«Sakrileg»-Prozess: Verschwörungstheorien blühen
14.03.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Die Fälle, mit denen sich der Ehrenwerte Richter Peter Smith vom High Court in London seit zwei Wochen beschäftigen muss, liegen lange zurück. Beispielsweise die Frage, ob der Merowingerkönig Dagobert II. im Jahr 679 tatsächlich von Pippin dem Mittleren ermordet wurde. Oder, ob Jesus Christus vor zwei Jahrtausenden möglicherweise ein Kind mit Maria Magdalena zeugte. Im Kern geht es vor dem obersten britischen Zivilgericht aber nur um eine Frage ob der amerikanische Bestsellerautor Dan Brown für seinen Welterfolg «Sakrileg» abgeschrieben hat.
Das behaupten die beiden Verschwörungs-Theoretiker Richard Leigh und Michael Baigent, deren Sachbuch «The Holy Blood And The Holy Grail» («Der Heilige Gral und seine Erben») bereits 1982 erschien. Der Brite und der Neuseeländer werfen Brown vor, zwanzig Jahre später für seinen Mysterien-Thriller mindestens 15 Grundgedanken abgekupfert zu haben so auch die Idee, dass Jesus Vater wurde, seine Nachfahren heute noch auf der Welt sind und von der Kirche bekämpft werden.
Allerdings sieht es danach im Moment nicht aus. Baigent und Leigh sind in die Defensive geraten. Nicht nur, weil Richter Smith ihnen die Aussage entlockte, dass sie mit ihren Anschuldigungen möglicherweise übertrieben haben. Nach und nach kam heraus, dass die Theorie von Jesus' Vaterschaft um einiges älter ist als ihr Buch: Der britische Theologe Charles Davis etwa stellte schon 1971 die Frage, ob Jesus mit Maria Magdalena verheiratet war und Nachwuchs hatte.
In der Tat ist im «Sakrileg» von einem Buch wie der «Heilige Gral» die Rede. Allerdings werden weder Titel noch Namen genannt. Dafür heißt eine der Figuren so, dass sich die jetzigen Widersacher wieder erkennen können: mit Vorname Leigh, mit Nachname Teabing - ein Anagramm von Beating, wie es Brown so gern verwendet. Ob das reicht, wird erst das Urteil zeigen.
Vom «Sakrileg» wurden weltweit inzwischen mehr als 48 Millionen Exemplare verkauft. Für den «Heiligen Gral» gibt es einstweilen nur Zahlen aus Großbritannien. Die allerdings sind eindeutig: Vor dem Prozess gingen davon pro Woche noch etwa 350 Exemplare über den Ladentisch. Jetzt sind es mehr als 3000. Der Verlag jedoch weist jeden Verdacht zurück. (dpa)

