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Studieren in den Niederlanden: 

«De Duitsers komen!»

19. Aug 2008 15:05
Attraktiv für deutsche Studenten: Holland
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Von antideutschen Ressentiments kann man an niederländischen Universitäten nicht sprechen, im Gegenteil. «Mein Land wollte mich nicht», sagt ein Exil-Student mit vorwurfsvollem Unterton – er meint Deutschland.

«Hoi», grüßt der schlaksige junge Mann und stellt sein Tablett auf einen Tisch, an dem schon zwei blonde Kommilitoninnen sitzen. «Hallo... goeie dag», grüßen die beiden noch etwas zögerlich in gebrochenem Niederländisch. Der Junge blickt kurz auf und lächelt. Er hat sich offenbar schon daran gewöhnt, dass die Mensa der Universität Nimwegen in letzter Zeit sehr stark von Deutschen besucht wird. An diesem Tag ist es besonders extrem, weil viele niederländische Studenten in Urlaub sind, aber die deutschen Studienanfänger einen Intensivkurs Niederländisch absolvieren.

Seit drei Jahren zieht kein anderes Land so viele deutsche Studenten an wie die Niederlande. 2005 stand der Nachbar nach Angaben des Statistischen Bundesamtes erstmals an der Spitze: Knapp 12 000 oder annähernd 16 Prozent aller deutschen Auslandsstudenten waren dort eingeschrieben. Für das Studienjahr 2008/2009 schätzt Peter Stegelmann, Chef der Website studieren-in-holland.de, die Zahl bereits auf 19.000 bis 20.000. «Das spricht sich rum, und der NC in Deutschland steigt ja auch», sagt er. In den Niederlanden dagegen gibt es keinen NC.

Das Anrecht auf einen Sitzplatz

«Mein Land wollte mich nicht», sagt Jens von Keitz aus Solingen mit vorwurfsvollem Unterton. Seine Abiturnote war zu schlecht für ein Psychologie-Studium, aber nun hat er sich einfach in Nimwegen eingeschrieben. Die einzige Hürde: Er muss erstmal Niederländisch lernen. «Am Anfang wird man schon ziemlich ins kalte Wasser geworfen», erinnert sich Christopher Rosenthal an seinen Studienbeginn vor zwei Jahren. «Es ist ein gewisser Nervenkitzel, hierherzukommen und nichts zu verstehen.» Aber schon nach dem dreiwöchigen Intensivkurs könne man im Alltag gut zurechtkommen und den Vorlesungen folgen.

Christopher führt Besucher aus Deutschland immer gern über den gerade neugestalteten Campus mit Cafés und vielen Bäumen und dann zur naturwissenschaftlichen Fakultät im raumschiffartigen Huygens- Gebäude, das mit großen Glasfronten eher an die Zentrale eines Multinationals erinnert. In den Vorlesungssälen hat jeder Student ein Anrecht auf einen Sitzplatz. Der Professor wird geduzt, und wenn man eine Frage hat, schreibt man eben eine Mail oder ruft ihn auf dem Handy an.

Viele der deutschen Studenten in Nimwegen pendeln täglich über die Grenze nach Kalkar oder Kleve am Niederrhein. Nimwegen kooperiert mit der Universität Essen-Duisburg und hat sogar einen Pendelbus dorthin eingerichtet - die Fahrt ins Ruhrgebiet dauert nur eine knappe Stunde. Was Judith Arns von der Beratungsstelle für deutsche Studenten bei einem Besuch in Duisburg allerdings gewundert hat: «Die waren ganz stolz darauf, wie groß ihre Vorlesungssäle sind – 'für 800 Leute', haben sie gesagt. Hier sind wir gerade stolz darauf, wie klein die Vorlesungen sind.» Psychologie-Studentin Hannah Nohlen berichtet: «Einmal hatte ich ein Seminar, da kam auf jeden Studenten ein Dozent.»

Vorbild in puncto Fleiß und Effizienz

Die niederländischen Universitäten werben aktiv in Deutschland. Ihr Motiv: Sie bekommen für jeden Studenten 6500 Euro vom niederländischen Staat. «Wenn denen die Studenten weglaufen, gibt's entsprechend weniger Geld», erläutert Stegelmann. «Dann müssen sie Stellen streichen.» Judith Arns betont aber, dass es nicht nur ums Geld gehe: «Die deutschen Studenten stellen eine kulturelle Bereicherung dar und sind auch deshalb willkommen. Sie haben oft einen anderen Blickwinkel, das macht viele Diskussionen interessanter.»

Überall auf dem Campus in Nimwegen liegt zurzeit die neue Ausgabe der Universitätszeitschrift «Vox» aus, und diesmal ist das Heft ein «Duitsland-Special» mit der Titelschlagzeile «De Duitsers komen!» Dazu sieht man ein Gehirn mit einer deutschen Flagge, in dem bestimmte Bereiche mit den Begriffen «gründlicher», «schneller» und «besser» markiert sind. Sollte es tatsächlich noch irgendwo in den Niederlanden antideutsche Ressentiments geben - hier sicher nicht. In der Zeitschrift werden die Deutschen den Niederländern als Vorbild in puncto Fleiß und Effizienz empfohlen - und locker seien sie inzwischen auch, so liest man zumindest. Zum Beweis werden mehrere deutsch-niederländische Liebespaare porträtiert.

Wo ist der Haken?

