«Selbstzensur ist Teil unseres Lebens»
27.09.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Die Entscheidung der Deutschen Oper Berlin, eine provokante Inszenierung der Mozart-Oper «Idomeneo» vom Spielplan zu nehmen, ist auf breiten Protest gestoßen. Vertreter aus Politik und Gesellschaft haben Opernintendantin Kirsten Harms vorgeworfen, durch einen Akt der Selbstzensur die Freiheit der Kunst in Frage gestellt zu haben.
Das Werk «God is Great 2» (1991) des inzwischen verstorbenen Konzeptkünstlers John Latham versucht, einen Zusammenhang zwischen den großen monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam herzustellen. In Skulpturen und Assemblagen zeigt Latham Exemplare von Talmud, Bibel und Koran: Die heiligen Schriften sind zusammen an aufrecht stehenden Glasscheiben angebracht. Er wolle damit ausdrücken, dass unterschiedliche Glaubensrichtungen den gleichen Ursprung hätten, erklärte dazu der Künstler.
Die Tate Britain hielt die Thematik im vergangenen Oktober aber für zu brisant. Das Kunstwerk könne wegen des «sensitiven Klimas» im Land seit den Terroranschlägen nicht ausgestellt werden, hieß es damals.
Nach den Juli-Anschlägen habe man jedoch bedenken müssen, dass «God is Great 2» als gezielte Provokation und seine Ausstellung als politischer Akt aufgefasst werden könne, warnte der Museumsdirektor. Die Tate Britain habe auf den «unmissverständlichen» Hinweis reagiert, dass Lathams Werk ein hohes Risiko für Anschläge berge und damit die Besucher des Museums in Gefahr bringe.
Die Tate Britain habe allein aus der Furcht gehandelt, Muslime könnten sich beleidigt fühlen. «Selbstzensur ist Teil des Stoffs unseres Lebens geworden», zitiert ihn «The Observer». In Großbritannien herrsche mittlerweile ein Klima vor, in dem Institutionen vor Provokationen zurückschreckten.
Wie die deutschen Medien in der Debatte um die Absetzung von «Idomeneo» war sich auch die britische Presse weitgehend einig darüber, dass die Entfernung von «God is Great 2» aus der Tate Britain einen Angriff auf die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Kunst darstellte.
Nur wenige Kommentatoren waren der Ansicht, dass die Kultur die durch die Anschläge verschärfte Gefahrenlage nicht ignorieren dürfe. Es sei einfacher, Mut zu predigen, wenn man weit entfernt von der Schusslinie entfernt sei, fasste «The Observer» die Pressestimmen zusammen. Schwieriger sei es, diesen Mut zu zeigen, wenn in unmittelbarer Nähe Gefahr für die Öffentlichkeit drohe.

