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Grass: «Wird man wissen, wer Schirrmacher war?»

12. Okt 2006 11:32
Günter Grass
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Günter Grass wirft der «FAZ» vor, ihn als Schriftsteller demontieren zu wollen – und vergleicht sich selbst indirekt mit Goethe. Ihn schmerzten nicht gestellte Fragen an sich selbst.

Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat Frank Schirrmacher vorgeworfen, ihn wegen des späten Eingeständnisses seiner Waffen-SS-Mitgliedschaft als Schriftsteller demontieren zu wollen. Die «FAZ», deren Mitherausgeber Schirrmacher ist, habe die Fakten durcheinander geworfen und seine Briefe an Karl Schiller in einen diffamierenden Zusammenhang gestellt. Das sagte Grass im Anschluss an eine Lesung aus seinem autobiografischen Roman «Beim Häuten der Zwiebel» am Mittwochabend in Duisburg.

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Ende September hatte die «FAZ» zwei Briefe von Grass aus den Jahren 1969 und 1970 veröffentlicht, in denen er den damaligen Bundeswirtschafts- und Finanzminister Karl Schiller aufgefordert hatte, seine NS-Vergangenheit offen zu legen. Nach einer von Grass erwirkten Einstweiligen Verfügung darf die Zeitung aus den Briefen vorerst keine großen Wortlautauszüge mehr abdrucken.

Flimm verteidigt Grass

Wie zuvor Christa Wolf und Martin Walser wolle die «FAZ» nun ihn als Schriftsteller demontieren, sagte Grass. Er werde dies künstlerisch jedoch überleben. «Wer kennt heute noch Menzel? Wird man später noch wissen, wer Schirrmacher war?», fragte er in Anspielung auf den im 19. Jahrhundert einflussreichen Goethe-Kritiker Wolfgang Menzel.

Gastgeber und Ruhrtriennale-Intendant Jürgen Flimm verteidigte den Schriftsteller: «Grass hat seine Erfahrungen aus dieser Zeit ein Leben lang abgearbeitet, er war ein streitbarer Demokrat. Seine tätige Reue über Texte, Reden und Einmischung hätte ich mir von vielen anderen auch gewünscht», sagte Flimm unter dem Beifall der Zuhörer.

Schweigen ein gutes Recht

Das Schreiben seines autobiografischen Romans sei ein schmerzhafter Prozess gewesen, sagte Grass. «Am meisten geschmerzt hat mich rückblickend, dass ich als junger Mann nie Fragen gestellt habe. Das ist das Versagen des Jungen.» Es sei sein «gutes Recht, erst jetzt bekannt zu geben, dass ich gegen meinen Willen einige Wochen lang bei der Waffen-SS war».

In der aktuellen «Spiegel»-Ausgabe hat Schirrmacher das Veröffentlichen der Schiller Briefe und das im August publizierte «FAZ»-Interview, in dem Grass erstmals öffentlich über seine in seinem Buch beschriebene Waffen-SS-Mitgliedschaft sprach, verteidigt. Grass wolle von sich ablenken und von der Tatsache, «dass er, der alle maßregelte, selber einer der großen Verschweiger war». (nz)

 
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