25.09.2008
Herausgeber: netzeitung.de
'Wall-E' zeigt mehr Seele als mancher reale Mensch
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Im Jahr 2800 A.D.: Niemand lebt mehr auf der Erde außer Roboter «Wall-E», der den Müll der Menschen aufräumt. Sascha Rettig erklärt, warum der jüngste Geniestreich aus dem Hause Pixar für die Animationsfilmewigkeit gemacht ist.
Auf Pixar ist einfach Verlass. Seit ihrem ersten komplett im Computer animierten Spielfilm «Toy Story» (1995) haben die eifrigen Programmierer der Disney-Produktionsfirma bis heute nicht nur acht weitere Kassenmagneten geschaffen. Ihnen gelingen regelmäßig die seltenen Glücksfälle, in denen Kunst und Kommerz zusammenkommen: Von «Die Unglaublichen» bis zu «Findet Nemo» kreieren die Filme wundervoll detailverliebte Welten mit viel Herz, voller smarter Einfälle und bevölkert von Figuren, deren Charme man sich eigentlich nie entziehen kann. Nachdem es Pixar sogar gelungen ist, in «Cars» Autos Leben einzuhauchen und im vergangenen Jahr in «Ratatouille» eine Ratte aus einer Pariser Restaurantküche ans Herz wachsen zu lassen, darf man sich in «Wall-E» nun in eigentlich nicht mehr als ein Haufen Altmetall verlieben.
Wall-E ist ein alter Roboter, der mit seinen großen Blechaugen ein bisschen aussieht wie Nummer 5 aus «Nummer 5 lebt» und dessen Name sich aus der Abkürzung «Waste Allocation Load Lifter Earth-Class» ableitet. Auf Deutsch bedeutet das soviel wie «Dem Müll zugewiesener Lastenheber Baureihe: Erde» und seiner Bestimmung kommt er im Film des «Findet Nemo»-Regisseurs Andrew Stanton äußerst gewissenhaft nach. Auf Raupen rollt er als letzter Erdenbewohner beharrlich jeden Tag aufs Neue wieder durch die vereinsamte Welt und verarbeitet den herumliegenden Müll zu Würfeln, die er seit Jahrhunderten gründlich aufeinander stapelt.
Ein Roboter zeigt MenschlichkeitDas erste Drittel von «Wall-E» gehört diesem Müllquadrierer-Kerlchen auch ganz allein und der verlassenen Welt des Jahres 2800, die der Konsumwahnsinn der Menschen zugrunde gerichtet hat. Die atemberaubenden, brillant animierten Bilder, die Stanton dafür mit seinem Mitarbeitern schuf, sind detailverliebte Eindrücke der Post-Apokalypse: Der Müll stapelt sich zwischen den leer stehenden Häusern bis in den Himmel, der Smog verdunkelt die Sonne und das letzte bisschen Grün ist schon vor langer Zeit eingegangen. Eine nennenswerte Geschichte hat «Wall-E» in den ersten zwei Dritteln eigentlich nicht und ist sogar fast ein Stummfilm bis auf die wenigen Pieps-Geräusche, die von Sounddesigner Ben Burtt, unter anderem der Stimme des «Krieg der Sterne»-Roboters R2D2, zurechtgebastelt wurden. Ein Wagnis ist das sicherlich und wohl auch das größte, das Pixar bislang eingegangen ist. Doch es funktioniert, denn Langweilig wird die Erkundung der Wall-E-Welt in keiner Sekunde.
Man folgt Wall-E bei seiner eifrigen Arbeit, lernt seine Rituale und liebenswürdigen Eigenarten kennen. Die Jahrhunderte in dieser Umgebung der Einsamkeit haben den kleinen Roboter schließlich so seltsam umprogrammiert, dass er wie alle Pixar-Helden, egal ob Tier oder Maschine in vielerlei Hinsicht sehr menschlich geworden ist. Er pflegt eine Freundschaft zu einer kleinen Kakerlake und seine große Sammlung gefundener Gegenstände, die ihm irgendwie nützlich erscheinen. Jeden Abend schaut er sich dieselben Stellen aus dem Musical «Hello Dolly» an, schmachtet und sehnt nach nichts mehr als nach Nähe. Doch «Wall-E» belässt es nicht dabei, diesen eingespielten Alltag zu zeigen: Eines Tages taucht eine formvollendete, weiße Roboterfrau namens EVE auf, die sofort zu Wall-Es Objekt romantischer Begierde wird.
Zitate von «Blade Runner» bis «Krieg der Sterne»Als er ihr ins All folgt, bringt Regisseur Stanton die Menschen ins Spiel oder das, was man in 800 Jahren noch als Mensch bezeichnen kann: Die Körper sind durch extremen Bewegungsmangel kugelrund fett geworden, weshalb sie auch selber gar nicht mehr aufstehen können. Und die Arme und Beine haben sich zu kleinen Stummeln zurückgebildet. Weil sie die Erde zugemüllt haben, treiben sie nun auf einem Raumschiff. Es liegt letztlich an Wall-E nach einer kleinen Odyssee voller Turbulenzen und Verfolgungsjagden, sie wieder zu ihrem Ursprung zurückzuführen, während sich der Film derweil Pixar-typisch durch die großen Science-Fiction-Werke zitiert.
Er spielt auf den gefährlichen Bordcomputer in Stanley Kubricks «2001 Odyssee im Weltall» ebenso an wie auf «Blade Runner» und «Krieg der Sterne» und verbindet dabei seine Gesellschaftskritik mit zeitgeistgemäßer, grüner Message und einer herzergreifenden Roboterromanze samt hinreißendem Weltraumballett in der Schwerelosigkeit von Wall-E und EVE. Doch auch wenn die Satire etwas grob und die «Rettet den Planeten»-Botschaft überdeutlich ist: Allein das erste Drittel von «Wall-E» ist für die Animationsfilmewigkeit gemacht. Man hätte dem kleinen Roboterkerlchen auch gern einfach endlos weiter zuschauen können bei seinen Aufräumarbeiten in einer verlorenen Welt.
«Wall-E» - Deutscher Trailer: