22.01.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Tom Cruise als Stauffenberg mit Filmehefrau
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Ein Mann, ein Wort, eine Tat: Bryan Singers «Operation Walküre» reduziert den 20. Juli 1944 auf ein fast perfektes Komplott. Kerstin Rottmann verrät, warum der Film trotz Tom Cruise gelungen ist, und wer der wahre Star des «Stauffenberg Attentats» ist.
Es reichen ein paar Film-Minuten, um zum Helden zu werden. Ein Mann kämpft in der Wüste auf verlorenem Posten, hinterfragt das System Hitler, verliert beim Angriff einer Bomberstaffel nicht sein Leben, wohl aber eine Hand und ein Auge. Schnitt, Ortswechsel, neues Szenario: Die Verschwörung gegen Adolf Hitler hat mit Oberst Claus Schenk Graf von Schenkenberg ein neues, überaus entschlossenes Miglied bekommen. Nein, eine solche Verknappung, Verfälschung gar hätte sich kein deutscher Regisseur getraut.
Jahre nachdem Produktionen wie Bernd Eichingers «Der Untergang» versucht haben, die NS-Zeit im ganz großen Maßstab ins Unterhaltungskino zu hiefen, hat Hollywood selbst zugegriffen und das mit der üblichen unbekümmerten Beherztheit. Das gescheiterte Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 ist das Thema von Bryan Singers Film «Operation Walküre», und dessen Hauptfigur wird bekanntlich von Tom Cruise verkörpert. Monate nach den endlosen Kontroversen in Deutschland um den Film und die Frage, ob es sich denn geziemt, dass ein bekennender Scientologe den Widerstandskämpfer spielt, ist «Das Stauffenberg Attentat» nun endlich auch in den deutschen Kinos zu sehen.
Cruise? Gar nicht so wichtigUnd um es kurz zu machen: Tom Cruise stört nicht sonderlich in dem zwei Stunden langen Thriller - mal abgesehen von kleinen Lächerlichkeiten wie der verstärkte Einsatz eines Glasauges, dem missglückten Hitlergruß und einer gewissen Beschränktheit der Ausdrucksfähigkeit des 46-Jährigen. Und das liegt auch daran, dass «Operation Walküre» eben keine Charakterstudie, keine biografische Skizze einer in der Tat komplexen, widersprüchlichen Persönlichkeit ist.
Irgendwann im Laufe der nicht gerade einfachen Dreharbeiten in Deutschland (unter anderem musste die Erschießungszene im Bendlerblock nachgedreht werden) hat sich das Konzept des Filmes gewandelt, wie Drehbuchautor Chris McQuarrie der Netzeitung im Interview erzählte. Damals entschied man sich, die kurze, erst später nachgedrehten Szenen von Stauffenbergs gescheiterter Mission in Afrika - wo er den Rückzug von Rommel decken sollte und schwer verletzt wurde - als eine Art Universalerklärung für die Motivation zum Widerstand heranzuziehen. Historisch ziemlich gruselig, so wie viele anderen Szenen (besonders krude: Hitler zeichnet das Walküre-Komplott sogar selber ab) dramaturgisch aber ausgesprochen geschickt.
Spannung aufbauen, um jeden PreisDenn nun hatte der «X Men»-Regisseur freie Hand, das zu tun, was er am besten kann: Spannung aufzubauen. «Operation Walküre» sei ein Thriller, der sich aber auch auf Fragen wie Mut, Zivilcourage und Verantwortung beziehe, so der Macher des «Stauffenberg Attentats» nun. Mut und Courage hatten die Verschwörer mehr als genug, das zeigt schon der Anfang des Films, in dem Henning von Tresckow (wie immer intensiv: der hervorragend gealterte Kenneth Branagh) mit Hilfe einer als Geschenk getarnten Bombe dem Führer schon den Garaus zu machen versucht. Vergeblich auch dieser riskante Versuch. Was sie alle riskieren, verdeutlicht der Film mit der einfachsten aller Chiffren - Stauffenbergs Familie, seiner Frau (fast wortlos gespielt von Clarice van Houten) und einer kühnen Szene, in der sich Wagners Ritt der Walküren mit den Schrecken des Krieges verbindet. «Sie können den Nationalsozialismus nicht ohne Wagner verstehen», raunt wenig später ein etwas derangiert wirkender Hitler auf dem Obersalzberg dem angereisten Stauffenberg zu. NS-Ideologie für Anfänger ist das, und Hund Blondi ist auch nicht weit.
Doch spätestens, als die Verschwörung am 20. Juli ihren filmischen Lauf nimmt, beginnt ein dramatischer Countdown, der den Zuschauer atemlos im Kinosessel zurücklässt. Längst hat sich der Kreis der Verschwörer geweitet, und das exzellente Darsteller-Ensemble verleiht der Geschichte nun jene Nuancen, die das Spiel von Cruise oft vermissen lässt. Als da wären Bill Nighy als zögerlicher General Friedrich Olbricht, oder Terence Stamp als gravitätischer General Ludwig Beck. Dazu die Chupze der Macher, den britischen Comedian Eddie Izzard als General Erich Fellgiebel zu besetzen - als Figur voller Anspannung und Arroganz.
Nicht alle sind wie erAuch die deutschen Stars wie Thomas Kretschmann, der Stauffenberg als Otto Ernst Remer festnimmt oder Christian Berkel (spielt den Mertz von Quirnheim, als ein Bonds «Q» ähnelnder Bombenexperte) halten ohne große Anstrengung mit dem intensiven Spiel der internationalen Konkurrenz mit. Bei all dem Warten auf die Explosion bleibt «Operation Walküre» ohnehin angenehm unaufgeregt. Vom Voyeurismus der Bunkerszenen in «Der Untergang» etwa, als in epischer Breite Magda Goebbels eines ihrer Kinder nach dem anderen vergiftet, fehlt in Singers Film jede Spur. Auch die Erschießungsszene im Bendler-Block - dem Originalschauplatz, und, so erklärten viele der Schauspieler, dem eigentlichen «Star» des Films - wird nicht unnötig ausgewalzt. Was letztlich zählt, so macht es Kenneth Branaghs von Tresckow schon zu Beginn klar, war nicht der Erfolg des Attentats, sondern «der Welt zu zeigen, dass wir es versucht haben, dass wir nicht alle so sind wie er».
Er, das ist der schon vom Verfall gezeichnete «Führer», beging neun Monate später Selbstmord. In diesem ungewöhnlichen Fall eines Films, dessen Ende schon jeder Zuschauer vor dem Anfang kennt - Hitler überlebt bekanntlich, die Verschwörer sterben - können sich die kurzzeitigen Sieger nicht lange an ihrem Triumph freuen. Bleibt die Erkenntnis, dass die NS-Zeit mit «Operation Walküre» wieder ein wenig mehr ins Mainstream-Kino abgerückt ist. Für Geschichtslehrer dürfte «Stauffenberg Attentat» ein Segen sein, macht er doch neugierig auf die echten Geschichten jener Männer, die an diesem Tag Mut bewiesen, und für ihre Überzeugung in den Tod gingen. Für alle anderen dürfte nach all den Debatten und der intensiven Vermarktung durch den Produzenten und Hauptdarsteller Cruise die Musik im Abspann für Erleichterung sorgen: «Über allen Gipfeln ist Ruh'».