Starre und flexible Arbeitszeiten :
Sind alle faul im Staate Dänemark?
16. Jul 2008 08:29
 |  Arbeit und Familie zusammenführen | Foto: dpa |
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Wer morgens um acht im Büro die Augen noch nicht aufbekommt, sollte das Problem nicht bei sich selbst, sondern in den antiquierten Arbeitszeiten suchen. Das meint Camilla Kring, Gründerin der dänischen B-Gesellschaft, im Interview.
Dänemark gilt wie seine Nachbarländer Schweden und Norwegen als Sinnbild für den skandinavischen Wohlfahrtsstaat. Nach Angaben des dänischen Arbeitsministeriums hat das Land die geringsten Arbeitslosen- und die höchsten Beschäftigungszahlen innerhalb der EU. Die Arbeitslosenquote liegt derzeit bei zwei Prozent, es herrscht Arbeitskräftemangel, die Konjunktur boomt.
Seit Ende der neunziger Jahre prägt der Begriff der Flexicurity, zusammengesetzt aus flexibility und security, das dänische Arbeitsmarktmodell. Wegen der hohen Flexibilitätsrate können Unternehmen dank eines lockeren Kündigungsschutzes je nach Auftragslage Arbeitnehmer anstellen bzw. wieder entlassen, frei nach dem amerikanischen Prinzip von hire or fire.Doch im Falle einer Kündigung sind zumindest die unteren Lohngruppen mit 90 Prozent ihres vorherigen Bruttolohnes sozial abgesichert. Eine aktive Beschäftigungspolitik verhindert außerdem, dass Arbeitslose länger als ein Jahr ohne Beschäftigung bleiben.
Zukunftsmodell: Die B-Gesellschaft
Hohe Flexibilitätsrate, soziale Absicherung und aktive Beschäftigungspolitik – das sind scheinbar paradiesische Zustände. Doch Camilla Kring (Jahrgang 1977), promovierte Ingenieurin und Expertin für «Life-Work-Balance and Life Navigation» will die dänische Arbeitswelt umstrukturieren.Mit der Hilfe ihrer 2006 gegründeten und mittlerweile 8000 Mitglieder starken dänischen Organisation b-samfundet, zu deutsch: die B-Gesellschaft, will sie eine flexible Gesellschaft etablieren, die sich nach den unterschiedlichen Familien- und Arbeitsformen sowie den ungleichen Zeitstrukturen des Einzelnen richtet.
Netzeitung: Was bewegt Menschen dazu, Mitglied Ihrer B-Gesellschaft zu werden?
Camilla Kring: Fast alle Mitglieder erklären, dass sie sich als B-Menschen, die erst nach zehn Uhr morgens produktiv werden, herabgesetzt fühlen. Es scheint ein generelles Phänomen zu sein, dass nur A-Menschen, die sich dem Morgenrhythmus unterwerfen, Anerkennung finden, frei nach dem Motto: «Morgenstund hat Gold im Mund».
Netzeitung: Ist Ihr Projekt auf alle Arbeitsbereiche anwendbar? Oder ist es eher ein elitäres System für Selbstständige und Kreative, die sich ihren Arbeitsplatz sowieso selber einrichten und gestalten können?
 |  Arbeiter in der Industrie | Foto: dpa |
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Kring: B-Menschen finden sich in allen Arbeitsbereichen wieder. Es gibt bereits Arbeitszeitmodelle wie bzw. Timecare, die Arbeitszeitwünsche der Arbeiter berücksichtigen. Ein B-Mensch zieht es vor, langsam in den Tag zu starten und erst nach zehn Uhr mit der Arbeit zu beginnen. Ein A-Mensch arbeitet vor zehn Uhr, um dann einen ruhigen Abend zu haben.Wenn wir also die unterschiedlichen Arbeitszeitwünsche der Menschen als Ausgangspunkt nähmen, könnten wir eine höhere Produktivität mit einer höheren Lebensqualität vereinen. Der arbeitende Mensch soll sich nicht mehr den veralteten Strukturen und Kulturen unterwerfen, die während des Landwirtschaftzeitalters und in der Industriegesellschaft geschaffen wurden.
Um zehn Uhr zur virtuellen Arbeit
Netzeitung: Sie legen viel Wert auf die Unterscheidung von Industrie- und IT-Gesellschaft und sehen sich auf dem Weg zur Innovationsgesellschaft. Wie genau stellen Sie sich diese Gesellschaft vor?Kring: Es gibt einen Paradigmenwechsel von der Industrie- zur Innovationsgesellschaft. Die Industriegesellschaft fußte auf Prinzipien wie der Massenproduktion, es wurde für den Chef gearbeitet, Arbeitszeit und Freizeit waren getrennt, körperliche Arbeit warbestimmend.
In der Innovationsgesellschaft geht es um individualisierte Produkte, es wird mit dem Chef bzw. mit dem Kunden zusammen gearbeitet, es gibt keine festen Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben, gedankliche Arbeitsprozesse sind bestimmend. Die technische Entwicklung hat es möglich gemacht, dass immer mehr Arbeit global und virtuell verteilt wird.
In der Zukunft werden die individuellen Leistungen weiter im Vordergrund stehen. Mehr als 80 Prozent der Werte eines Unternehmens sind immateriell. Sie bestehen aus Konzepten, Ideen, Innovationen, Kreativität.
Netzeitung: Und ist die B-Gesellschaft ein Grundpfeiler dieses neuen Systems?
Kring: Ja, die B-Gesellschaft besitzt die neuen Zeitstrukturen und Kulturen, welche die Innovationsgesellschaft unterstützt. Um die unterschiedlichen Bedürfnisse des Einzelnen zu unterstützen, müssen Gesellschaften flexibel sein. Wir müssen die Gesellschaft re-designen, die unsere Vorfahren geschaffen haben.
 |  Arbeit am Bildschirm | Foto: dpa |
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Gewerkschaften als Helfer zur Lebensgestaltung
Netzeitung: Sie schlagen weiterhin die Abschaffung von Arbeitszeit- und Überstundenregelungen vor. Der Mensch soll nach seiner Leistung und nicht nach der physisch anwesenden Zeit bezahlt werden. Was sagen die Gewerkschaften angesichts möglicher schleichender Arbeitszeitausweitung, unbezahlter Überstunden und eventueller Aushöhlung tariflicher Vereinbarungen?Kring: Ich bin seit sechs Jahren in der Ingenieursvereinigung politisch aktiv, davon zwei Jahre im Vorstand, und verfüge somit über Kenntnisse der Gewerkschaftsstrukturen. Mit Einschränkungen müssen die Gewerkschaften ihre starre Haltung in Bezug auf die Trennung von Arbeits- und Privatleben lockern.
Wenn Arbeits- und Privatleben wie in der B-Gesellschaft zusammenfallen, müssen die Gewerkschaften nicht nur die Arbeitsumstände, sondern auch die Lebensumstände mit in Betracht ziehen und den Einzelnen bei der Gestaltung der flexiblen Strukturen unterstützen.
Ein anderes Problem der Gewerkschaften ist, dass sie zu sehr in nationalen Grenzen denken. Mit der Globalisierung fließt Geld, Musik, Kultur etc. über die Landesgrenzen hinaus – und Unternehmen verteilen die Arbeit dort, wo es am lukrativsten ist. Die Gewerkschaften müssen eine globale Bewegung werden, die diesen Tendenzen entgegen wirkt und sich dafür einsetzen, dass der Einzelne seine Arbeitszeit bestimmen kann, um sich in einer globalen und flexiblen Arbeitswelt bewegen zu können.
Die neuen zehn Gebote
Netzeitung: Sie formulieren auf Ihrer Webseite zehn Gebote für eine bessere Welt. Sehen Sie sich als Weltverbesserer?Kring: Nein, nicht der B-Mensch steht für eine Weltverbesserung, sondern die B-Gesellschaft!
Die B-Gesellschaft ist auch offen für A-Menschen. Es geht darum, generell eine flexible Gesellschaft zu schaffen. Derzeit unterstützt unsere Gesellschaft vorrangig den Morgenrhythmus und damit die A-Menschen. Dabei ist genetisch festgelegt, ob man ein A- oder B-Mensch ist. Forschungsergebnisse zeigen, dass es mehr B- als A-Menschen gibt. Die B-Gesellschaft ist die Gesellschaftsform der Zukunft, an die neue Herausforderungen gestellt werden.
Netzeitung: Sie wehren sich gegen die negative Konnotation von «B-Gesellschaft» als zweitklassig und beziehen sich auf die anglo-amerikanische Aussprache von to be wie in B-yourself, B-alive, B-productive. Was meinen Sie, wann sind alle Vorbehalte und Skepsis ihrer Organisation gegenüber abgebaut?Kring: «Neue Ideen werden anfangs belächelt, dann bekämpft und dann akzeptiert», der Satz ist von Schopenhauer. Es wird noch eine Weile dauern, bis der B-Mensch vollständig akzeptiert ist, aber ich bin sicher, das wird noch zu meinen Lebzeiten passieren. Mein größter Wunsch ist allerdings, dass der Einzelne die Macht über die Zeit zurückbekommt.
Mit Camilla Kring sprach Tanja Sieg.