netzeitung.de2015: Der digitale Bürger und sein Sex

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So weit wird es wohl nicht kommen: Modell in einer Sonderausstellung des Dresdener Hygieneinstituts (Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH)

Lupe So weit wird es wohl nicht kommen: Modell in einer Sonderausstellung des Dresdener Hygieneinstituts
Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH

Hologrammkonferenzen und kostenpflichtige «Sportschau»: So könnte 2015 der Alltag aussehen - wenn es nach den Entwicklern auf der Consumer Electronics Show geht. Maik Söhler sieht in die Zukunft, Teil II.

Was bisher geschah: Die Consumer Electronics Show (CES), die dieser Tage in Las Vegas stattfindet, ist eine der größten Technikmessen der Welt. Und sie ist ein Ort, an dem viele Menschen träumen: Entwickler von Allround-Geräten, Manager von konsumwütigen Kunden und die Kundschaft von Erleichterungen im Alltag.

Bündelt man diese Träume in einem, so lässt sich eine fiktive Geschichte darüber erzählen, wie der Alltag eines digitalen Bürgers im Jahr 2015 aussehen könnte. Unser digitaler Bürger heißt Lukas, er lebt in Berlin und arbeitet als freier Kulturanalytiker in einem E-Book-Verlag. Dort überwacht er gerade die Arbeit einer Spracherkennungssoftware, die mündliche Äußerungen des Dichters Günter Grass in Schrift überträgt.

Lukas hat sich weitgehend dem Stand der Technik angepasst, nur für wenige Dinge fehlt ihm das Geld. Wir haben ihn bisher durch den Morgen und den Mittag eines beliebigen Tages begleitet, nun folgt der Rest.

Nachmittag
Der Nachmittag plätschert zwischen Grass’ Tonspuren und Video-Konferenzen so vor sich hin. Zu lachen gibt es nur kurz etwas, als Ciscos eigentlich bewährtes HighEnd-Hologramm-Konferenzprogramm Holopresence plötzlich verrückt spielt. Statt der chinesischen Firmeneigentümer taucht Günter Grass im Holo-Quader auf und beschwert sich lauthals über die seit 2011 geltende Papierrationierung. Ja hört denn das nie auf mit diesem Typen?

Auch der Rückweg nach Hause verläuft unspektakulär, erwähnenswert sind allein ein neuer Highscore beim interaktiven und dreidimensionalen Game Fifa 2016, ein kurzzeitiger, schmerzhafter Bug in der elektronischen Fahrzeugfederung und die miese Qualität der vom iPhone 7.2 mit Unterstützung des Microsoft-Weltscanners automatisch am Freitagnachmittag ausgespuckten personalisierten Veranstaltungshinweise fürs Wochenende. Nichts los in der Stadt, und Contact-to-Contact-Anfragen oder -Bestätigungen seiner Freunde liegen auch nicht vor.

Zwischen 15 Gigabyte Werbung erinnert allein ein lahmes MMS-Video Lukas an das Übliche, irgendein Event der digitalen Outdoor-Szene mit Tchtrnc-Konzert, Video-in-Session und bionischer Vernetzung. «Aber dafür bräuchte ich endlich mal ein iNet», flucht er und beschließt, stattdessen lieber via Wireless-USB einen DiVX-Film zu laden und anzusehen. Danach will er seinen Geldpunktestand abrufen, um zu überprüfen, ob er sich damit noch die «Sportschau» leisten kann. Die Spiele der Euro-Liga wurden zuerst 2010 wegen des asiatischen Marktes auf Sonntag, schließlich aber 2014 wegen des afrikanischen Marktes auf Freitagabend gelegt.

Früher Abend
Zum Glück ist zu Hause alles sauber und aufgeräumt – dem Modell Roomba-Perfect der Firma iRobot sei dank. Außerdem sind die Einkäufe erledigt: Per Messenger haben Kühlschrank und E-Regal alles Ausgegangene im Supermarkt nachbestellt, und der Aldi-Fix-Kurier hat diesmal sogar nichts zu liefern vergessen. Ein Menüvorschlag von Google Meals rattert bereits über die Laufbandanzeige des Elektroherds – nur gelegentlich unterbrochen von Eilmeldungen der DPAP-Flash-News. Mit dem Vorschlag Ratatouille ist Lukas durchaus einverstanden.

Die Zeit beim Gemüseschnippeln wird ihm nicht lang. Denn der in die Kühlschranktür eingelassene Flachbildschirm ist auf vier Internetfernsehprogramme bei Joost eingestellt und auf zweien der vier läuft heute ausnahmsweise mal was Gutes. Über eine die komplette Wohnung abdeckende Freisprechanlage werden nebenher die überfälligen Anrufe bei Mama, im Hewlett-Sony-Servicecenter und die Abmeldung vom ZDF-Programm getätigt. Seit Jahren war dort nichts Vernünftiges zu sehen. Aber warum muss man beim ZDF-Service eigentlich immer noch anrufen – waren Call-Center und 01801-Nummern nicht schon 2011 Schnee von gestern?

Sei’s drum. Das Essen schmeckt, und auch das dazu von Bierbörse.de ausgewählte und vorsorglich gleich richtig temperierte Getränk stimmt. Zum Glück fällt Bier noch nicht unter die 2014 von der schwarz-grünen Regierung gestartete Anti-Alkohol-Kampagne. Seit dem 1. Januar 2015 steht der Konsum harter Alkoholika unter Strafe. Freunde haben Lukas neulich erzählt, dass die Ordnungsämter tatsächlich zum Kontrollieren da waren. Wegen einer offenen Flasche Cranberry-Likör wurden 20 Geldpunkte von der Karte transferiert.

Später Abend
«Soll ich?», fragt sich Lukas, «soll ich wirklich?» – Der DiVX-Filmabruf hat sich als Flop erwiesen, statt des bestellten Science Fiction gab der Server nur «Bee Movie XII» frei. Für die «Sportschau» reicht der Geldpunktestand dann doch nicht mehr und im Internet kommt nach 22 Uhr nur noch Werbung. Lukas ist in seiner Not kurz davor, zu einem Buch zu greifen.

Doch da gibt sein iPhone ein wunderschönes Geräusch ab. Einen Ton, der nur eines bedeuten kann: Lilli, seine in London lebende Freundin, verlangt nach Streicheleinheiten. Kennengelernt haben sich die beiden im You-Net, einem, nein, dem sozialen Netzwerk, das 2012 aus einer Verschmelzung von Facebook, Myspace und Orkut hervorging.

Zwei von drei TV-Soaps entstehen hier und die Betreiber sind derzeit dabei, alle Voice-Over-IP-Anbieter zu schlucken, die zuvor so gut wie alle namhaften Telefongesellschaften gekauft hatten. Seit 2014 lebt Lilli in London, die beiden führen seither eine sogenannte Holo-Partnerschaft. Der spezifische Klingelton auf Lukas’ iPhone sendet automatisch ein Signal an die You-Accounts der beiden Verliebten, die Accounts wiederum aktivieren die Hologramm-Funktion des PC-Fernsehers und dieser lässt Lilli in Lukas’ Wohnzimmer erscheinen und Lukas in Lillis – fast wie in echt.

Die Hologramme tragen spezielle Shirts der Firma EspritCurcuit, die Berührungen aufzeichnen und via Wlan auf weitere Shirts übertragen. Eines hat die echte Lilli gerade in London an und in ein anderes schlüpft Lukas nun in großer Eile. So bleibt die Holo-Liebe nicht körperlos. Der Rest können Sie sich denken - manches ändert sich zum Glück ja nie.