netzeitung.de«Kunst hat die Pflicht zur Unruhe»

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Probenfoto von Idomeneo (Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH)

Lupe Probenfoto von Idomeneo
Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH

Über den Fall «Idomeneo» haben Vertreter aus Kultur und Politik kontrovers in der Deutschen Oper Berlin diskutiert. Bundeskanzlerin Merkel verurteilte auf der Feier zum Tag der Deutschen Einheit in Kiel erneut die Absetzung der Oper.

Als Reaktion auf die breite Kritik an der Absetzung der Mozart-Oper «Idomeneo» haben am Dienstag in der Deutschen Oper Berlin Kulturschaffende, Politiker und Wissenschaftler über den Schutz der künstlerischen Freiheit diskutiert.

Der Intendant des Hamburger Thalia Theaters, Ulrich Khuon, sagte, die Kunst habe «die Pflicht zur Unruhe und zu stören». Kunst dürfe «auch den Tabubruch enthalten», pflichtete ihm der Berliner Kultursenator Thomas Flierl (Linkspartei) bei.

Der Berliner Bischof und EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber äußerte allerdings Kritik an der Schlussszene der «Idomeneo»-Inszenierung von Hans Neuenfels, in der Jesus, Mohammed, Buddha und Poseidon enthauptet werden.

«Abschlagen von Köpfen nicht ideal»
«Das Abschlagen von Köpfen ist nicht ideal, auch wenn sie aus Pappmaché sind», sagte Huber. Er riet, über dieses Schlussbild sollte vor einer Wiederaufführung gründlich diskutiert werden.

Neuenfels wolle mit der Szene die Emanzipation des Menschen vom göttlichen Willen demonstrieren, so Huber. Aufklärung und Glaube stünden für ihn aber nicht in Widerspruch zueinande - die Autonomie der Person dürfe nicht gegen das Göttliche gestellt werden.

Die Teilnehmer auf dem Podium waren sich einig, dass das Ziel der Diskussion nicht die Klärung einer Schuldfrage sein könne. Opern-Intendantin Kirsten Harms und der Berliner Innensenator Ehrhardt Körting (SPD) wurden dennoch wieder mit der Frage konfrontiert, wer letztlich die Verantwortung dafür trage, dass das Stück vom Spielplan genommen wurde.

«Besser zu viel als zu wenig»
Körting räumte erneut ein, möglicherweise falsch gehandelt und ohne vorherige gründliche Beratungen nur auf den Sicherheitsaspekt gesetzt zu haben. «Aber besser zu viel als zu wenig», sagte er. Auch Harms rechtfertigte ihre «schwierige Abwägung» zu Gunsten der Sicherheit des Publikums und ihrer Mitarbeiter. Die Oper könne wieder auf den Spielplan, sobald es ein Sicherheitskonzept gebe.

Ziel des Terrorismus sei die Verunsicherung der Gesellschaften, kommentierte der ehemalige US-Botschafter in Deutschland, John Kornblum, die Aufregung um die «Idomeneo»-Absetzung. Die Terrorgefahr genau einzuschätzen, sei schwierig oder sogar unmöglich.

Der Integrationsbeauftragte des Berliner Senats, Günter Piening, wies aber darauf hin, dass bisher keine Islam-Organisation eine Absetzung der Operninszenierung gefordert habe. «Die Muslime in Berlin und im Bundesgebiet sind in ihrer überwiegenden Mehrheit friedlich, aber sie werden als solche nicht wahrgenommen.»

Die Organisationen hätten nicht die Legitimität der Aufführung in Frage, sagte Piening. Bedenklich sei allerdings, dass in der Öffentlichkeit ein von Extremisten geprägtes Bild vom Islam entstanden sei. «Scharfmacher» übernähmen damit die Deutungshoheit.

Merkel kritisiert «Schere im Kopf»
Für die Freiheit der Kunst, der Meinung und Religion trat auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in ihrer Rede zum Tag der Deutschen Einheit in Kiel ein. Die Absetzung von «Idomeneo» sei eine «unnötige Schere im Kopf» gewesen, bekräftigte sie. «Hier kann und darf es keine Kompromisse geben», sagte sie.

Zugleich betonte die Kanzlerin im Hinblick auf islamischen Fundamentalismus, Gewalt im Namen einer Religion pervertiere und missbrauche diese Religion.

«Ich habe die Erfahrung gemacht, dass manche beim Recht, frei ihre Meinung zu sagen oder zu schreiben, eine unnötige Schere im Kopf haben«, so Merkel. »Dass gleichsam die weiße Fahne gehisst wird, bevor auch nur irgendetwas zu passieren droht. Wie anders ist die Entscheidung um die Absetzung der Mozart-Oper in Berlin zu werten?» Es gebe in Deutschland kein Verbot, sich verletzt zu fühlen. Man müsse auch nicht in eine Oper gehen, sagte sie denen, die die Inszenierung ablehnen.

Der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, begrüßte die «klaren Worte» Merkels. «Diese Oper muss als Zeichen des demokratischen Selbstbewusstseins endlich wieder auf den Spielplan!» forderte er. Beißende Kritik und Satire müssten auch in der Auseinandersetzung mit Religionen möglich sein. (nz)


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