«Ulrike Maria Stuart» provoziert bei Theatertreffen
06. Mai 2007 12:43
 |  Susanne Wolff als Gudrun Ensslin | Foto: dpa |
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Was hat eine RAF-Terroristin mit Maria Stuart gemein? Nicolas Stemanns grelle Inszenierung von Elfriede Jelineks «Ulrike Maria Stuart» hat zum Start des Theatertreffens gemischte Reaktionen hervorgerufen.
Mit Nicolas Stemanns zum Streit herausfordernder Inszenierung von Elfriede Jelineks «Ulrike Maria Stuart» vom Hamburger Thalia Theater in Berlin das 44. Theatertreffen deutschsprachiger Bühnen eröffnet worden. Mit ihrer Lust an politischer und ästhetischer Provokation lud die Aufführung am Samstag kraftvoll zum Meinungsstreit ein. Das Publikum reagierte darauf gemischt: Neben freundlichem Beifall gab es am Ende einige Buh-Rufe oder auch gar keinen Applaus.
Die Inszenierung setzt auf viele grelle Effekte. Elfriede Jelinek spielt mit kunstvoll gearbeiteten Parallelen zwischen Elisabeth I. und Maria Stuart, Hauptfiguren in Schillers Drama «Maria Stuart», und den RAF-Angehörigen Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin. Regisseur Nicolas Stemann nutzt das Angebot der Autorin vor allem für eine laute Situationskomik und scheut auch vor Klamauk nicht zurück, den er gern mit wuchtigen Pop-Klängen untermalt. Beispielsweise lässt er drei Männer, die den Chor der Kinder und Greise darstellen, lange nackt agieren, die äußeren Geschlechtsorgane von Schweinskopfmasken verdeckt.
Das Stück gilt als typisch für diesen Jahrgang des Theatertreffens. Die aus Kritikern bestehende Auswahljury legte offenkundig besonderes Augenmerk auf die künstlerische Spiegelung gesellschaftskritischer Fragen.
Die zur Eröffnung ausgewählte Aufführung ist deshalb so interessant, weil Elfriede Jelinek in ihrer Textvorlage sehr ernsthaft nach heute denkbaren sozialen Utopien sucht. Die Inszenierung hingegen signalisiert, dass Regisseur Nicolas Stemann diese Suche für sinnlos hält und dies mit einem Abgleiten ins Alberne dokumentiert.
Kindischer Aktionismus
So lässt er auf die «Untoten» Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin den James-Bond-Song «You only live twice» («Man lebt nur zweimal») niederprasseln. Stemann zeigt eine Gesellschaft, in der sich die Auseinandersetzung mit den bestehenden Verhältnissen auf kindischen Aktionismus wie Fangespiele, Wasserschlachten und das gegenseitige Beschmieren mit Farbe reduziert. Dabei geht er soweit, Zuschauer in den ersten Reihen einzubeziehen. Er lässt sie mit Wasser gefüllte Luftballons auf die Bühne werfen, wozu die Akteure kreischen: «Ich hör nicht auf mit dieser Scheiße, bis die Scheiße endlich aufhört.» Dieser zentrale Moment der Aufführung mündet in die Frage, ob heutzutage «Schwein oder Mensch?» das Leben dominiert.
Fokus auf Gegenwart
Betrachtung der Gegenwart ist auch das zentrale Thema der weiteren Inszenierungen. Bis zum 20. Mai zeigt das Festival zehn von der Jury als «bemerkenswert» eingestufte, sehr gegensätzliche Aufführungen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich. Setzt Stemann beispielsweise auf groben Witz, um das Grobe des Hier und Heute vorzuführen, baut Regisseur Jan Bosse mit seiner am Berliner Maxim Gorki Theater herausgebrachten Version von «Die Leiden des jungen Werthers» auf die Kraft tobender Gefühle. Wieder im Gegensatz dazu besticht die von Regisseur Dimiter Gotscheff ganz der Macht gedanklich scharfer Analyse vertrauende Lesart von Molières «Der Tartuffe». Auch dies eine Inszenierung vom Hamburger Thalia Theater, das gleich drei Mal beim Theatertreffen vertreten ist. Wie immer die Gesamtbewertung des diesjährigen Theatertreffens am Schluss ausfällt, eines steht bereits fest: Die Stückauswahl aus Basel, Berlin, Hamburg, München, Weimar, Wien und Zürich bietet reichlich Anlass zu Diskussionen. (Peter Claus, dpa)