Blogblick zur Steuerhinterziehung: «Heuchler, Hehler, Hinterzieher»19. Feb 2008 08:34  |  Geld braucht keine Wegweiser: Richtung Vaduz/Liechtenstein | Foto: dpa |
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Deutschland hat seine Steuerflucht-Debatte und die Blogger diskutieren munter mit - über Liechtenstein und Bierdeckel. Außerdem: Ein neues Weblog zur Genforschung und ein neues Nachrichtenportal. Der Blogblick.
Steuern, so denkt man leichthin, sind so etwas wie das Wetter des Geldbeutels. Jeder ist betroffen, jeder ärgert sich mal darüber, jeder kann mitreden. Dass das nicht stimmt, zeigt dieser Tage ein kleines Fleckchen Erde, das mit seiner Lage im steinigen Gebirge und umgeben von ganz viel Schweiz und Österreich eigentlich schon genug gestraft ist.
Neuerdings sehen manche in ihm auch noch den Hort alles Bösen, eine Hölle, die es möglich macht, dass große Nationalökonomien von heimtückischen Finanzzwergen und - hinterziehern arg gebeutelt werden. Andere sprechen von einem Paradies, in dem hart erarbeitetes Geld ruhig, sicher und in Freiheit vor sich hin gedeihen kann. Nur sehr wenige sagen einfach Liechtenstein dazu.
Auch die Blogger tun sich schwer mit dem Thema. Heiko Walkenhorst, Marketing-Blog.biz, umschifft es anfangs
elegant
mit einem sogenannten Gastkommentar: «'Ich kann die Flüchtlinge aus den Steuerwüsten verstehen, denn im Grunde genommen sind sie politische Flüchtlinge, die ihre Privatsphäre schützen wollen.'»Um dann aber gnadenlos in Richtung des Gastkommentators nachzulegen: «Guten Tag und Danke, Johannes Adam Ferdinand Alois Josef Maria Marko d'Aviano Pius von und zu Liechtenstein, Herzog von Troppau und Jägerndorf, Graf zu Rietberg, Regierer des Hauses von und zu Liechtenstein, oder einfach: Hans-Adam II., wie man dich zuhause nennt.»
Verwundert
konstatiert
das Weblog Wasserstandsmeldung, «dass sich von der Linken bis zur FDP ausnahmsweise mal alle einig sind, dass es zumindest so irgendwie nicht geht.» Hier hat man sogar Lösungen parat: «Ein einfaches (oder um es nicht ganz so schwer zu machen: ein einfacheres) Steuerrecht», das nicht «auf einen Bierdeckel passen» muss. Passt Liechtenstein eigentlich auf einen Bierdeckel?
Nicht auf einen Bierdeckel passt jedenfalls Petros'
Gedicht
«Steuergerechtigkeit … und andere Schweinereien». Und weil das so ist, präsentieren wir hier nur einen Auszug aus einer Passage über «Wirtschaftsbosse»: «Unter Ihren weißen Westen wärmen sie sich an den Kontoauszügen aus Liechtenstein.» Ja, hm, äh - man sieht schon all die Generationen von Deutsch-Schülern bei der Analyse von Lyrikform und -inhalt vor sich.
Sehr
differenziert
meldet sich das Weblog blariog.net zu Wort: «Es ist freilich pervers, wenn gerade die Wirtschaftselite, der Hartz IV nicht weit genug geht, die sich als moralische Instanz feiern lassen will, die immer wieder auf die eigene Kraft, das eigene Können verweist, wenn gerade diese Menschen sich nun als widerliche Heuchler entpuppen.» Wer wagt es da zu widersprechen?Oder hier? «Aber andererseits ist es auch sehr heuchlerisch, wenn der typische deutsche Bürger mit dem Finger auf eben diese Reichen und deren Gier zeigt. Denn Steuern hinterziehen ist ein Volkssport», so blariog.net weiter.
Osi, Düsseldorf Blog,
stellt
«die Frage, ob es eigentlich ok ist, dass Peer Steinbrück mehr als vier Mio. Euro freigab, um die CD mit Steuerhinterziehungsdaten - eine Hehlerware - einzukaufen». Und liefert die Antwort gleich mit: «Scheint allgemein mit Ja beantwortet zu werden. Das kann man finanziell nachvollziehen, extrem grenzwertig ist es allemal.»
Dr.Dean, Der Morgen, bedankt sich brav bei den
Staatsorganen:
«So fragwürdig der Einsatz des BND hier m.E. ist, ich freue mich darüber, dass knapp 700 Arschlöcher demnächst eine halbe Milliarde Steuern (oder mehr...) nachzahlen dürfen, und gratuliere den Bochumer und Wuppertaler Ermittlern. (Ich schließe Wetten darauf ab, dass wir in nächster Zeit von 'Leistungsträgern' gemütsvolle Klagen über ausufernde Staatsbefugnisse hören werden, und zwar von exakt den Leuten, denen Bürgerrechte ansonsten egal sind.)»
Die exakte Gegenmeinung
vertritt
Michael Kastner, Freiheitsfabrik: «Hier schlägt ein vollkommen tollwütiger Staat zu. Ein Staat, den nichts so high macht, wie die Kohle seiner Bürger. Und wehe, er kann die Dosis nicht regelmäßig erhöhen, dann wird mit allen Mitteln, die den Verfolgungsbehörden zur Verfügung stehen, gnadenlos verfolgt, geplündert und durchsucht.» Kümmert sich eigentlich Amnesty International auch um verfolgte Kapitalisten?
Julia Seeliger hat die passende Kleinanzeige zu der ganzen Affäre gefunden und dokumentiert sie
genüsslich
in ihrem Weblog Zeitrafferin.
Noch genüsslicher erinnert das Sudelblog an eine Liechtenstein-Beschimpfung Hellmut v. Gerlachs, die vor knapp 75 Jahren in der «Weltbühne»
erschien.
Weniger Genuss bereiten in diesem Artikel allerdings die Wendungen am Ende, die von der nationalsozialistischen Durchdringung einer der wichtigsten Publikationen der Weimarer Republik zeugen.
MEHR IM INTERNET: Kommentare der Woche |
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Anhang
Essen & Trinken: Auf Teutonika musste eine unschuldige Dorade unter den
Urlaubsplänen
des Kochs leiden. Stylewalker zeigt einen - puh! -
Wurststrauß
zum Valentinstag. +++ Auto & Verkehr: Herr Schwaner, 24Stunden.de,
meint:
«Parkraumvignetten sind der größte Blödsinn aller Zeiten. Bürgernepp im großen Stil.» Computer & Internet: Frank, Citronengras,
bekennt sich
zu Youtube und den Youtube-Kommentaren. Wie-weit-wollen-wir-gen.de heißt ein recht
neues,
«offenes Blog zur Genforschung». «Nachrichten zweinull. Das ergibt für mich eigentlich zwangsläufig 00. Hat das wirklich vorher niemand bemerkt? Wenn man den Punkt weglässt, wird es halt eine Klobezeichnung»,
weiß der
Weltenweiser am Beispiel von Holtzbricks neuem Nachrichtenportal «Zoomer.de». Und doch ist daran nicht alles schlecht: «Immerhin, es verbraucht weniger Papier.» +++ Antrag zum Witz des Jahres: In Hausmeister Pachulkes Weblog wird das «Leitbild Justizvollzug» des Justizministeriums Baden-Württemberg für den «Witz des Jahres»
nominiert.
Für das Web ediert von Maik Söhler |