Nagano: Wir haben ein ganz neues Publikum
Der amerikanische Künstler mit japanischen Wurzeln, der im September 2006 Zubin Mehta als Generalmusikdirektor an der Bayerischen Staatsoper ablösen wird, kann zufrieden sein. In die Konzerte des DSO kamen im vergangenen Jahr 88.000 Besucher, die Auslastung lag bei 82 Prozent.
Auf dem Programm stehen außerdem zahlreiche Gastspiele im In- und Ausland. Mit den Festspielen in Baden-Baden wollen Nagano und seine Musiker nach dem erfolgreichen «Parsifal» 2004 im kommenden Jahr bei einer hochkarätig besetzten Aufführung von Wagners «Lohengrin» kooperieren.
Wer Nachfolger Naganos in Berlin wird, steht bislang nicht fest.
Netzeitung: Einer der Schwerpunkte Ihrer Arbeit mit dem Deutschen Symphonie-Orchester ist die Neue Musik. Wie reagiert das Publikum darauf?
Kent Nagano: Man sollte die Wirkung auf das Publikum nicht nur von einem Punkt aus analysieren. Wir haben immer an Balance und Kontrapunkte gedacht. Am Ende der Saison entsteht daraus ein komplexes Bild, ein kleiner Teil davon ist unser Engagement für Neue Musik. Die Publikumszahlen haben stark zugenommen das zeigt uns, dass die Besucher diese Kombination gut angenommen haben. Darüber bin ich sehr froh.
Netzeitung: Gerade bei Neuer Musik gibt es oft Vermittlungsprobleme...
Kent Nagano: Musik muss sich immer auf höchstem Niveau bewegen. Bei zeitgenössischer Musik liegt die Schwierigkeit darin, dass es keinen Bezugspunkt gibt. In unseren Serien wollen wir nur die stärkste und beste Musik bringen, die wir finden können sowohl traditionelle wie auch zeitgenössische. Die haben wir dann in einer komplexen Dramaturgie zusammengebracht, die einen Referenzpunkt schaffen kann.
Netzeitung In wenigen Tagen feiert Pierre Boulez seinen 80. Geburtstag. Wie Sie war er Schüler von Olivier Messiaen. Welchen Stellenwert in der zeitgenössischen Musik hat für Sie Boulez?
Kent Nagano Pierre Boulez ist sicherlich einer der wichtigsten Protagonisten der Neuen Musik des 20. Jahrhunderts und ein großer Dirigent. Er hat in Europa und in Amerika eine außerordentlich wichtige Rolle gespielt. Meiner Meinung nach ist er einer der größten Komponisten der vergangenen 50 Jahre. Das DSO hat einiges aus dem Repertoire von Boulez gebracht.
Netzeitung Boulez ist aber noch nicht als Gastdirigent mit Ihrem Orchester aufgetreten...
Kent Nagano Das hätte ich gern, immer! Wir haben ihn mehrfach darum gebeten, aber er ist so ausgebucht, dass das bisher nicht möglich war. Aber hoffentlich wird er in der Zukunft mit uns zusammenarbeiten!
Netzeitung Die Konzerte des DSO sind gut besucht. Dabei fällt auf, dass es viele junge Besucher gibt...
Kent Nagano: Ich bin stolz darauf, dass sich die Zusammensetzung des Publikums in meinen sieben Jahren hier radikal verändert hat. Als ich angefangen habe, kamen vor allem ältere Leute in die Konzerte. Inzwischen ist das Publikum viel gemischter. Es ist ein Spiegelbild von Berlin viele junge Leute und sogar Kinder. Das Publikum sieht aus wie die Menschen auf der Straße.
Netzeitung In Berlin haben Sie viel Konkurrenz von anderen Orchestern...
Kent Nagano Konkurrenz ist nicht immer eine negative Sache (lacht). Sie hat eine belebende Wirkung auf das DSO gehabt.
Netzeitung Im kommenden Jahr gehen Sie als Generalmusikdirektor an die Bayerische Staatsoper in München. Was planen Sie dort inhaltlich? Und muss das DSO auf Sie ganz verzichten?
Kent Nagano Ich habe schon viele Ideen, in der Opernwelt muss sehr lange im Voraus geplant werden. Der bisherige Intendant Sir Peter Jonas hat an der Bayerischen Staatsoper wunderbare Sachen gemacht und damit weitere Entwicklungen ermöglicht. Mit dem DSO werde sich aber auch weiterhin zusammenarbeiten. Als «Principal Guest Conductor» werde ich mit dem Orchester jedes Jahr vier Projekte realisieren.
Mit Kent Nagano sprach Corina Kolbe

