Netzeitung Logo
 
DruckenVersenden
 

Edel- statt Ekeltheater

04. Mai 2007 18:54, ergänzt 07. Mai 2007 10:56
Joachim Sartorius, Dichter und Kulturmanager
Bild vergrößern
An diesem Samstag beginnt in Berlin das Theatertreffen. Netzeitung.de sprach mit Joachim Sartorius, dem Intendanten der Berliner Festspiele, über das Festival und dessen Perspektiven.

Netzeitung.de: Mit seiner Auswahl zehn bemerkenswerter Inszenierungen will das Theatertreffen die Tendenzen einer Spielzeit abbilden. Wo steht das deutsche Theater 2007?

Joachim Sartorius: Im Gegensatz zum letzten Jahr, wo eine ungeheure Vielfalt von Stilen und Ansätzen gezeigt wurde - vom großen Regie-Theater bis zu den dokumentarischen Experimenten von Rimini-Protokoll - , steht jetzt wieder das opulente, geschmeidige, elegante Stadttheater im Vordergrund. Die Kritikerin Christine Dössel, ein Mitglied der Jury, hat dafür das Wortspiel geprägt vom «Edeltheater statt Ekeltheater». Das ist vielleicht nur ein Wortspiel, aber es trifft den Kern der Sache. Wir scheinen uns jetzt in einer Phase der Konsolidierung zu befinden, wo das Theater wieder eher ein Platz der Sehnsucht, der Schönheit, der subjektiven existentiellen Fragen ist: Wie soll ich leben, wie will ich leben, was wird aus mir und den Menschen.

Netzeitung.de: Ihre Eröffnung «Ulrike Maria Stuart» vom Hamburger Thalia-Theater, in dem Elfriede Jelinek die RAF-Terroristinnen Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin disputieren lässt, ist aber doch extrem politisch?

Sartorius: Dieses Thema ist natürlich jetzt so brisant durch die ganze Debatte um die Begnadigung von Christian Klar. Deshalb veranstalten wir zu «Ulrike Maria Stuart» auch eine öffentliche Diskussion, an der die Regisseure Kriegenburg und Stemann teilnehmen und - was ich besonders interessant finde - der Berliner Innensenator, der sozusagen für Recht und Ordnung steht. Wir haben versucht, auch Felix Ensslin zu bewegen, an dieser Diskussion teilzunehmen. Er war zunächst geneigt zu kommen, hat dann aber auf Grund dieser zunehmend hitzigen Debatte in den Medien abgesagt. Bei dieser Diskussion soll es um einen Rückblick auf diese Zeit gehen, aber auch darum, wie weit man überhaupt diese Dinge im Theater noch fassen und daraus Fragen für die Gegenwart formulieren kann.

Netzeitung.de: Eine Neuerung des diesjährigen Theatertreffens ist die englische Übertitelung bei einigen Stücken. Wird das deutsche Theater immer mehr zum kulturellen Exportschlager?

Sartorius: Wir haben trotz der vielen Klagen immer noch die reichste Theaterlandschaft in Europa. Das ist zwar inzwischen eine Platitüde, aber es stimmt einfach. Für die meisten unserer ausländischen Gäste ist das deutsche Theater unglaublich faszinierend. Sie sind beeindruckt von der Qualität der Schauspieler, dem Reichtum der Ausstattung, der Aufgeschlossenheit des Publikums. Die englische Übertitelung soll ihnen helfen, noch besser in die Texte einzusteigen. Darüber hinaus sprechen wir gerade mit der Kulturstiftung des Bundes, ob man nicht daran denken könne, ab 2009 ein kleineres Theatertreffen, das dann aus vier oder fünf der ausgewählten Inszenierungen besteht, auf Reisen zu schicken zu den Rändern Europas. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, diese Festival-Essenz dann mal in Belgrad, Istanbul oder Moskau zu zeigen. Es geht also beim Theatertreffen nicht nur um die nationale, deutschsprachige Leistungsschau, sondern es geht immer auch um eine Öffnung nach außen.

Netzeitung.de: Bei der Auswahl fällt auf, das dieses Jahr die auch im Ausland geschätzten ganz großen Namen fehlen – Zadek, Bondy, Castorf. Woran liegt es? Am saisonalen Formtief der Altmeister?

Sartorius: Die Jury ist wohl so konditioniert, das sie sagt, sie will etwas Neues entdecken und nicht unbedingt die alten Koryphäen hätscheln. Sie greift dann eben lieber zurück auf Jan Bosse, der noch nie beim Theatertreffen war, oder auf den sehr jungen Tilmann Köhler.
Mir tut das ein bisschen leid, ich würde mir schon wünschen, Bondy oder Zadek mit überzeugenden Arbeiten beim Theatertreffen wieder einmal dabei zu haben.
Auf der anderen Seite finde ich es aber unverantwortlich, wenn Herr Stein oder Herr Peymann den Vorwurf ableiten, dass hier eine total ideologische Jury amtiert, der im Grunde das ganze Theater zuwider sei. Das ist eine absolut idiotische Unterstellung. Denn wenn man genauer hinguckt, gibt es große Traditionslinien, von dem was zum Beispiel Stein in den 70er und 80er Jahren gemacht hat, zu dem, was man heute bei jüngeren Regisseuren entdecken kann. So sind die Alten mit ihrer ablehnenden Haltung auch mit Schuld daran, dass diese Traditionslinien gekappt werden.

Netzeitung.de: Was sagen Sie dazu, dass Claus Peymann Ihnen wieder einmal während des Theatertreffens die Show stehlen will - mit der Wallenstein-Premiere von Peter Stein am Berliner Ensemble?

Sartorius: Das lässt mich völlig kalt. Wir könnten alle unsere Vorstellungen dreimal verkaufen. Überhaupt finde ich, dass sich Herr Peymann da eher selbst schadet. Mich wundert nur, das die Presse jede seiner kleinsten Äußerungen immer so begeistert weiterverbreitet.

Netzeitung.de: In ihren sechs Jahren als Intendant der Berliner Festspiele zeigten Sie sich sehr innovationsfreudig. Nur ihr wichtigstes Festival, das Theatertreffen, blieb weitgehend unangetastet. Ist es eine Art heilige Kuh?

Sartorius: In der Tat ist das Herzstück des Theatertreffens, die zehn eingeladenen Inszenierungen unverändert geblieben. Aber ansonsten würde ich Ihnen widersprechen. Gerade im ganzen Bereich drumherum - denke ich, hat sich unglaublich viel getan. Da muß ich Iris Laufenberg, die Festivalleiterin, ausdrücklich loben. Vor allem die drei Nachwuchsveranstaltungen, das Internationale Forum, der auf Europa ausgedehnte Stückemarkt und die Festivalzeitung, die jetzt unter „tt talente“ noch enger vernetzt worden sind, werden zunehmend wichtiger.
Ich glaube außerdem, dass das Theatertreffen erst in den letzten vier Jahren zu einem echten Festival geworden ist. Früher gab es nur diese zehn Inszenierungen, die irgendwo in der Stadt gezeigt wurden. Da hat sich sehr viel geändert und das spüren wir am Medienecho – nicht nur in Berlin, sondern auch international von Riga bis Johannesburg.

Netzeitung.de: Haben Sie eigentlich nie daran gedacht, dem Theatertreffen mehr Glamour zu verleihen? Mit einer Art „Theateroscar“ – ähnlich wie beim Deutschen Filmpreis?

Sartorius: Wir haben längere Zeit überlegt, auch so etwas zu tun wie am Schlusstag der Berlinale. Also, «The winner is...». Dann haben wir aber davon Abstand genommen, weil wir glauben, die zehn Stücke sind genau die jährlichen Theateroscars. Da sollte man nicht mehr weiter differenzieren.
Über was wir aber stark nachdenken ist, ob wir ab 2008 die Eröffnung größer gestalten. Als eine Art Theatergala hoffentlich gemeinsam mit dem ZDF. Ein großes Familienfest des Theaters, wo man alle Eingeladenen und Ausgezeichneten zusammenbringt, die zehn Regisseure und Intendanten, die Schauspieler, Bühnenbildner usw. Das wäre schon ein Wunsch von mir.
Und vielleicht kann ja ein wunderbarer Stückeschreiber wie Lukas Bärfuss oder Moritz Rinke sogar noch ein kleines Theaterstück für diese Gala schreiben?

Netzeitung.de: Auf welches Stück beim diesjährigen Treffen freuen Sie sich am meisten?

Sartorius: Ich bin besonders gespannt auf das neue Stück von Yasmina Reza „Der Gott des Gemetzels“ aus Zürich. Mir wurde erzählt, dass der Regisseur Jürgen Gosch bei diesem Stück, obwohl es eine Komödie ist, letztlich das gleiche macht wie bei seinem berühmten, skandalumwitterten «Macbeth», aber dieses Mal mit bürgerlichem Vorzeichen. Parfüm statt Blut. Nicht Menschen, sondern Tulpen werden ermordet. Das soll sehr witzig und geistreich sein - und mit phantastischen Schauspielern. Da ich so oft mit schweren Dingen hier bei den Festspielen zu tun habe, freue ich mich jetzt auf dieses angeblich sehr leichte und genial leichtsinnige Stück.

Mit Joachim Sartorius sprachen Katja Bigalke und Matthias Ehlert


 
Drucken
VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
 
Anschlagsserie mit Dutzenden Toten: 
13-Jährige sprengt sich im Irak in die Luft
Nach dem Tod von acht Zivilisten: 
Syrien kritisiert «Aggression» der US-Armee
 
«Außergewöhnliche Umstände»: 
Merkel und Sarkozy wollen Stabilitätspakt lösen
Alternative Energien, alternative Lieferanten: 
Brüssel macht sich auch für Atomkraft stark
 
BKA-Gesetz: 
Kameras in der Küche
 
Live Top 5
netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
Aus anderen Ressorts

Geschäftsführer: Dr. Robert Daubner | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.