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Film der Woche: 

Campino knipst das Bild vom Tod

20. Nov 2008 07:21
Dennis Hopper und Campino in 'Palermo Shooting'
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Wim Wenders «Palermo Shooting» will ein philosophischer Film sein, der nicht nur Leben, Liebe und Tod verhandelt, sondern das Authentische schlechthin. Anke Westphal konnte als Zuschauerin jedoch nirgendwo so richtig andocken.

Die meisten Menschen haben Angst vor dem Tod. Daran kann das Kino nichts ändern - auch wenn es den Tod noch so bezaubernd aussehen lässt. Immerhin schaut man dann gern hin. Atemberaubend ist es etwa, wie die rasend schöne Schauspielerin Maria Casares in Jean Cocteaus Film «Orphée» die Unterwelt im eleganten New Look der Nachkriegszeit regiert - hier tritt der Tod als Prinzessin à la Dior auf. Im deutschen Film ist so etwas kaum denkbar, schon gar nicht in dem der Gegenwart. In Joseph Vilsmaiers «Geschichte vom Brandner Kaspar» sieht der grausige Gevatter nicht nur aus wie Michael «Bully» Herbig - er klingt auch so.

Da ist man Wim Wenders doch direkt wieder einmal dankbar - nicht nur dafür, dass er zu den wenigen deutschen Regisseuren gehört, die sich in ihrem Werk ernsthaft mit Fragen des Transzendenten und der Spiritualität befassen. Man ist ihm auch dafür dankbar, dass er den Tod nicht von irgendeinem Knatterkomiker, von Martina Gedeck oder Veronika Ferres verkörpern lässt, sondern von einem Menschen, der einfach präsent sein kann, ohne etwas zu behaupten oder zu tun. Dieser Mensch ist Dennis Hopper.

In «Palermo Shooting» spielt Dennis Hopper den Tod. Das spricht ebenso für Wenders' neuen Film wie die hier verhandelten Sinnfragen. Hopper ist hier als großer Endpunkt allen Glanzes selbst ein großer bleicher Glanz - ein rätselhaftes, aber nicht unzugängliches Geschöpf in einem hellen Anzug, mit weißem Haar und klarem Blick. Dieser Tod ist der Gegenspieler eines hippen und erfolgreichen, aber nicht mehr ganz taufrischen Mode-Fotografen, den der Berufspopanarchist Campino von den Toten Hosen mit leicht ungelenker Lässigkeit gibt. Wir sehen diesen Finn zunächst in seinem schicken Loft herumlungern; er schläft und träumt schlecht, was wohl daran liegt, dass sein Leben ungeachtet seiner Marktgängigkeit so leer ist. Geld und Ruhm sind ja, man weiß es, nicht alles. Seine Befindlichkeit offenbart Finn via Off-Monolog: «Hinter den Dingen steht nichts. Sie stehen nur für sich selbst. Sie sind Oberfläche.» Das muss ein Fotograf wohl so sehen, der Oberflächen bearbeitet und dessen Spezialität 360-Grad-Fotos sind, die manipuliert und auf Großleinwänden wiedergegeben werden.

Vernarrt ins Verfertigen von Bildern

Campino spielt den hippen, nicht mehr ganz taufrischen Mode-Fotografen Finn
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Dass es Wim Wenders um größere Dinge gehen muss als die kleinen, neurotischen Störungen eines Szene-Gängers - davon kann man ausgehen. Und so führen Finns anfänglichen Reflexionen über das Machen, das Verfertigen von Bildern auch schnell zum Grundproblem dieses Films: Wenders betreibt hier Bilderkritik - sonst hätte er wohl kaum einen zweifelnden Fotografen ins Zentrum gestellt -, tut dies aber mit perfekt zugerichteten, «gemachten» Bildern. Und das liegt wohl daran, dass Wim Wenders nicht nur nach Wahrheit sucht, sondern auch die Schönheit sehr liebt. Wer will es ihm verdenken?! Genau wie Finn ist auch Wenders vernarrt ins Verfertigen von Bildern.

Aber als Zuschauer kann man eben nirgendwo so richtig andocken an diesen schönen glatten Bildern einer filmischen Reise ans mögliche Ende allen Scheins und Seins - und nach Sizilien. Dahin fliegt der Modefotograf nämlich, nachdem sogar sein Lieblingsmodell Milla (Milla Jovovich) nicht mehr zufrieden ist mit den Hochglanzfotos, die er von ihr gemacht hat. Es fehlt irgendwie das Leben darin - und dass, obwohl Milla gerade hochschwanger ist! Wenn das nicht Ironie ist. Also auf nach Palermo, wo das Ende allen irdischen Lebens, auch Tod genannt, zu Hause ist - und wie gesagt: Er sieht aus wie Dennis Hopper und klingt auch so, also Respekt gebietend, fremd, ein wenig eisig.

Campino war dem Tod vor dieser Reise schon einmal begegnet - das war, als er einmal des Nachts in Deutschland in seinem Sportwagen zu schnell die Stadtautobahn entlang jagte. Damals hatte der Fotograf Glück, aber auch ein Tabu verletzt, denn er hatte sich ein Bild gemacht vom Tod, aber der will nicht erkannt werden vor der Zeit - auch wenn er nur Frank heißt, wie hier. In Palermo erinnert sich Finn an seine Mutter, verliebt sich in eine schöne Restauratorin (Giovanna Mezzogiorno) und fühlt sich verfolgt. Der Tod scheint, als Kapuzenmann, mit Pfeil und Bogen gegen ihn vorzugehen. Dabei hat der Sensenmann in Palermo, schon der Mafia wegen, ohnehin viel zu tun.

Es geht um alles, aber vieles läuft ins Leere

«Palermo Shooting» will ein philosophischer Film sein, der nicht nur Leben, Liebe und Tod verhandelt, sondern auch Kunst und Zeit (-geist), Kino, Licht und Schatten - und das Problem des Authentischen schlechthin. Es geht also um alles, aber irgendwie ist das dennoch langweilig - und viel läuft auch ins Leere, sogar Ridiküle, etwa wenn sich Finn direkt an den Zuschauer wendet: «Geht es Ihnen auch so, dass Sie sich nie richtig anwesend fühlen?» - Nein, Herr Finn, das geht mir nicht immer so! Beim Festival von Cannes im Mai erlebte der Film seine Premiere; es war nicht gerade ein rauschender Erfolg. Danach wurde «Palermo Shooting» geschnitten und um 20 Minuten gekürzt.

Wenders und Campino sind Freunde. Der Regisseur hatte neben dem Model Milla Jovovich auch noch andere Prominente, Freunde meist, um Mitwirkung an seinem Film gebeten. Das hat etwas Eitles, wirkt nicht immer zwingend. Lou Reed etwa hat eine Szene als eine Art lebender Toter. Patti Smith soll in der Langfassung irgendwo herumgeistern. In Palermo trifft Finn einmal die italienische Fotografin Letizia Battaglia. Sie ist wegen ihrer Fotos von Mafia-Opfern berühmt. Auch Dennis Hopper fotografiert. Wahrscheinlich weiß er, dass man letztlich immer nur einen Ausschnitt im Blick hat und nie das ganze Bild.

Übernommen mit freundlicher Genehmigung der «Berliner Zeitung».


 
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