwissenschaftler Wolfgang Wiegard, sprach von «zwei Prozent oder leicht darunter». Sein Kollege Jürgen Kromphardt warnte in einer Minderheitsmeinung allerdings vor zu geringen Lohnabschlüssen. Zu starke Lohnzurückhaltung berge die Gefahr einer Deflation, sagte er.
Die Wirtschaftsweisen plädierten zudem für Lockerungen im Tarifrecht, vor allem einen flexibleren Kündigungsschutz. Sie regten an, das Arbeitslosengeld für die ersten Monate zu erhöhen, dann aber fortlaufend zu verringern. Trotzdem fiel ihr Gesamturteil für die von der Bundesregierung beschlossenen Reformen am Arbeitsmarkt sowie in der Kranken- und Rentenversicherung «positiv» aus, wie es weiter hieß. Eine «Reihe mutiger Reformschritte» sei angegangen worden.
In Deutschland müsse die Haushaltskonsolidierung in den Mittelpunkt rücken, fordern die Experten. Ansonsten sei zu befürchten, dass das Haushaltsdefizit im kommenden Jahr 4,1 Prozent beträgt und damit auf dem Niveau dieses Jahres verharrt. Bei entsprechenden Einsparungen sei allerdings ein Absinken der Netto-Neuverschuldung auf 3,4 Prozent des BIP in 2004 möglich.
Allerdings werde die EU-Kommission ihrer Rolle als Hüterin des Euro-Paktes derzeit nicht gerecht. Noch schärfer gehen die Professoren mit dem Ecofin-Rat der europäischen Wirtschafts- udn Finanzminister ins Gericht. Sie hätten ihre Entscheidung über Sanktionen gegen Frankreich wegen des Verstoßes gegen das Defizit-Kriterium «mit ungewissem Ausgang» vertagt, monieren die Wirtschaftsweisen. (nz)

