Ausbildung:
DGB bezweifelt Wende am Lehrstellenmarkt
14. Mai 2008 14:32
 |  Auszubildender mit seinem Meister | Foto: Signal Iduna/dpa/gms |
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Der Gewerkschaftsbund hält den Jubel über die glänzende Lage des Lehrstellenmarkts für verfrüht. Der DIHK verschleiere die Lage mit irreführenden Zahlen und vergesse die hohe Zahl der Altbewerber.
Die deutsche Wirtschaft jubelt über die robuste Verfassung des Ausbildungsmarktes – doch der Deutsche Gewerkschaftsbund hält die Freude für voreilig. «Das ist der Versuch, die Situation schönzureden», kritisierte der Bundesjugendsekretär des DGB, René Rudolf, die Äußerungen des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Dessen Präsident Ludwig Georg Braun hatte am Dienstag verkündet, erstmals seit 2001 werde in diesem Jahr mehr offene Lehrstellen als suchende Jugendliche geben.
Der DIHK verschleiere die Lage, sagte Rudolf. Viele junge Menschen würden aus der Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) verschwinden, obwohl sie gar keine Lehrstelle haben, erläuterte er in der «Frankfurter Rundschau». Dazu gehören etwa diejenigen 24.000 Leute, die 2007 eine sogenannte Einstiegsqualifizierung begonnen haben, das ist eine Art Praktikum und dauert in der Regel sechs Monate.Andere absolvieren berufsvorbereitende Kurse. Viele dieser Menschen brauchten die Weiterbildung eigentlich gar nicht, meint Gewerkschafter Rudolf. Sie könnten sofort eine Ausbildung beginnen – wenn es denn genügend Lehrstellen gäbe. Wieder andere würden die Suche irgendwann aufgeben und gar nichts machen oder einen ungelernten Job annehmen. Auch sie gelten nicht mehr als «unversorgte Bewerber».
BA wagt keine Prognose
Der DGB bestreitet nicht, dass es Jugendliche gibt, die Defizite haben und für die es sinnvoll ist, sie in Kursen fit für eine Lehre zu machen. Häufig würden Jugendliche aber mit berufsvorbereitenden Maßnahmen abgespeist und zum Teil in Betrieben als billige Arbeitskräfte missbraucht. Die Vermittlung von Kenntnissen und Fähigkeiten sei dabei eindeutig zweitrangig, rügt der DGB. Für den Zeitraum Oktober 2007 bis April 2008 meldete die BA 485.000 Bewerber, von denen noch rund 210.000 eine Stelle suchen. Diesen stehen im Moment gut 190.000 offene Lehrstellen gegenüber. Die Bundesagentur wagt noch keine Prognose für den Beginn des Ausbildungsjahres im Herbst. «Man kann noch nicht vorhersagen, ob es eine Lücke gibt und wie groß sie wird», sagte eine BA-Sprecherin. Für eine solche Prognose sei es noch zu früh.
DGB: Und was ist mit den Altbewerbern?
Die optimistische Einschätzung des DIHK basiert auf dem Trend seit Jahresbeginn: Bis Ende April wurden demnach 8,6 Prozent mehr Ausbildungsverträge bei den Industrie- und Handelskammern registriert als im Vorjahr. Wenn sich der Trend fortsetze, werde es zum Beginn des Ausbildungsjahres einen neuen Rekord bei den abgeschlossenen Verträgen geben, sagte DIHK-Präsident Braun.Der DGB widerspricht Braun: «Die Rechnung des DIHK geht nur auf, wenn man die rund 385.000 Altbewerber außen vor lässt», sagte DGB-Sprecherin Marion Knappe. Deshalb müssten mehr Betriebe ausbilden. Derzeit sei es nur etwa jedes vierte Unternehmen.
Der Gewerkschaftsbund verweist zudem darauf, dass die Bundesregierung einen Ausbildungsbonus für besonders engagierte Firmen beschlossen hat. Unternehmen können eine Prämie bekommen, wenn sie einen Altbewerber eine Lehrstelle anbieten. Als Altbewerber gelten Jugendliche, die bereits länger als zwölf Monate ihren Schulabschluss in der Tasche haben. Der DGB hält indes eine andere Strategie für sinnvoller: Firmen, die nicht ausbilden, sollen zur Kasse gebeten werden – der alte Ruf nach der Ausbildungsplatzabgabe.
Sorge um Schulbildung
Insgesamt begannen 2007 rund 626.000 Jugendliche eine Lehre. In diesem Jahr rechnet die Bundesregierung mit 623.000 Bewerbern. Neben der guten Konjunktur, auf die der DIHK verweist, sorgt die Demografie für Entspannung am Lehrstellenmarkt. Bereits in diesem Jahr werden nach Regierungsangaben über 30.000 weniger Schüler die allgemeinbildenden Schulen verlassen. Vor allem in Ostdeutschland geht die Zahl der Schulabgänger zurück.
 |  Otto Kentzler | Foto: dpa |
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Der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Otto Kentzler, sorgt sich aber um die Qualität der Bewerber. Es sei zu befürchten, dass auch in diesem Jahr Lehrstellen unbesetzt blieben, da gerade für Berufe im technischen Bereich viele Schulabgänger gar nicht geeignet seien, sagte Kentzler.«Schulabgänger mit schlechten Noten in Mathe und Deutsch werden auch weiterhin Probleme haben», sagte Thilo Pahl vom DIHK Berlin der «Welt». Jeder fünfte Schulabgänger hat nach Einschätzung des Berufsbildungsinstituts BIBB große Defizite beim Lesen, Schreiben und Rechnen. Zudem wird nicht überall in Deutschland gleichermaßen Nachwuchs gesucht. In Süddeutschland werden in einigen Regionen händeringend gute Kandidaten gesucht, in den meisten anderen Regionen sei das aber nicht so, so Pahl. Umso wichtiger sei es, mobil zu sein.
Für das Web ediert von Matthias Breitinger