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Selbstversuch als Hartz-IV-Empfänger: 

Dump me: Leben als Billiglöhner

14. Okt 2008 14:24
Bringt auch ein paar Cent ein: Flaschen sammeln
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Er hat mit Leiharbeitern auf dem Feld konkurriert, Pfandflaschen aus Mülleimern gefischt und sein Handy verscherbelt, um Essen zu kaufen: Ein Autor enthüllt mit seinem Selbstversuch die verschärfte Sozialgesetzgebung.

Der Autor Markus Breitscheidel ist für ein Buch über die Folgen der Arbeitsmarktreformen in die Lebenswelt von Erwerbslosen und Niedriglöhnern in Deutschland eingetaucht. Das Ergebnis des fast eineinhalb Jahre währenden Selbstversuchs trägt den Titel «Arm durch Arbeit».

Die Agenda 2010 erzeuge vor allem neue Armut, lautet das Fazit Breitscheidels, der vor drei Jahren bereits mit seinem Buch «Abgezockt und totgepflegt» über menschenunwürdige Zustände in Pflegeheimen für Aufsehen gesorgt hatte. Der 40-jährige ehemalige Marketingleiter einer großen Werkzeugfirma startete sein Rollenspiel im Ruhrgebiet: Er reiste nach Gelsenkirchen, wo jeder vierte Mensch keine Arbeit hat, und beantragt Hartz IV.

Arbeitslosengeld reicht nicht

Nach wenigen Wochen muss Breitscheidel erkennen, dass die 345 Euro, die er neben der Miete bekommt, zum Leben nicht reichen: «Bereits am 20. des Monats sind meine Vorräte so weit aufgebraucht, dass nicht einmal eine genügsame Kirchenmaus von den Resten satt geworden wäre.» Er verkauft sein Handy und lernt die Überlebensstrategien von Bedürftigen kennen, etwa das Sammeln von leeren Pfandflaschen aus Mülleimern.

Breitscheidel geht es um mehr als die oft geführte Klage, die verschärfte Sozialgesetzgebung habe Millionen Menschen in Armut gestürzt. Er will die Gesetze der neuen Arbeitswelt dokumentieren. Er bewirbt sich bei Arbeitsvermittlungsagenturen um einen Job als Leiharbeiter.

Für 2,50 Euro die Stunde arbeiten

Bald danach steht er in einer Halle des Opel-Werks in Rüsselsheim und kontrolliert die Qualität in China gefertigter Autoscheinwerfer. Während er nach einem Zeitarbeits-Tarifvertrag mit 7,15 Euro pro Arbeitsstunde entlohnt wird, berichtet ihm ein Opel-Angestellter, der niedrigste Stundenlohn für die Stammbelegschaft liege bei 15,35 Euro plus Zulagen.

Auch als Produktionshelfer am Fließband eines Berliner Werks der Bayer Schering Pharma AG erfährt Breitscheidel von beträchtlichen Verdienstunterschieden für die gleiche Tätigkeit: «Allein an meiner Maschine verdienen die Menschen zwischen 4,50 und 17,50 Euro pro Stunde brutto.» Auf einer Erdbeerplantage schließlich lernt er, dass es außer der Angst, Hartz IV gekürzt oder gestrichen zu bekommen, nur wenig Gründe gibt, ein Stellenangebot als Erntehelfer anzunehmen. Gezahlt wird nicht mehr als 2,50 Euro pro Stunde.

Altmeister Wallraff lobt

Er wolle mit seinem Buch eine Diskussion in Gang setzen darüber, «ob wir diese Veränderungen wirklich so wollen», sagt Breitscheidel. Um Alternativen aufzuzeigen, lässt der Autor auch Experten zu Wort kommen und formuliert zum Abschluss politische Forderungen: Einen gesetzlichen Mindestlohn von mindestens 8,90 Euro die Stunde einführen, Kindern von Hartz-IV-Empfängern den vollen Regelsatz auszahlen, den Anteil von Leiharbeitern in Betrieben per Gesetz auf höchstens zehn Prozent der Beschäftigten begrenzen.

Und Leiharbeiter sollten nach der Einarbeitung den gleichen Lohn bekommen wie angestellte Kollegen, die die gleiche Arbeit machen, fordert Breitscheidel. «Nur so kann man verhindern, dass werkstariflich entlohnte Arbeitsplätze in Niedriglohnbeschäftigung umgewandelt werden.»

Günter Wallraff, Altmeister der verdeckten Recherche, hat das Vorwort zu «Arm durch Arbeit» geschrieben. «An solch einem Zeugen der elenden Verhältnisse, die an frühkapitalistische Zeiten erinnern, kann keiner vorbei», bescheinigt er Breitscheidel. (Ulrich Jonas, epd)

Markus Breitscheidel, «Arm durch Arbeit», Econ Verlag, Berlin 2008, 18 Euro

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