Michael Jäger war mal an der Uni Münster eingeschrieben, aber schon nach zwei Monaten so gefrustet, dass er sich nur noch aufs Partyleben konzentrierte. «Ich saß da in einem Seminar mit 150 Leuten und kannte niemanden. Außerdem war alles unheimlich bürokratisch organisiert.» Inzwischen studiert er in der niederländischen Stadt Maastricht - so wie 3200 andere Deutsche. «Hier musste ich nur zum Einschreibbüro gehen, einen Kaffee trinken und dabei ein Formular ausfüllen - das war alles», erzählt er.

Genauso erging es Wiete Eichhorn aus Hennef und Julia Langenohl aus Wuppertal. «Ich dachte am Anfang immer: «Wo ist hier der Haken?» - Aber da war keiner», sagt Wiete. Viele Fakultäten in Maastricht sind in ehemaligen Klöstern und Kirchen untergebracht, aber innen sieht alles hypermodern und pieksauber aus, die Arbeitsräume sind mit Laptops und Beamern ausgestattet, «und alles funktioniert - immer», wie Michael betont. Doch es ist keine Privat- Uni - die Studiengebühren sind niedriger als im benachbarten Nordrhein-Westfalen. Dazu kommen garantierte Auslandsaufenthalte und Seminare mit höchstens 15 Teilnehmern. Auch nicht schlecht: Wenn man mindestens acht Stunden in der Woche nebenher arbeitet, bekommt man die niederländische Studienfinanzierung, die man nicht zurückzahlen muss. Allerdings wird nicht jeder Job anerkannt.

Der Direktor ist Deutscher

Klassische Vorlesungen sind in Maastricht unbekannt, die Studenten lernen «problemorientiert»: Das heißt, dass der Professor ihnen ein bestimmtes Problem, eine Aufgabe, eine Frage vorgibt und die Bearbeitung von der Gruppe gemeinsam vorgenommen wird. Das ist in allen Fächern so, ob in Medizin oder in International Business.

«So behält man die Sachen viel besser, weil man die Fachliteratur unter einem ganz bestimmten Gesichtspunkt durchforstet, immer auf der Suche nach Antworten», sagt Wiete. Gedankenaustausch und Zusammenarbeit mit Studenten aus einer Vielzahl von Ländern und Kulturen sind dabei ein Muss. «Manchmal sitzen wir hier mit neun Leuten aus acht Ländern am Tisch», schwärmt Michael. Das alles läuft auf Englisch - Niederländisch muss man nicht lernen.

An der Fachhochschule Fontys in Venlo - 20 Autominuten von Duisburg entfernt - werden manche Studiengänge sogar überwiegend auf Deutsch angeboten. 60 Prozent der etwa 3000 Venloer Studenten sind Deutsche. Kann das den Niederländern denn recht sein, schließlich wird das Ganze doch großenteils mit ihren Steuergeldern bezahlt? «Da gibt es keinerlei Probleme», versichert der stellvertretende Direktor Thomas Merz, selbst Deutscher. «Weder von unserem Vorstand noch vom niederländischen Bildungsministerium haben wir da je irgendwas gehört.»

«Uni der Ehrgeizigen»

Denn die Regierung in Den Haag sieht durchaus einen volkswirtschaftlichen Nutzen - sie erhofft sich qualifizierte Arbeitskräfte für den heimischen Markt: «Viele Deutsche bleiben anschließend da», hat Peter Stegelmann festgestellt. «Wer an einer niederländischen Fachhochschule studiert hat, bekommt in über 95 Prozent der Fälle in den ersten drei Monaten nach dem Abschluss einen Job.» Maike Schroers aus Mönchengladbach hat in Venlo sogar ein so gutes Wirtschaftsexamen gemacht, dass sie in Den Haag für die beste Bachelor-Arbeit der Niederlande ausgezeichnet wurde.

Im Büro des Maastrichter Uni-Chefs Jo Ritzen hängt ein Foto, das ihn zusammen mit Ex-Kanzler Helmut Kohl zeigt, als dieser vor vier Jahren einen Gastvortrag hielt. Der frühere Bildungsminister, der in den 90er Jahren unter Regierungschef Wim Kok tiefgreifende Hochschulreformen durchsetzte, glaubt nicht, dass sich das Maastrichter System auf Deutschland übertragen lässt: «Stellen Sie sich mal vor, man ginge dort hin und würde den Professoren sagen: 'Sie halten jetzt keine Vorlesungen mehr, Sie arbeiten künftig nur noch ganz direkt mit den Studenten zusammen.' Das würden die kaum machen.»

Der Sozialdemokrat Ritzen will Maastricht nicht als Elite-Uni bezeichnen - «denn da denkt man an ein bestimmtes Elternhaus oder an Geld» - aber durchaus als eine «Uni der Ehrgeizigen»: «Ich sage das vor allem den niederländischen Studenten: «Wenn ihr es gerne ein bisschen gemütlich habt, dann geht woandershin. Das hier ist nur etwas für Leute, die später Unternehmen und Gesellschaft wesentlich mitgestalten wollen.» Im ersten Jahr wird tüchtig ausgesiebt. «Die Prüfungen sind sehr schwer», berichtet Julia Langenohl. «Das ist survival of the fittest.»

Aber gibt es denn nicht auch irgendwas, das an den deutschen Unis besser ist? Michael Jäger überlegt kurz. «Doch», sagt er, «das Partyleben war in Münster besser.» (Christoph Driessen, dpa)

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