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58. Internationale Filmfestspiele: 

Mörderische Entscheidungen statt Multikulti

17. Feb 2008 11:29
Szenenbild aus 'Tropa de Elite'
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Soviele Stars wie nie, und dann noch die Rolling Stones - die Berlinale atmete diesmal Kommerz und Popkultur. Gut, dass mit dem Siegerfilm aus Brasilien noch ein Paukenschlag folgte, findet Kerstin Rottmann.

Geht's noch ein bisschen bizarrer? Das fragten sich Beobachter der 58. Internationalen Filmfestspiele Berlin des öfteren im Laufe der Berlinale. Zur Eröffnung etwa trabten neben Regisseur Martin Scorsese ausgerechnet die Rolling Stones über den Teppich. Glamour! Stars! Und das in Berlin!, jubelte die (Lokal)Presse. Beim Film, einer frech als Dokumentarfilm angekündigte Lobhudelei, sah man da lieber nicht so kritisch hin. Neben Mick Jaggers flatterndem Schal und Keith Richards übelgelaunter Attacke auf die mit Suchtproblemen kämpfende Kollegin Amy Winehouse blieb von ihrem Konzertfilm «Shine a light» nichts mehr in Erinnerung.

Tränen vor dem Kino

Es folgte ein langer Reigen an internationalen Stars, der seine neuesten Produkte - gerne auch in den Nebenreihen oder außerhalb des Wettbewerbs - vorstellte. Ja, das lässt sich schon einmal als Blanz festhalten: Die Berlinale und der angeschlossene boomende Europäische Filmmarkt sind fest vorgemerkt bei all denen, die etwas verkaufen wollen.

Schöner Nebeneffekt: Auch Hollywodstars wie Penelopé Cruz, Scarlett Johansson, Ben Kingsley, Natalie Portman und Daniel Day-Lewis kommen mittlerweile persönlich in die Stadt. Noch größer aber als bei den «echten» Filmstars war die Aufregung aber, als mit Madonna eine weitere schon etwas betagte Künstlerin ihr (Achtung!) Regiedebüt vorstellte. Trotz den Filmflops, die sich die US-Sängerin seit «Susan verzweifelt gesucht» (1985, erinnert sich noch jemand?) gelandet hat, waren tatsächlich gestandene Filmjournalisten zu beobachten, die weinten, weil sie es nicht in die Vorführung und oder die Pressekonferenz von «Filth and Wisom» schafften. Eher zum Weinen war der Film selbst, eine belanglose Multikulti-Komödie, die die 49-Jährige im «Kaffee Burger» in Berlin/Mitte mit handverlesenen «Russendisko»-Gästen nachfeierte.

Klarer Favorit

Ja und der Wettbewerb? Nein, so richtig spannend war der nicht. Von Beginn an etwa wurde ausgerechnet ein Oscar-Favorit als Anwärter für einen Goldenen Bären gehandelt. Paul Andersons wuchtiges Drama «There will be Blod» blieb dann auch tatsächlich einer der wenigen Filme, bei dem sich fast alle Fachbesucher einig waren: großes Kino. Doch die (leider geschrumpfte) Jury unter Vorsitz des griechischen Regisseurs Constantin Costa-Gavras hat sich glücklicherweise ihre eigenen Gedanken gemacht. Ihren Siegerfilm «Tropa de Elite» hatte wohl niemand auf der Karte.

José Padilhas semidokumentarischer Film über eine Spezial-Einheit der Militärpolizei ist ein unbequemes, provokantes Stück Kino. Erzählt wird die Geschichte des Elitesoldaten Nascimento (Wagner Moura), der mit seiner Truppe gegen Kriminelle und Drogendealer in den Slums und Favelas von Rio de Janeiro kämpft.

Seine Methoden sind brutal, ebenso aber die der Gegenseite - und dann ist da noch ein völlig korrupter Polizeiapparat, der die fatale Dynamik gegenseitiger blutiger Abrechnungen weiter anheizt. Als Nascimento, der bald Vater wird, immer stärkere Stress-Symptome zeigt, muss er seinen Nachfolger bei der BOPE, der gefürchteten «Batalhao de Operacoes Policiais Especiais» benennen.

