Die Götter sind da: «Rheingold» in Bayreuth
27.07.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Die Götter sind mitten unter uns - so lautet die Botschaft, die der Dramatiker Tankred Dorst in seiner Neuinszenierung von «Der Ring des Nibelungen» bei den Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth transportieren will.
Bei der Premiere am Mittwoch feierte das Publikum eine Aufführung auf gutem Festspielniveau, zu der das homogene Sängerensemble ebenso beitrug wie die klangschöne, transparente musikalische Darbietung des Orchesters, für die Dirigent Christian Thielemann Ovationen erntete.
Dorsts «Ring» war mit großer Spannung erwartet worden. In zahlreichen Interviews und sogar in einem Buch hat der 80-Jährige, der das erste Mal überhaupt eine Oper inszeniert, seine Sicht auf Wagners Welt bereits deutlich gemacht. Nun aber muss sich das Konzept, für das nach der überraschenden Absage des Filmemachers Lars von Trier nur zwei Jahre Vorbereitungszeit blieben, auf der Bühne bewähren.
Nach dem von Thielemann genüsslich ausgekosteten Orchestervorspiel zeigt sich der Rhein als breit daher fließender Strom, auf dessen Grund große runde Kieselsteine liegen. Alberich umarmt den Stein, als liebkose er eine Frau, denn die Rheintöchter - Projektionen nackter, durchs Wasser gleitender Nixen - bleiben für ihn unerreichbar.
Dagegen regiert Alberich, der echsenhafte Nibelungenherrscher, zunächst in einem Kraftwerk mit Leitungsrohren und Lüftungsschächten - doch als die Wand aufreißt, tut sich dahinter eine urtümliche Höhle auf. Solche beeindruckenden Szenen sind die Stärke der Inszenierung.
Als gravierender Nachteil wirkt sich dagegen die mangelnde Regieerfahrung des Schriftstellers Dorst aus. Die Darsteller wirken kaum geführt und oft allein gelassen, agieren eckig und hölzern. Die einzelnen Figuren gewinnen kaum Profil. Mancher theatralische Effekt, etwa der Auftritt der Riesen, wird glatt verschenkt. Wett gemacht wird dieses Manko aber durch die musikalischen Leistungen.
Als souveräner, wenn auch etwas leichtgewichtiger Wotan kann daher Falk Struckmann ebenso glänzen wie Bayreuth-Debütant Andrew Shore als dunkler, machtgetriebener Alberich, der seinen Bruder Mime (Gerhard Siegel) schikaniert. Arnold Bezuyen gibt mit beweglichem Tenor einen vorzüglichen Loge.
Mit großer Ausstrahlung absolviert Mihoko Fujimora ihren Kurzauftritt als Erda. Komplettiert wird die Götterwelt mit Michelle Breedt (Fricka), Satu Vihavainen (Freia), Ralf Lukas (Donner) und Clemens Bieber (Froh). Den Macht verheißenden Ring aber hütet nun der Riese Fafner (Jyrki Korhonen), der seinen Bruder Fasolt (Kwangchul Youn) erschlug. Vergeblich bitten die Rheintöchter (Fionnuala McCarthy, Ulrike Helzel und Marina Prudenskaja) aus der Tiefe, ihnen das Gold zurückzugeben. (dpa)

