Studieren in den Niederlanden:
«De Duitsers komen!»
19.08.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Christopher führt Besucher aus Deutschland immer gern über den gerade neugestalteten Campus mit Cafés und vielen Bäumen und dann zur naturwissenschaftlichen Fakultät im raumschiffartigen Huygens- Gebäude, das mit großen Glasfronten eher an die Zentrale eines Multinationals erinnert. In den Vorlesungssälen hat jeder Student ein Anrecht auf einen Sitzplatz. Der Professor wird geduzt, und wenn man eine Frage hat, schreibt man eben eine Mail oder ruft ihn auf dem Handy an.
Viele der deutschen Studenten in Nimwegen pendeln täglich über die Grenze nach Kalkar oder Kleve am Niederrhein. Nimwegen kooperiert mit der Universität Essen-Duisburg und hat sogar einen Pendelbus dorthin eingerichtet - die Fahrt ins Ruhrgebiet dauert nur eine knappe Stunde. Was Judith Arns von der Beratungsstelle für deutsche Studenten bei einem Besuch in Duisburg allerdings gewundert hat: «Die waren ganz stolz darauf, wie groß ihre Vorlesungssäle sind 'für 800 Leute', haben sie gesagt. Hier sind wir gerade stolz darauf, wie klein die Vorlesungen sind.» Psychologie-Studentin Hannah Nohlen berichtet: «Einmal hatte ich ein Seminar, da kam auf jeden Studenten ein Dozent.»
Überall auf dem Campus in Nimwegen liegt zurzeit die neue Ausgabe der Universitätszeitschrift «Vox» aus, und diesmal ist das Heft ein «Duitsland-Special» mit der Titelschlagzeile «De Duitsers komen!» Dazu sieht man ein Gehirn mit einer deutschen Flagge, in dem bestimmte Bereiche mit den Begriffen «gründlicher», «schneller» und «besser» markiert sind. Sollte es tatsächlich noch irgendwo in den Niederlanden antideutsche Ressentiments geben - hier sicher nicht. In der Zeitschrift werden die Deutschen den Niederländern als Vorbild in puncto Fleiß und Effizienz empfohlen - und locker seien sie inzwischen auch, so liest man zumindest. Zum Beweis werden mehrere deutsch-niederländische Liebespaare porträtiert.
Genauso erging es Wiete Eichhorn aus Hennef und Julia Langenohl aus Wuppertal. «Ich dachte am Anfang immer: «Wo ist hier der Haken?» - Aber da war keiner», sagt Wiete. Viele Fakultäten in Maastricht sind in ehemaligen Klöstern und Kirchen untergebracht, aber innen sieht alles hypermodern und pieksauber aus, die Arbeitsräume sind mit Laptops und Beamern ausgestattet, «und alles funktioniert - immer», wie Michael betont. Doch es ist keine Privat- Uni - die Studiengebühren sind niedriger als im benachbarten Nordrhein-Westfalen. Dazu kommen garantierte Auslandsaufenthalte und Seminare mit höchstens 15 Teilnehmern. Auch nicht schlecht: Wenn man mindestens acht Stunden in der Woche nebenher arbeitet, bekommt man die niederländische Studienfinanzierung, die man nicht zurückzahlen muss. Allerdings wird nicht jeder Job anerkannt.
«So behält man die Sachen viel besser, weil man die Fachliteratur unter einem ganz bestimmten Gesichtspunkt durchforstet, immer auf der Suche nach Antworten», sagt Wiete. Gedankenaustausch und Zusammenarbeit mit Studenten aus einer Vielzahl von Ländern und Kulturen sind dabei ein Muss. «Manchmal sitzen wir hier mit neun Leuten aus acht Ländern am Tisch», schwärmt Michael. Das alles läuft auf Englisch - Niederländisch muss man nicht lernen.
An der Fachhochschule Fontys in Venlo - 20 Autominuten von Duisburg entfernt - werden manche Studiengänge sogar überwiegend auf Deutsch angeboten. 60 Prozent der etwa 3000 Venloer Studenten sind Deutsche. Kann das den Niederländern denn recht sein, schließlich wird das Ganze doch großenteils mit ihren Steuergeldern bezahlt? «Da gibt es keinerlei Probleme», versichert der stellvertretende Direktor Thomas Merz, selbst Deutscher. «Weder von unserem Vorstand noch vom niederländischen Bildungsministerium haben wir da je irgendwas gehört.»
Im Büro des Maastrichter Uni-Chefs Jo Ritzen hängt ein Foto, das ihn zusammen mit Ex-Kanzler Helmut Kohl zeigt, als dieser vor vier Jahren einen Gastvortrag hielt. Der frühere Bildungsminister, der in den 90er Jahren unter Regierungschef Wim Kok tiefgreifende Hochschulreformen durchsetzte, glaubt nicht, dass sich das Maastrichter System auf Deutschland übertragen lässt: «Stellen Sie sich mal vor, man ginge dort hin und würde den Professoren sagen: 'Sie halten jetzt keine Vorlesungen mehr, Sie arbeiten künftig nur noch ganz direkt mit den Studenten zusammen.' Das würden die kaum machen.»
Der Sozialdemokrat Ritzen will Maastricht nicht als Elite-Uni bezeichnen - «denn da denkt man an ein bestimmtes Elternhaus oder an Geld» - aber durchaus als eine «Uni der Ehrgeizigen»: «Ich sage das vor allem den niederländischen Studenten: «Wenn ihr es gerne ein bisschen gemütlich habt, dann geht woandershin. Das hier ist nur etwas für Leute, die später Unternehmen und Gesellschaft wesentlich mitgestalten wollen.» Im ersten Jahr wird tüchtig ausgesiebt. «Die Prüfungen sind sehr schwer», berichtet Julia Langenohl. «Das ist survival of the fittest.»
Aber gibt es denn nicht auch irgendwas, das an den deutschen Unis besser ist? Michael Jäger überlegt kurz. «Doch», sagt er, «das Partyleben war in Münster besser.» (Christoph Driessen, dpa)