Szenenbild aus 'Tropa de Elite'
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Ein harter Auswahlkampf zwischen zwei jungen Nachwuchs-Polizisten beginnt, die ihrerseits noch ihre privaten Rechnungen in den Ghettos zu begleichen haben. Was folgt, ist ein erbarmungsloser Showdown mit dem lokalen Drogenboss, bei dem es nur einen Sieger geben kann. Schnelle Schnitte, teils gefilmt mit der Handkamera, dazu ein treibender Soundtrack von Brasiliens bekanntesten Hip-Hop-Stars machen «Tropa de Elite» zu einem sehr dynamischen Film. Im starken Kontrast dazu steht die überdominante Figur des Kapitän Nascimento. Er fungiert auch als Erzähler, und kommentiert aus dem Off die Geschehnisse.

Krieg oder Frieden - wie entscheidest Du?

Wer hier lebt, so seine Botschaft, muss sich entscheiden, zwischen «Krieg oder Frieden» - und seine Entscheidung auch oft mit dem Leben bezahlen. In Brasilien wurde der Film schon vor Kinostart von Millionen Menschen auf Raubkopien gesehen, und kontrovers sogar bis ins Parlament hin diskutiert. Für viele Brasilianer, so der 40 Jahre alte Regisseur, der mit «Tropa de Elite» sein Spielfilmdebüt ablieferte, ist Kapitän Nascimento ein Held - für europäische Augen hingegen nur eine Reizfigur. Dennoch fordert gerade dieser reizvolle Kunstgriff der «Stimme aus dem Off» die Zuschauer heraus.

Wenn Nascimento tötet, foltert oder die brutale Auslese für den Nachwuchs seiner Totenkopf-Schwadron BOPE vornimmt, müssen sich auch Wohlstandsbewohner aus Westeuropa entscheiden, ob sie ihm bei seinem Feldzug gegen Drogen und Gewalt auf der Straße folgen würden - oder sich vielleicht lieber auf die Seite der jungen, weißen, wohlhabenden Studenten Rios stellen wollen.

Die, und auch das zeigt der Film, engagieren sich lieber mittels karitativer Projekte (für die sie dem Schutz lokaler Drogenbarone brauchen) und ziehen in ihrer Freizeit gepflegt einen Joint mit dem Haschisch durch, den ihnen zuvor die Kinder aus eben jenem Ghetto unter Einsatz ihres Lebens vertickt haben. Konsum auf Kosten anderer - das ist eine Doppelmoral, die auch uns Europäern im Zeitalter der Globalisierung bekannt vorkommen müsste.

Sorry, Elmar Wepper

Politisches Kino par excellence also, für das sich die fünfköpfige Jury entschieden hat - und übrigens erst das zweite Mal, dass der Hauptpreis der Berlinale nach Lateinamerika geht. Ebenso demonstrativ sozialkritisch wurden auch die anderen Preise des Festivals vergeben. Den Großen Preis der Jury erhielt ein anderer Film, der ebenfalls das Thema Gewalt thematisiert: Der einzige (echte) Dokumentarfilm im Wettbewerb, «Standard Operating Procedure» von US-Oscar-Preisträger Errol Morris, der die Menschenrechtsverletzungen in dem früheren US-Gefängnis Abu Ghoreib bei Bagdad thematisiert. Der Preis für den besten Schauspieler ging (sorry, «Kirschblüten» und Elmar Wepper) an den Iraner Reza Naji für «The Song Of Sparrows» (Der Gesang der Spatzen) von Regisseur Majid Majidi. Beste Schauspielerin wurde die Britin Britin Sally Hawkins für ihre Darstellung einer modernen Pipi Langstrumpf Rolle in in der Komödie «Happy-Go-Lucky» von Berlinale-Sozialdramen-Veteran Mike Leigh. Ja, und was war mit dem filmischen Schwergewicht «There will be Blood»?

Der ging natürlich auch nicht leer aus. In einer wahrhaft salomonischen Entscheidung erkannte die Jury Paul Anderson den Preis für die beste Regie und die beste Musik in seinem Ölsucher-Drama zu. Versöhnliche Note zum Schluss, und mehr hätte der US-Amerikaner am gestrigen Abend angeblich nicht vertragen. «Wenn ich auch noch all die Oscars kriege, dann bekomme ich sicher einen Herzinfarkt», so der acht Mal nominierte Anderson zu Reportern.

 
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