Böser Sex, schöne Lügen, große Verschwörungen
11.10.2007
Herausgeber: netzeitung.de
McEwan's bisheriges Werk ist geprägt von brillanten Geschichten, die persönliche Umwälzungen in einer von Unmittelbarkeit, Kälte und Härte bestimmten Sprache schildern. In «Am Strand» ist es nicht anders. Über Florence heißt es an einer Stelle: «Der Schritt ins Schlafzimmer hatte sie in einen Zustand alptraumhafter Beklemmung versetzt, der wie ein altmodischer Taucheranzug jede Bewegung lähmte.» Anders gesagt: Ihre Angst nimmt Besitz von ihr und wird sie im Verlauf der Handlung erst sehr spät wieder verlassen. Edward ergeht es ähnlich, doch wird er schneller wieder handlungsfähig sein.
Der Roman erzählt auf einer Ebene davon, wie einfach die Angst das Glück zerstören kann. Auf einer anderen zeigt er, dass selbst die Kraft der Jugend an traditionellen Moralvorstellungen scheitern kann. Auf einer weiteren liefert er ein Sittenproträt einer ganzen Epoche. Am Ende freut man sich, dass man nicht in einer Zeit leben musste, in der es für Rock'n'Roll, Sex und Jugend kaum Worte gab. Worte, die Ängste zu überwinden hätten helfen können.
Ian McEwan: Am Strand. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Diogenes, Zürich 2007. 208 S., 18,90 Euro
Für ihr im vergangenen Jahr erschienenes Romandebüt «Tannöd» wurde sie mit dem Deutschen Krimi-Preis ausgezeichnet. Das Buch stand wochenlang auf den Bestsellerlisten. «Tannöd» galt als die Überraschung der Büchersaison 2006. Noch größer aber ist die Überraschung, dass auch ihr zweiter, nun erschienener Roman
«Kalteis» von den Lesern begeistert angenommen wird. Viele Schriftsteller vor ihr haben nach einem gelungenen Roman nie wieder etwas Taugliches geschrieben, weitere werden folgen.
Die Handlung spielt im Bayern der späten dreißiger Jahre. Ein Serientäter überfällt Frauen, vergewaltigt und tötet sie. Die junge Kathie will den Zwängen von Familie und Dorf entfliehen und in München ihr Glück finden. Beide treffen zusammen. Es ist nicht das Warten auf diesen Showdown, der das Buch interessant macht, sondern der aus diversen Perspektiven beschriebene Alltag der Figuren. Es ist der fiktionalisierte Alltag bayrischer Bauern, Arbeiter und Bürger im Nationalsozialismus.
Dem Grauen des Verbrechens wohnt ein anderes, nein: wohnen viele andere Grauen inne - das ist es, was Schenkel literarisch sichtbar macht.
Andrea Maria Schenkel: Kalteis. Edition Nautilus, Hamburg 2007. 160 S., 12,90 Euro
Ein alter Mann sitzt darin in einem verschlossenen, abgedunkelten Raum. Gelegentlich betreten Pflegerinnen, Ärzte, Anwälte und Polizisten das Zimmer, um mit dem alten Mann in Kontakt zu treten. Wir Leser wissen nichts über ihn und das haben wir mit ihm gemeinsam sein Gedächtnis scheint gelöscht.
Auster gelingt ein großartiger Roman über innere und äußere Gefängnisse, denen ein Mensch ausgesetzt sein kann. «Reisen in Skriptorium» handelt, sofern man hier überhaupt von einer Handlung sprechen kann, von den Weiten und Beschränkungen der Fantasie. Und zu ihr gehören nun mal Gewalt und Verbrechen genauso wie Glück und Frieden. Er bringt uns nahe, wie quälend Erinnerung sein kann, und das gilt auch oder gerade dann, wenn es an ihr mangelt. Denn Isolation, egal ob geistig oder räumlich, vermag noch den stärksten Menschen zu brechen.
Auster hat ein grausames Stück Fiktion geschaffen. Mit seiner kalten Kraft und Eleganz erinnert das Buch stark an Austers Frühwerk, etwa an die längst zum Klassiker postmoderner Literatur gewordene «New York-Trilogie».
Paul Auster: Reisen im Skriptorium. Übersetzt von Werner Schmitz. Rowohlt, Reinbek 2007. 176 S., 16,90 Euro
Lottmann hat Deutschland bereist, er hat Sahra Wagenkencht im Wahlkampf begleitet, sich mit Bob Geldorf auf einer Charity-Veranstaltung fotografieren lassen, den deutschen Adel aufgemischt, Philip Boa in Dortmund besucht, ein Interview mit Tokio Hotel geführt und dergleichen mehr.
Alle Leser, die sich am Begriff «Reporter» orientieren, werden sicher enttäuscht. Denn Fakten sind Lottmanns Ding nicht. Alle Leser, die sich mit Lottmann durch die deutsche Kulturlandschaft treiben lassen, dürften dagegen voll auf ihre Kosten kommen. Atmosphärische Momentaufnahmen, verbunden mit viel Häme und Distanz, gehören zu seinen großen Stärken.
Einige der im Buch versammelten Texte hat man schon in Zeitungen, Magazinen oder im «taz»-Blog des Autors lesen können. Andere sind neu. Allen gemeinsam ist ihr Unterhaltungswert. Und der wäre ohne die hohe Kunst der gepflegten Lüge um einiges geringer. Sie ist es auch, die einen Lottmanns neues Buch als Roman und nicht als Sachbuch lesen lässt.
Joachim Lottmann: Auf der Borderline nachts um halb eins. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007. 270 S., 9,95 Euro
Denn schon bald ist der Pilot tot. Ein findiger Reporter, sein dauerbekiffter und technikbegeisterter Assistent und die Tochter des Piloten versuchen das in ihren Augen große Rätsel um 9/11 zu lösen. Verfolgungsjagden, Schusswaffenduelle und der Einsatz modernster Computertechnik geben dem Thriller Spannung und Tempo.
Am Ende ist natürlich alles klar: die Hauptfiguren wissen, wie eine Konspiration die Welt verändert hat. Und wir Leser wissen, wie naiv Verschwörungstheorie auch in Romanform daherkommt. Die einzige Verschwörung weit und breit ist die der Verschwörungstheoretiker gegen die Wirklichkeit.
John S. Cooper: Das fünfte Flugzeug. Übersetzt von Sam van Heist. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007. 366 S., 8,95 Euro

