Ich-AG als Weg in die Scheinselbständigkeit
06.06.2003
Herausgeber: netzeitung.de
Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement schöpft Hoffnung: Zwar sei die Zahl der Arbeitslosen immer noch viel zu hoch, sagte er nach der Vorlage der Arbeitsamts-Statistik für den Monat Mai. Aber vor allem die neuen Arbeitsmarkt-Instrumente machten ihm Mut: In den ersten fünf Monaten dieses Jahres hätten 100.000 Arbeitslose den Sprung in die Selbstständigkeit geschafft. Im Gesamtjahr könnten es 200.000 werden, zeigte sich der Minister optimistisch.
Allein über die neue, so genannte Ich-AG haben sich bis Ende Mai 24.500 Menschen selbstständig gemacht. Doch das modische Wort hält nicht, was es verspricht: «Tatsächlich befördert die Ich-AG nur die Scheinselbständigkeit. Hinter ihr verbirgt sich im besten Fall der klassische Freiberufler, vielleicht auch ein armseliges Kleingewerbe», sagt Karin Denisow, Geschäftsführerin der Unternehmensberatung Unique-Berlin. Unternehmen bekämen durch die Ich-AG einen Anreiz, das klasssiche Arbeitsverhältnis zu umgehen.
Zugleich erzeugt die Ich-AG hohen Erfolgsdruck. «Der jährlich abnehmende Zuschuss vom Arbeitsamt und die fehlende soziale Absicherung machen es notwendig, vom ersten Augenblick an Aufträge zu gewinnen und Geld zu verdienen», sagt der Arbeitsbeamte. Ohne Expertise und Geschäftsplan, ohne ein Training für Gründer lasse sich dauerhaft kein Gewerbe aufbauen. Der Ex-Arbeitslose werde mit seiner Ich-AG allein gelassen, Hilfen und Training seien weder vorgeschrieben noch vorgesehen.
Beraterin Denisow verweist auf die besonderen Fertigkeiten, die ein Unternehmer, und sei es ein kleiner, mitbringen muss: Marketingkenntnisse, Durchsetzungskraft, Disziplin und emotionale Stabilität seien in jedem Fall notwendig. Die Fähigkeit zur Selbstmotivation, Fantasie und Risikofreudigkeit gehörten ebenfalls zum notwendigen Rüstzeug. «Jede Bank und jeder Risikokapitalgeber prüft schließlich nicht nur den Geschäftsplan. Da wird ebenso genau geschaut, ob der Gründer auch das Talent und die Fähigkeit hat, sich selbständig zu machen.»
«Das sollte eigentlich üblich sein. Aber entweder fehlt das Geld oder das Personal», sagt eine Mitarbeiterin des Arbeitsamts München, die ebenfalls anonym bleiben möchte. Immerhin habe seit der Einführung der Ich-AG eine lebhafte Diskussion unter den Landesarbeitsämtern begonnen, wie Gründer besser auf die Selbständigkeit und das Unternehmertum vorbereitet werden können. «Da besteht tatsächlich dringender Handlungsbedarf.»
24.500 Ich-AGs hin oder her: Die Arbeitsämter selbst sind voller Kritik für die Schein-Gründungen. «Uns sind aber die Hände gebunden. Wir führen hier nur aus, was der Gesetzgeber uns sagt», heißt es in Berlin. Arbeitslose würden einfach allein gelassen und in unsichere Existenzen geschickt. Aber ganz alleine lässt sie der Staat dann doch nicht: «Und um die Sache sozial abzufedern, falls die Ich-AG scheitert, lockt ab nächstem Jahr das Arbeitslosengeld II.»

