Fürs Leben lernen:
Schulfach Glück macht glücklich
25.07.2008
Herausgeber: netzeitung.de
«Wir versuchen, den Jugendlichen Instrumente an die Hand zu geben, die sie stabiler und selbstbewusster machen. Sie sollen lernen, sich in der Welt zu orientieren», sagt Fritz-Schubert. Während er dafür im Inland häufig schräg angesehen wurde, gibt es den Trend zum Glücksunterricht im Ausland schon lange.
An der Harvard-Universität beispielsweise sind die Happiness-Kurse grundsätzlich komplett ausgebucht. Doch mittlerweile dürfte auch Kritikern hierzulande allmählich die Munition ausgehen. Denn am vergangenen Freitag stellten zwei Wissenschaftler neue Studien auf einem Symposium in Heidelberg vor. Die Experten untersuchten die Auswirkungen des Faches unabhängig voneinander anhand von je einer «Glücks»- und einer Kontrollgruppe, also einer Klasse mit und einer ohne Glück im Unterricht.
Der Wiener OECD-Beauftragte für Sozialforschung, Ernst Gehmacher bescheinigt dem Fach nun einen enorm positiven Einfluss auf die Entwicklung von Identität und Persönlichkeit: «Es ist beeindruckend, wie stark das Engagement in der Gemeinschaft und die Lust an der Leistung bei den Schülern zugenommen haben.» Dennoch warnt der Professor davor, Glück nun eiligst in allen Schulen einzuführen. Denn der Erfolg sei stärker als in anderen Fächern von der Qualität des Unterrichts abhängig: «Einfach ein Fach einführen bringt nichts. Man benötigt hervorragendes Personal.»
Gehmacher hätte allerdings Bedenken, Glück «mir nichts, dir nichts» bundesweit einzuführen. Dies bedürfe akribischer Vorbereitung. Es müsse größter Wert auf Qualität und Inhalt gelegt werden, sonst könnte das Fach für die Schüler sogar kontraproduktiv sein. «Glück light», sagt er, «wäre die totale Enttäuschung.» Nicht nur für die Schüler, auch für die Lehrer gelte: «Glück muss man lernen. Es fällt einem nicht in den Schoß.» Der Heidelberger Professor für Sportpädagogik, Wolfgang Knörzer, kommt in seiner Studie im Wesentlichen zum gleichen Ergebnis wie Gehmacher: «Das Fach trägt zur Persönlichkeits- und Identitätsstärkung bei.»
Knörzer ist Leiter des Instituts für Alltags- und Bewegungskultur. Er hat die Auswirkungen des Glücks-Unterrichts mit Hilfe der so genannten Konsistenztheorie untersucht. Ob jemand glücklich ist oder nicht, lässt sich demnach anhand der Abdeckung von vier Grundbedürfnissen erkennen: Starke Bindungen, Orientierung und Kontrolle, Lustgewinn, Selbstwerterhöhung. Seien diese Faktoren positiv ausgeprägt, bewirken sie beim Menschen eine hohe Lebenszufriedenheit und eine stabile psychische Gesundheit. Mit einem Wort: Er ist glücklich.
Nach dieser Theorie, glaubte Knörzer, müsste es eine messbare Veränderung im Bereich der Konsistenz bei der Glücksgruppe geben. Bei der Auswertung der Fragebögen trat dann ein interessanter Effekt hervor: «Wir haben gegenüber der Kontrollklasse einen signifikanten Zuwachs an Vermeidungszielen entdeckt. Das war äußerst spannend.»
Zudem gebe die Glücksgruppe weit häufiger an, schwierige Situationen im Griff zu haben, die Übersicht zu behalten oder sich selbst beherrschen zu können, sagt der Sportwissenschaftler. Für ein Schuljahr Unterricht sei das sehr positiv. Im zweiten Jahr müsse es nun darauf ankommen, die neu gewonnene Sensibilität für das eigene Ich in konkrete Ziele umzusetzen: «Wo soll mein Platz sein, was möchte ich erreichen?
Diese Erkenntnis ist der nächste Schritt auf dem Weg zum Glück», glaubt Knörzer. Unterstützend sei es wichtig, von der in Deutschland typischen Fehlerkultur wegzukommen. Und zwar in allen Fächern: «Das Herumreiten auf Fehlern bringt nichts. Man muss den Schülern stattdessen bewusst machen, was sie können. Dann beheben sie die Fehler durch eigene Motivation.» Das Fach Glück habe deshalb nicht zuletzt die Aufgabe, auch die Lehrkräfte zum Denken anzuregen. (Von Jochen Schönmann, AP)

