netzeitung.de«Tradition ist ein totes Museum»

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Pierre Boulez (Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH)

Lupe Pierre Boulez
Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH

Einst wollte er alle Opernhäuser in die Luft sprengen, später dirigierte er in Bayreuth den «Jahrhundert-Ring»: Pierre Boulez ist ein Künstler der Extreme.

Als junger Musikstudent in Paris protestierte Pierre Boulez in den 40er Jahren lautstark gegen eine Strawinsky-Aufführung - er hasste die «neo-klassische Färbung» des Werks. Immer habe er bewusst mit der Tradition brechen wollen, nie aber mit der Geschichte», sagt Boulez heute. «Geschichte verlangt nach einer gegenwärtigen Befragung, Tradition ist ein totes Museum.«

Der Franzose ist stets ein Rebell gewesen, der sich zwischen extremen Positionen bewegt. Hatte er einst polemisch vorgeschlagen, «alle Opernhäuser in die Luft zu sprengen», wurde er später als Dirigent bei den ehrwürdigen Bayreuther Festspielen gefeiert. Mitte der 70er Jahre leitete er dort den legendären «Jahrhundert-Ring». Nicht nur auf dem Grünen Hügel, sondern auch in Paris, London und New York schrieb Boulez Musikgeschichte - als Dirigent und als einer der führenden Komponisten der Nachkriegszeit.

Boulez wurde am 26. März 1925 als Sohn eines Stahlwerkdirektors in Montbrison geboren. Früh lernte er das Klavierspiel - wurde aber am Pariser Konservatorium wegen «Unfähigkeit» nicht aufgenommen. Daraufhin studierte er Komposition, Dirigieren und Analyse bei René Leibowitz, einem der bedeutendsten Vertreter der reinen Zwölf-Ton-Lehre, und bei Olivier Messiaen. Mit dem Dirigieren habe er begonnen, weil er mit der Interpretation seiner Stücke unzufrieden gewesen sei, heißt es. Einen Taktstock benutzt Boulez nicht: «Mit den Händen kann man mehr ausdrücken, als mit einem Holzstäbchen», meint er.

Durchbruch auf Umwegen
1948 wurde Boulez musikalischer Direktor des Ensembles Madeleine Renaud am Pariser «Theatre Marigny». Der Durchbruch als Komponist der Neuen Musik gelang ihm wenige Jahre später - allerdings erst nach einem Skandal: Die französische Sektion der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik hatte Boulez' Werk «Le Marteau sans Maitre» (1955-57) abgelehnt. Die Kantate, später als mathematisch ausgefeiltes und dennoch sinnliches Schlüsselwerk gefeiert, wurde 1955 beim Südwestfunk in Baden-Baden uraufgeführt. Seitdem hat der Komponist einen Wohnsitz in der Kurstadt - was der Öffentlichkeit weitgehend verborgen geblieben ist.

Seine internationale Karriere führte den Dirigenten vom Sinfonieorchester des Südwestfunks Baden-Baden über das BBC Symphonic Orchestra bis zum New York Philharmonic Orchestra. Dort übernahm er die Nachfolge von Leonard Bernstein. Von Wieland Wagner wurde Boulez 1966 als «Parsifal»-Dirigent nach Bayreuth geholt. Einige Jahre später verpflichtete ihn Wielands Bruder Wolfgang für den «Ring des Nibelungen». Bis 1980 leitete Boulez 68 Aufführungen der Inszenierung von Patrice Chéreau, die anfangs heftige Proteste hervorrief.

Computermusik und Zappa
Boulez' Werke reichen von der «konkreten Musik» über die so genannte serielle Technik bis zur «mikrotonalen Musik», bei der ein Computer eingesetzt wird. 1977 eröffnete er in den Kellern des Centre Pompidou in Paris das mit Computertechnik arbeitende Musiklabor «IRCAM», 1995 die «Cité de la Musique» im Nordosten von Paris.

Boulez spielte auch eine CD mit Stücken von Frank Zappa ein («Boulez conducts Zappa»). Im allgemeinen hält er jedoch nicht viel von der Rock- und Popkultur. Manchmal schalte er im Fernsehen MTV ein, sagte er. Die Musik, die er da höre, sei zwar sehr intensiv, werde allerdings mit «furchtbar primitiven Mitteln» gemacht. (nz)