«Selbstzensur ist Teil unseres Lebens»
27. Sep 2006 14:05
 |  Probenfoto von der umstrittenen Berliner 'Idomeneo'-Inszenierung von Hans Neuenfels | Foto: dpa |
|
Die Absetzung einer Berliner Inszenierung von Mozarts «Idomeneo» ist nicht der erste Fall von Selbstzensur aus Terrorfurcht. 2005 ließ ein Londoner Museum ein Kunstwerk entfernen, das sich mit den großen Weltreligionen auseinander setzt.
Von Corina KolbeDie Entscheidung der Deutschen Oper Berlin, eine provokante Inszenierung der Mozart-Oper «Idomeneo» vom Spielplan zu nehmen, ist auf breiten Protest gestoßen. Vertreter aus Politik und Gesellschaft haben Opernintendantin Kirsten Harms vorgeworfen, durch einen Akt der Selbstzensur die Freiheit der Kunst in Frage gestellt zu haben.
So einmalig, wie der Fall dargestellt wird, ist er allerdings nicht. In Großbritannien ließ das Museum Tate Britain nach den Anschlägen auf die Londoner U-Bahn im Juli vergangenen Jahres ein strittiges Kunstwerk aus einer Ausstellung entfernen - und löste damit eine Debatte aus, die Parallelen zu der aktuellen Diskussion in Deutschland aufweist.Das Werk «God is Great 2» (1991) des inzwischen verstorbenen Konzeptkünstlers John Latham versucht, einen Zusammenhang zwischen den großen monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam herzustellen. In Skulpturen und Assemblagen zeigt Latham Exemplare von Talmud, Bibel und Koran: Die heiligen Schriften sind zusammen an aufrecht stehenden Glasscheiben angebracht. Er wolle damit ausdrücken, dass unterschiedliche Glaubensrichtungen den gleichen Ursprung hätten, erklärte dazu der Künstler.
Die Tate Britain hielt die Thematik im vergangenen Oktober aber für zu brisant. Das Kunstwerk könne wegen des «sensitiven Klimas» im Land seit den Terroranschlägen nicht ausgestellt werden, hieß es damals.
Angst vor politischer Interpretation
Museumsdirektor Stephen Deuchar schrieb in einem Beitrag für die Zeitung «The Guardian», er bedauere, dass «God is Great 2» nicht gezeigt werden könne. Die Tatsache, dass sich Juden und Muslime durch eine öffentliche Zuschaustellung der ihnen heiligen Schriften brüskiert fühlen könnten, habe nicht den alleinigen Ausschlag gegeben, betonte Deuchar. Zahlreiche Werke in dem Museum könnten in vielfacher Hinsicht als provokant aufgefasst werden. Nach den Juli-Anschlägen habe man jedoch bedenken müssen, dass «God is Great 2» als gezielte Provokation und seine Ausstellung als politischer Akt aufgefasst werden könne, warnte der Museumsdirektor. Die Tate Britain habe auf den «unmissverständlichen» Hinweis reagiert, dass Lathams Werk ein hohes Risiko für Anschläge berge und damit die Besucher des Museums in Gefahr bringe.
Kritik an vorauseilendem Gehorsam
Den Kulturkritiker Kenan Malik überzeugte Deuchars Argumentation jedoch nicht. Bei dem Museum seien keine Beschwerden eingegangen, sagte er, als der Fall Latham im Zuge der Kontroverse um die dänischen Mohammed-Karikaturen erneut öffentlich diskutiert wurde. Die Tate Britain habe allein aus der Furcht gehandelt, Muslime könnten sich beleidigt fühlen. «Selbstzensur ist Teil des Stoffs unseres Lebens geworden», zitiert ihn «The Observer». In Großbritannien herrsche mittlerweile ein Klima vor, in dem Institutionen vor Provokationen zurückschreckten.
Wie die deutschen Medien in der Debatte um die Absetzung von «Idomeneo» war sich auch die britische Presse weitgehend einig darüber, dass die Entfernung von «God is Great 2» aus der Tate Britain einen Angriff auf die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Kunst darstellte.
Nur wenige Kommentatoren waren der Ansicht, dass die Kultur die durch die Anschläge verschärfte Gefahrenlage nicht ignorieren dürfe. Es sei einfacher, Mut zu predigen, wenn man weit entfernt von der Schusslinie entfernt sei, fasste «The Observer» die Pressestimmen zusammen. Schwieriger sei es, diesen Mut zu zeigen, wenn in unmittelbarer Nähe Gefahr für die Öffentlichkeit drohe.