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Späte Rettungsversuche für geschundenen Titan

07. Jan 2007 23:13
Kraftwerk Vockerode vor dem Teilabriss
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Studenten haben Umnutzungskonzepte für das ehemalige Kraftwerk Vockerode entwickelt. Trotz einer Reihe von absurden Vorschlägen gab es doch auch Bemerkenswertes.


Von Andreas Barz

Unlängst überraschte das Landesdenkmalamt Halle mit dem Beschluss, das Kraftwerk Vockerode von der Denkmalliste des Landes Sachsen-Anhalt zu streichen. Mit dieser sehr außergewöhnlichen Entscheidung der Aberkennung des Denkmalstatus’ zieht die Behörde folgerichtig die Konsequenz aus der jüngsten Verstümmelung des Bauwerkes und der Preisgabe wesentlicher Bestandteile des Bauwerkes: So hatte der damalige Eigentümer Veag - heute Vattenfall Europe - 2001 den Abriss der Schornsteine beantragt. Dass das Denkmal damit unweigerlich Schaden nimmt, war dem Eigentümer egal und dem Land gerade recht.

Das Kraftwerk Vockerode, mit dessen Bau 1937 begonnen wurde erhebt sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Wörlitzer Park am Ufer der Elbe mit ihren weiten Elbauen und unweit der Bauhausstadt Dessau. Bis 2001 waren die vier 140 Meter hohen Schornsteine des Bauwerkes weithin sichtbares Zeichen des Industriellen Gartenreiches und kündeten von einer Epoche rasanten industriellen Wachstums in der Dessau-Bitterfelder-Region zu Beginn des frühen 20. Jahrhunderts. Das Kraftwerk Vockerode übernahm einst einen Großteil der Stromversorgung für die mitteldeutsche Chemieindustrie und gehörte durch seine einheitliche äußere Gestaltung und durch die künstlerische Raumfolge zu den Meisterleistungen des Industriebaus der 1930er bis 1950er Jahre.

Doublette des zerstörten Kraftwerks

Kraftwerk nach dem Abriss der Schornsteine
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Das im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg bis auf wenige Fundamente vollständig demontierte Kraftwerk wurde seit 1951 in mehreren Bauphasen wiedererrichtet und entsprach ganz dem Vorbild des Vorkriegsbaus, wenngleich die Maschinensätze von sechs auf zwölf erweitert wurden. Bis zur Sprengung der Schornsteine im September 2001 sowie der Beseitigung der Kohlebandbrücken war das Gebäude weitgehend erhalten geblieben. Teile des technischen Inventars sowie wertvolle Nebenanlagen der ersten Bauetappe wurden bereits früher abgebaut. Hingegen ist die Fassadengestalt sowie die innere Funktionsstruktur bis heute unverändert erhalten und steht für die im NS-Industriebau geforderte Einheitlichkeit und Zweckmäßigkeit von Produktionsanlagen sowie deren spätere Adaption im frühen DDR-Industriebau.

Der Denkmalwert des Kraftwerks ergab sich primär durch die sachliche und ganz auf den Zweck gerichtete Architektur, die durch wirkungsvolle Raumerlebnisse und symmetrische Konstruktionen beeindruckt. Der Kraftwerkskomplex, stark an die Architektursprache von Fritz Schupp und Martin Kremmer angelehnt, ist zugleich Zeugnis der ausdrucksstarken und repräsentativen Architekturauffassung des konstruktivistischen Funktionalismus. Die streng symmetrische Stellung der Schornsteine, die gestaltprägenden vertikalen Lichtbänder und die abgetreppte Bauführung der Hauptgebäude stehen ganz in dieser Tradition.

Gegner drängen auf kompletten Abriss

Neben der hohen architektonischen Qualität zeichnete das Kraftwerk eine faszinierende, aber bis heute nicht unumstrittene Raumwirkung aus: Seine Lage innerhalb der weitgehend unbebauten Elbauenlandschaft machte das Kraftwerk mit seinen symmetrischen Türmen zur weithin sichtbaren Landmarke im Dessau-Wörlitzer Gartenreich. Durch seine zentrale Lage inmitten der Kulturlandschaft kündete der Solitärbau von einer exzessiven Form der Landaneignung und einem grenzenlosen Fortschrittsglauben der Architekten und Konstrukteure, obgleich durch Materialauswahl und Baukonstruktion der Eingriff in das Landschaftsbild abgeschwächt ist.

