'Daily Soap' in Pongoland16. Apr 2002 09:41  | "I feel so blue..." | Foto: Michael Seres, MPI-Eva |
|
«Wir wollen wissen, wie Affen denken.» Im 'Pongoland' - der weltgrößten Menschenaffenanlage - erforschen Primaten andere Primaten und lassen sich dabei zuschauen.
Von Liane Dittwald
Vitsury streckt ihre Hand nach der Weintraube aus, die auf einem schmalen Holzbrett liegt. Doch bevor die schwarze, haarige Hand die Frucht ergreifen kann, verschwindet die Traube durch eine Öffnung in der Plexiglaswand. Wieder geht das Gorillaweibchen leer aus.
Während der ganzen Zeit blickt der Primatenforscher Brian Hare auf die Frucht. Die Plexiglasscheibe trennt den Wissenschaftler von seinem haarigen Gegenüber im Testraum von «Pongoland» – der Menschenaffenanlage des Leipziger Zoos.
Schwüle Hitze und tropische Vögel
Hare ist Wissenschaftler am benachbarten Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie (Eva).
Er ist einer von mehr als dreißig Forschern, die im Pongoland – einem Gemeinschafts-Projekt des Eva und des Leipziger Zoos – die vier Menschenaffenarten erforschen. Pongoland sei die größte und beste Affenanlage der Welt, sagt er, «nur hier hat man die Möglichkeit, alle vier großen Menschenaffenspezies - Bonobos, Schimpansen, Gorillas und Orang Utans – gleichzeitig zu untersuchen und miteinander zu vergleichen».
 | Blick auf Pongoland. | Foto: Michael Seres, MPI-EVA |
|
Seit April letzten Jahres leben insgesamt 36 Menschenaffen in der künstlichen Dschungel-Landschaft. Ihre Verwandten aus der Ordnung der Primaten, die Menschen, dürfen zuschauen. Sand, Rasen und dichter Pflanzenwuchs statt Kachelböden und Gitterstäben. Die insgesamt fast 14. 000 Quadratmeter großen Außen- und Innengehege mit zahlreichen Kletterbäumen, Seilen, Felsen und Höhlen bieten den Affen genügend Platz zum Toben. Herzstück der Affenanlage ist die 1600 Quadratmeter große Tropenhalle, durch deren hohe, durchsichtige Kuppel das Tageslicht fällt. Feucht-warme Luft und exotisches Vogelgezwitscher vom Band sorgen für Urwald-Atmosphäre. Wassergräben, hölzerne Geländer oder Panzerglasscheiben trennen die menschlichen Zoobesucher von ihren nächsten Verwandten.
Freiwillige Forschungsobjekte
Fast jeden Vormittag wird in einem der vier Testräume die Jalousie hochgezogen und den Zuschauern Einblick in die Welt der Wissenschaft gewährt. Schiebetüren verbinden die Versuchsräume mit den Affengehegen. «Kein Affe wird gezwungen, an den Verhaltenstests teilzunehmen», sagt Michael Seres, Forschungskoordinator im Pongoland. Meist treiben die Neugier und die verlockende Aussicht auf eine Extraportion Futter die Affen zur Kooperation mit den Forschern.
Mit ihren Experimenten wollen Psychologen und Biologen des Eva Antworten finden auf die uralte Frage, wie sich die Menschenaffen von uns unterscheiden. «Dabei betrachten wir zweierlei», so Hare. «Erstens erforschen wir, wie Affen Probleme der physischen Welt lösen.» Wie gelangen Affen beispielsweise an verstecktes Futter oder welche Werkzeuge benutzen sie? «Zweitens interessiert uns, wie sie mit Problemen der sozialen Welt, der «daily soap» ihres Lebens, umgehen. Wir wollen wissen, wie Affen denken.» Ein Hauptaspekt dabei ist, ob Affen erkennen können, was andere wissen, beabsichtigen oder wahrnehmen.
Der wissende Griff nach der Weintraube Hare bietet der Gorilladame Vitsury erneut eine Weintraube auf dem verschiebbaren Holzbrett an. Diesmal verlässt der Wissenschaftler jedoch den Raum. Vitsury greift zu und schiebt sich die Weintraube rasch in den Mund. «Die Affen wissen, dass ich sie daran hindere, an die Leckerbissen zu kommen», erklärt der Wissenschaftler. «Falls die Affen verstehen, was ich sehe, sollten sie nicht nach der Weintraube greifen, wenn ich auf die Traube blicke.» Nach den vorläufigen Ergebnissen des Forschers langen die Affen tatsächlich weniger zu, wenn sie beobachtet werden.
Vitsury allerdings lassen die bisherigen Ergebnisse kalt: Wieder bietet Hare dem Gorillaweibchen eine Weintraube an. Dabei wendet der Wissenschaftler den Blick nicht von der Frucht ab. Ohne zu zögern streckt Vitsury die Hand aus - und greift ins Leere.Aber vielleicht denkt Vitsury ja was ganz anderes - oder macht ihr eigenes Experiment mit Brian, der davon nur noch nichts mitgekriegt hat.
Mehr in der Netzeitung: Alle bisher erschienenen Artikel der Serie |
|
|