Starre und flexible Arbeitszeiten :
Sind alle faul im Staate Dänemark?
16.07.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Doch im Falle einer Kündigung sind zumindest die unteren Lohngruppen mit 90 Prozent ihres vorherigen Bruttolohnes sozial abgesichert. Eine aktive Beschäftigungspolitik verhindert außerdem, dass Arbeitslose länger als ein Jahr ohne Beschäftigung bleiben.
Mit der Hilfe ihrer 2006 gegründeten und mittlerweile 8000 Mitglieder starken dänischen Organisation b-samfundet, zu deutsch: die B-Gesellschaft, will sie eine flexible Gesellschaft etablieren, die sich nach den unterschiedlichen Familien- und Arbeitsformen sowie den ungleichen Zeitstrukturen des Einzelnen richtet.
Netzeitung: Was bewegt Menschen dazu, Mitglied Ihrer B-Gesellschaft zu werden?
Camilla Kring: Fast alle Mitglieder erklären, dass sie sich als B-Menschen, die erst nach zehn Uhr morgens produktiv werden, herabgesetzt fühlen. Es scheint ein generelles Phänomen zu sein, dass nur A-Menschen, die sich dem Morgenrhythmus unterwerfen, Anerkennung finden, frei nach dem Motto: «Morgenstund hat Gold im Mund».
Netzeitung: Ist Ihr Projekt auf alle Arbeitsbereiche anwendbar? Oder ist es eher ein elitäres System für Selbstständige und Kreative, die sich ihren Arbeitsplatz sowieso selber einrichten und gestalten können?
Wenn wir also die unterschiedlichen Arbeitszeitwünsche der Menschen als Ausgangspunkt nähmen, könnten wir eine höhere Produktivität mit einer höheren Lebensqualität vereinen. Der arbeitende Mensch soll sich nicht mehr den veralteten Strukturen und Kulturen unterwerfen, die während des Landwirtschaftzeitalters und in der Industriegesellschaft geschaffen wurden.
Kring: Es gibt einen Paradigmenwechsel von der Industrie- zur Innovationsgesellschaft. Die Industriegesellschaft fußte auf Prinzipien wie der Massenproduktion, es wurde für den Chef gearbeitet, Arbeitszeit und Freizeit waren getrennt, körperliche Arbeit warbestimmend.
In der Innovationsgesellschaft geht es um individualisierte Produkte, es wird mit dem Chef bzw. mit dem Kunden zusammen gearbeitet, es gibt keine festen Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben, gedankliche Arbeitsprozesse sind bestimmend. Die technische Entwicklung hat es möglich gemacht, dass immer mehr Arbeit global und virtuell verteilt wird.
In der Zukunft werden die individuellen Leistungen weiter im Vordergrund stehen. Mehr als 80 Prozent der Werte eines Unternehmens sind immateriell. Sie bestehen aus Konzepten, Ideen, Innovationen, Kreativität.
Netzeitung: Und ist die B-Gesellschaft ein Grundpfeiler dieses neuen Systems?
Kring: Ja, die B-Gesellschaft besitzt die neuen Zeitstrukturen und Kulturen, welche die Innovationsgesellschaft unterstützt. Um die unterschiedlichen Bedürfnisse des Einzelnen zu unterstützen, müssen Gesellschaften flexibel sein. Wir müssen die Gesellschaft re-designen, die unsere Vorfahren geschaffen haben.
Kring: Ich bin seit sechs Jahren in der Ingenieursvereinigung politisch aktiv, davon zwei Jahre im Vorstand, und verfüge somit über Kenntnisse der Gewerkschaftsstrukturen. Mit Einschränkungen müssen die Gewerkschaften ihre starre Haltung in Bezug auf die Trennung von Arbeits- und Privatleben lockern.
Wenn Arbeits- und Privatleben wie in der B-Gesellschaft zusammenfallen, müssen die Gewerkschaften nicht nur die Arbeitsumstände, sondern auch die Lebensumstände mit in Betracht ziehen und den Einzelnen bei der Gestaltung der flexiblen Strukturen unterstützen.
Kring: Nein, nicht der B-Mensch steht für eine Weltverbesserung, sondern die B-Gesellschaft!
Die B-Gesellschaft ist auch offen für A-Menschen. Es geht darum, generell eine flexible Gesellschaft zu schaffen. Derzeit unterstützt unsere Gesellschaft vorrangig den Morgenrhythmus und damit die A-Menschen. Dabei ist genetisch festgelegt, ob man ein A- oder B-Mensch ist. Forschungsergebnisse zeigen, dass es mehr B- als A-Menschen gibt. Die B-Gesellschaft ist die Gesellschaftsform der Zukunft, an die neue Herausforderungen gestellt werden.
Kring: «Neue Ideen werden anfangs belächelt, dann bekämpft und dann akzeptiert», der Satz ist von Schopenhauer. Es wird noch eine Weile dauern, bis der B-Mensch vollständig akzeptiert ist, aber ich bin sicher, das wird noch zu meinen Lebzeiten passieren. Mein größter Wunsch ist allerdings, dass der Einzelne die Macht über die Zeit zurückbekommt.
Mit Camilla Kring sprach Tanja Sieg.