Mit dem Abriss der Schornsteine sowie weiterer Gebäudeteile 2001 wurde das in seiner Art letzte erhaltene Kohlekraftwerk der 1930er bis 1950er Jahre im gesamten ostdeutschen Raum und eines der letzten erhaltenen Großkraftwerke in Deutschland erheblich zerstört und war mit empfindlichen Verlusten im Denkmalbestand verbunden. Dabei begann die Wiederentdeckung und Nachnutzung des Gebäudekomplexes als spektakulärer Veranstaltungsort mit der Eröffnung der ersten sachsen-anhaltinischen Landesausstellung 1998 und einer weiteren Ausstellung anlässlich der Expo 2000 recht erfolgreich.

Eigentümer und Politik konnten sich jedoch nicht auf eine tragfähige Nachnutzung einigen, dem Eigentümer fehlte das Geld für die dringend erforderlichen Sicherungs- und Erneuerungsmaßnahmen und die Landespolitik träumt von einer Wiederherstellung des Dessau-Wörlitzer-Gartenreiches in der Ausprägung aus der Zeit der Aufklärung. An dieser Auffassung hat auch der politische Wechsel im Land bis heute nichts geändert.

Absurde Vorschläge

Erfreulich hingegen die jüngste Wertschätzung des Eigentümers Vattenfall Europe, der im Rahmen des Hans-Heinrich-Müller-Preises 2006 Studenten einlud, Ideen für eine sinnstiftende Nachnutzung zu Papier zu bringen. Eine Art späte Sühne?

Wie auch immer. Erstaunliches und Abstruses ist dabei in jedem Fall zu Tage getreten: So sehen die beiden ersten Preise die Gründung eines Warenhauses des gehobenen Sortiments bzw. die eines Casinos vor, vergessen jedoch dabei, für eine derartige Nutzung die entsprechende Zielgruppe zu benennen. Ein anderer prämierter Entwurf plant inmitten der Reformlandschaft des Gartenreiches die Errichtung eines Kraftwerksgefängnisses und stellt sich dort das Leben der Häftlinge als seriellen Funktionsablauf vor. Schwer vorstellbar, wenn auf einmal Stacheldraht und Wachtürme das idyllische Bild der Weltkulturerbelandschaft stören.

Politik bietet Hilfe zum Abriss

Realistischer, aber auf abgeschlagenen hinteren Plätzen rangierend, sind Pläne zur Umnutzung des bestehenden Gebäudes als Taucher-, Sport- oder Eventanlage. Die jüngste Neunutzung der ehemaligen Luftschiffhalle im brandenburgischen Brand zum Ferienparadies Tropical Island macht deutlich, dass auch in abgelegen Regionen eine Nutzung von Großgebäuden möglich ist und sich Investoren für außergewöhnliche Projekte finden lassen. Da der Denkmalschutz nunmehr keine Rolle mehr spielt, sind eine weitgehende Entkernung und die bloße Erhaltung der Hülle des Kraftwerkes Vockerode durchaus vorstellbar.

Am Ende werden jedoch die Kräfte siegen, die eine vollständige Beseitigung des Bauwerkes favorisieren, der amtierende Kulturminister, der von Vattenfall Europe gebeten wurde, die Schirmherrschaft für den Wettbewerb zu übernehmen, ließ bereits verkünden, dass er nur für eine Unterstützung beim Abriss zur Verfügung stünde – seine Aufgabe als Kulturminister, wohlgemerkt, wäre der Erhalt des noch immer beeindruckenden Baus, nicht dessen Abriss.

Hans A. Grube (Hrsg.):
Nachnutzung/re use. Kraftwerk Elbe in Vockerode.
Hans Heinrich Müller Preis 2006. Jovis Verlag, Berlin: 2006. Zahlreiche Abbildungen, Texte in Deutsch/Englisch
128 Seiten, 25,00 Euro.


 
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