Mehr Volksnähe durch Praktikum:
Reality-Crash Kurs für Politiker
18. Jul 2008 10:52
 |  Übender Politiker oder ein echter Tankwart? | Foto: dpa |
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Vorsicht bei Tankwart oder Gärtner - es könnte ein getarnter Bundestags- Abgeordneter sein. Mit «Kurzzeitpraktika» werben sie in der Sommerpause um Stimmen in ihrem Wahlkreis. Nur die Linken machen lieber Ferien.
In die Hände spucken und richtig anpacken will er. Nicht einfach nur auf dem Bagger sitzen und sich fotografieren lassen. Nein, zumindest einen Tag lang will CDU/CSU-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach zu Hause in seiner rheinischen Heimat bei Landschaftsgärtnern mitarbeiten.
Genauso wie der CDU-Politiker nutzen mehr als 70 Bundestagsabgeordnete dieses Jahr die Möglichkeit für ein «Kurzzeitpraktikum», viele davon jetzt in den Sommerferien. Darunter auch Prominenz wie Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) oder die ehemalige Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP).
Für «Realitätsnähe» in der Videothek abhängen
Ob an der Tankstelle, im Altenpflegeheim oder in der Videothek - während die meisten der 612 Abgeordneten die zweimonatige Sommerpause des Parlaments mit Erholung verbringen, krempeln einige die Ärmel hoch. Die Idee geht auf den Bundesverband der Dienstleistungswirtschaft (BDWi) zurück, der bereits knapp 350 Praktikumsplätze an Politiker vermittelte. Sinn sei es, den Abgeordneten mehr «Realitätsnähe» zu verschaffen, sagt Verbandspräsident Werner Küsters.
Laurenz Meyer war beim Gartenbau
Nicht von Anfang an stieß die Aktion auf Begeisterung. So habe sich ein hochrangiges Mitglied der früheren rot-grünen Koalition davor verwahrt «den Kakao zu trinken, durch den Sie mich hier ziehen wollen», erzählt Küsters. Inzwischen habe sich aber herumgesprochen, dass das Praktikum nicht «oberlehrerhaft» gemeint sei. Einer, der bereits zweimal dabei war, ist der ehemalige CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer. Nach einem Praktikum im Gartenbau jobbte er auch für einen Tag als Tankwart. Dabei fiel sogar etwas Trinkgeld ab.
Altenpflege ist am beliebtesten
Die beliebtesten Branchen für den Kurzzeit-Aufenthalt in der normalen Arbeitswelt sind unter den Politikern der Gartenbau und die Altenpflege. Wenig Interesse gibt es hingegen an der Arbeit von Zahntechnikern oder Autovermietungen.
Zu beobachten ist auch, dass je nach politischer Diskussionslage das Interesse an bestimmten Branchen steigt. Bei Jugendschutz-Debatten interessieren sich Abgeordnete verstärkt für die Arbeit in Videotheken. Seit der Mindestlohn immer wieder im Gespräch ist, gehen sie öfter in Zeitarbeitsfirmen.
Öffentlichkeitsarbeit nebenbei
Meist besuchten die Abgeordneten für das Mini-Praktikum eine Firma in ihrem Wahlkreis, weil sie «darin auch eine gute Öffentlichkeitsarbeit» sehen, wie auch Küsters bewusst ist. Eine Absage bekommt aber, wer «nur stundenweise für einen Fototermin» in den Betrieb gehen will. Abgeordneten, die sich über die Arbeit in der Pflegebranche informieren wollen, wird ein Praktikum für bis zu drei Tagen empfohlen.Interesse an der Aktion zeigten bislang Mitglieder von Union, SPD, FDP und Grünen. Lediglich von den Linken seien Abgeordnete «bisher noch nicht so aufgelaufen», sagt Küsters. Vermutlich seien diese «den Dingen, die die Dienstleistungsbranche umtreiben», am Fernsten. Aber auch für sie gilt: Politiker auf der Suche nach mehr «Realitätsnähe» können sich auch jetzt noch beim Bundesverband der Dienstleistungswirtschaft melden. (Ira Kugel/dpa)