Reden ist Silber, Nuckeln ist Gold (2)
31.07.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Es ist bezeichnend, dass Maggie ausgerechnet in der Episode «Bei den Simpsons stimmt was nicht!» (128), in der die Simpsons das Sorgerecht für ihre Kinder an ihre rechtschaffenen Nachbarn, die Flanders, verlieren, unter der ihr zukommenden Aufmerksamkeit aufblüht. Plötzlich ist der stillen Maggie nach Reden zumute, und zur Überraschung aller ruft sie in Ned Flanders' Auto «daddily-doodily» aus. Kurz zuvor bemerken Maggies ältere Geschwister die positive Veränderung, nachdem das Jugendamt sie abgeholt hat:
Bart: Ich habe Maggie noch nie im Leben so lachen hören.
Lisa: Na ja, wann hat Daddy ihr zuletzt so viel Aufmerksamkeit geschenkt?
Bart: Als sie die 25 Cent verschluckt hat, war er den ganzen Tag bei ihr.
In dieser Episode wird Sartres Theorie komplett durchgespielt. Durch familiäre Liebe und Aufmerksamkeit beginnt ein Mensch, sich mit Worten auszudrücken. Ohne diese frühe Aufmerksamkeit versinkt er in Schweigen und wird vermutlich nur ein begrenztes Selbstwertgefühl entwickeln. Solche Kinder kann man als zurückgeblieben ansehen oder auch nicht, doch wie Mr. Burns schmerzlich lernen musste, mögen sie definitiv keine Leute, die mit ihren Lutschern herumspielen.
Maggie spricht nicht, aber anders als Sartres Flaubert scheint sie zumindest rudimentäre Denkprozesse an den Tag zu legen. In «Der Babysitter ist los» (10) hilft sie Bart und Lisa immerhin, die Babysitter-Banditin zu überwältigen; und sie schreitet ein weiteres Mal zur Rettung, als der grässliche Hausmeister Willie in einer der alptraumhaften Halloween-Folgen der Simpsons («Die Panik-Amor-Horror-Show», 223) auf Rache aus ist. Maggie zeigt sogar ein paar geniale Züge, als sie wie beiläufig Tschaikowskys «Tanz der Zuckerfee» (aus dem Nussknacker) auf ihrem Spielzeug-Xylophon spielt («Bühne frei für Marge», 59). Was ihr jedoch wirklich durch den Kopf geht, bleibt den Zuschauern ein Rätsel, weil sie eben nicht zu ihnen sprechen kann.
Der Wissende redet nicht.
Der Redende weiß nicht.
Anders als viele westliche Schriften behaupten fernöstliche Theorien seit langem, das Schweigen sei die Grundlage unserer Welt. Nirgendwo ist die Stille stärker im Denken verwurzelt als im Osten. Um also erleuchtet zu werden, muss man zu seinen Ursprüngen zurückkehren, sich von allen weltlichen Anhängen befreien und zur unendlichen Stille der Welt zurückfinden. Im Hinduismus bedeutet das Sanskritwort «Nirwana» oft ein «Abkühlen», eine Befreiung von Leidenschaften. Solch einen inneren Frieden können Worte nur zerstören. Zu leicht zerreden wir die Größe und das Geheimnis unseres Lebens. Gemäß vielen östlichen Denkschulen wird unser irdisches Unglück durch zu viel Denken und zu viele Worte verursacht.
Das heißt nicht, dass wir das Denken ganz aufgeben sollten (wozu bräuchten wir dann all die Philosophiebücher), aber besonders Buddhisten unterscheiden zwischen dem spontanen Denken und dem obsessiven Nachdenken über Begriffe. Worte sind nützlich und für die Übermittlung von Wissen sogar notwendig. Doch Hindus wie Buddhisten sehen gleichermaßen die Gefahren einer schlecht eingesetzten Sprache. Worte ziehen weitere Worte nach sich, die zu mehr Stress und Angst führen können. Spontan zu handeln und nicht im Treibsand der Worte festzustecken, ist nach vielen fernöstlichen Schulen der notwendige Anfang auf dem Weg zur Erleuchtung.
Im Westen dagegen ist die Versuchung groß, ein Leben zu führen, das nur aus Rede und nicht aus Taten besteht. In «Die japanische Horror-Spiel-Show» (221) ist Bart in Japan zeitweilig dem Geistigen aufgeschlossen, und Lisa kann schon mit drei Jahren ein Puzzle vom Taj Mahal zusammensetzen («Die Saxophon-Geschichte», 177), doch keinen von beiden kann man ernsthaft als erleuchtet bezeichnen. Maggie ist im Gegensatz zu ihren Geschwistern zu jung, um durch Worte abgelenkt zu werden, und kann daher spontaner handeln. Allerdings könnte man so gesehen alle Babys als erleuchtet betrachten. Wir müssen also sorgfältig zwischen unentwickelten Gedanken und einem rigoros ausgearbeiteten Nichtdenken unterscheiden. Wie der bekannte indische Historiker Sarvepalli Radakrishnan sagt: «Wenn ein Mensch die Stille beobachtet, wird er noch kein Weiser, sofern er töricht oder unwissend ist.»
Chief Wiggum versichert den Bürgern von Springfield, dass Maggie aufgrund ihres Alters von keinem Gericht wegen des Schusses verurteilt werden kann (außer vielleicht in Texas). Sehr wahrscheinlich ist sie ebenfalls zu jung, um sich selbst von allen irdischen Bindungen zu befreien. Die Bürger Springfields haben jedoch eine wichtige Lektion gelernt. Ein Kind, das nicht spricht, ist nicht unbedingt unfähig zu einer folgenschweren Tat. Manchmal ist Stille auch ein Zeichen komplexen Nachdenkens und tiefer Intuition (vermutlich nicht gerade bei Maggie). Wenn wir das Schweigen allesamt regelmäßiger üben würden, wäre das Leben vielleicht etwas leichter, und wir verbrächten sicher weniger Nachmittage damit, nachzusitzen und irgendwas hundert Mal an die Tafel zu schreiben oder in Rektor Skinners Büro zu hocken.
zu Teil 1

