Film der Woche: 

netzeitung.deJohansson, Cruz und Küsse in der Dunkelkammer

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Unberechenbar: Juans (Bardem) Ex-Frau Maria Elena (Cruz) (Foto: PR<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Unberechenbar: Juans (Bardem) Ex-Frau Maria Elena (Cruz)
Foto: PR
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Woody Allens «Vicky Cristina Barcelona» verleiht dem Genre «Romantic Comedy» neuen Glanz - mit spanischer Sommerfrische und jeder Menge Hollywoodstars. Ein Sonnenstrahl im dunklen Dezember, findet Maike Schultz .

Woody Allen muss niemandem mehr etwas beweisen. Als Meister urbaner Tragikomödien verschrien zu sein, bedeutet ja zweierlei: Zum einen, dass man sich keine Sorgen um die Finanzierung seiner Filme zu machen braucht. Und zum anderen, dass diese auch genügend Zuschauer sehen wollen.

Der Regisseur kann also tun, wonach ihm gerade der Sinn steht. Und das war nach drei Filmen im verregneten England offenbar ein wenig Sommerfrische. Als Allen mit dem Drehbuch für «Vicky Cristina Barcelona» begann, wollte er einzig und allein eine Geschichte entwickeln, die in seiner spanischen Traumstadt spielt.
Sendung mit der Maus für Erwachsene
Die Zutaten für das Erfolgsrezept sind denkbar einfach: Man nehme gleich mehrere Sommerlieben, pointierte Dialoge - die allerdings am besten in der Originalversion wirken - und zwei der schönsten Schauspielerinnen der Welt, die sich in einer Szene sogar küssen. Fertig ist der Kassenknüller.

Um seine Figuren einzuführen, hat Allen erstmals die Dienste eines Erzählers in Anspruch genommen: «Das sind die besten Freundinnen Vicky und Cristina. Sie sind amerikanische Studentinnen und wollen den Sommer bei einer reichen Verwandten in Barcelona verbringen...»

Wie in der «Sendung mit der Maus» erfährt der Zuschauer, mit wem die beiden sich gerade zum Essen treffen, was sie über die Liebe denken und warum diese Ansichten so verschieden sind. Viele Charakterzüge erklären sich nicht durch Handlungen, sondern allein durch diese Meta-Ebene, deren sachlich verpackte Ironie so manchen Lacher provoziert.

Studien der katalanischen Identität
Die bodenständige Vicky (Rebecca Hall) steht kurz vor der Hochzeit und will in Europa für ihre Magisterarbeit über die katalanische Identität recherchieren. Melancholikerin Cristina (Scarlett Johansson) sucht dagegen nach einer einzigartigen Begegnung in der Fremde. Beide erliegen dem südländischen Charme des Malers Juan Antonio (Javier Bardem), der sie zu einem Ausflug nach Oviedo überredet. Er verkörpert das pure Klischee: In hoffungsloser Leidenschaft für seine Ex-Frau Maria Elena (Penelope Cruz) entbrannt, sucht der Künstler seine Inspiration nun bei unbedarften Urlauberinnen.

Während die abenteuerlustige Cristina sich Hals über Kopf in die Affäre stürzt und sogar eine Dreier-Konstellation in Kauf nimmt, weil erst ihre Anwesenheit Maria Elenas Aggressionen bannen kann, hält Vicky krampfhaft am Treueschwur gegenüber ihrem Verlobten Doug fest. Zumindest bis sie im Schicksal ihrer Gastgeberin Judy die Schattenseiten des goldenen Käfigs erkennt.

Neurotiker wohin das Auge blickt
Auch «Vicky Cristina Barcelona» ist ein Film über (Stadt-)Neurotiker. Allen voran die hysterische Maria Elena, die weder mit, noch ohne ihren feurigen Juan Carlos sein kann. Ins Herz schließt man sie trotzdem alle: Weil sie so wunderbar ehrlich sind. Juan Antonio macht nie einen Hehl daraus, dass er sich zu mehreren Frauen gleichzeitig hingezogen fühlt. Seine Ex schreit ohnehin stets heraus, was sie denkt. Und auch Cristina weiß um die Aussichtslosigkeit ihrer Sehnsucht, die sie - sobald erfüllt - auch schon wieder forttreibt, weil das Wilde zur Gewohnheit geworden ist.

Die einzige, die sich selbst zu belügen versucht, ist Vicky - ausgerechnet die vermeintlich Vernünftigste von allen. Auch sie beginnt tatsächlich, ihr New Yorker Spießerleben in Frage zu stellen. Nur um am Ende doch wieder dort zu landen. Die jähzornige Maria Elena im Nacken ist ihr dann doch eine Spur zu abgedreht.

Top aufgelegtes Cast
Dabei ist jede Rolle perfekt besetzt: Mit der noch nicht so bekannten Rebecca Hall («The Prestige») hat Allen seiner Lieblingsmuse Scarlett Johansson ein nicht minder begabtes Gegenüber geschaffen. Penelope Cruz darf als Furie Maria Elena endlich wieder mehr, als nur gut auszusehen («Elegy»), und Oscar-Preisträger Javier Bardem überzeugt als sensibler Macho, der ohne die Prinz Eisenherz-Frisur aus «No Country for old Men» sogar ziemlich sexy wirkt.

Nicht zu vergessen eine weitere wichtige Hauptdarstellerin: «Vicky Cristina Barcelona» ist, ganz wie Woody Allen es wollte, auch eine sonnige Hommage an die katalanische Metropole geworden. Die Ramblas, das Miro-Museum, der Tibidabo Vergnügungspark, Gaudis Park Güell und die Kirche Sagrada Familia, die Gitarrenmusik beim nächtlichen Abendessen – alle bekommen ihren Auftritt.

Das war nicht immer klar: Zwischenzeitlich hatte Allen den Dreh abbrechen müssen, weil es zu heftigen Protesten kam. Sein Filmprojekt war in die Kritik geraten, weil es teilweise mit katalanischen Steuergeldern finanziert werden sollte. Nun kommt es kurz vor Weihnachten doch noch ins Kino. Und das Fernweh dürfte vorprogrammiert sein.