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Die Philosophie des Gelben (Foto: Tropen Verlag<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Die Philosophie des Gelben
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Und was würde Buddha zu Maggie sagen? Der zweite Teil des philosophischen Exkurses über Maggie Simpson von Eric Bronson . Maggie und Hausmeister Willie Dass Maggie mit einem geringen Selbstwertgefühl aufwächst, darf man natürlich nicht allein Marge anlasten. Auch Homer ist sicher nicht das Musterbeispiel eines sorgenden Vaters; er lässt gerade so viel Nähe zu, wie man es von jemandem erwarten kann, der singt: «Ich trinke lieber ’n Bier, nix mit 'Father of the Year'.» («Das magische Kindermädchen», 185) Zwar ist es ausgerechnet Homer, der seinen Chef Mr. Burns überzeugt, seinen lange verlorenen Sohn Larry wieder aufzunehmen («Mr. Burns’ Sohn Larry», 155). Auch besteht Homer darauf, dass Kinder zwar manchmal «widerspenstig, langweilig und stinkig» sind, sich aber auf eins jederzeit verlassen können: «die bedingungslose Liebe ihres Vaters». Und schließlich findet sich selbst Homer mit der Existenz Maggies ab und pflastert sein Büro mit ihren Babyphotos («Und Maggie macht drei», 112), doch solche gelegentlichen Gefühlsausbrüche erfüllen kaum «Sartres Leitfaden für gute Eltern». Es ist bezeichnend, dass Maggie ausgerechnet in der Episode «Bei den Simpsons stimmt was nicht!» (128), in der die Simpsons das Sorgerecht für ihre Kinder an ihre rechtschaffenen Nachbarn, die Flanders, verlieren, unter der ihr zukommenden Aufmerksamkeit aufblüht. Plötzlich ist der stillen Maggie nach Reden zumute, und zur Überraschung aller ruft sie in Ned Flanders' Auto «daddily-doodily» aus. Kurz zuvor bemerken Maggies ältere Geschwister die positive Veränderung, nachdem das Jugendamt sie abgeholt hat: Bart: Ich habe Maggie noch nie im Leben so lachen hören. Lisa: Na ja, wann hat Daddy ihr zuletzt so viel Aufmerksamkeit geschenkt? Bart: Als sie die 25 Cent verschluckt hat, war er den ganzen Tag bei ihr. In dieser Episode wird Sartres Theorie komplett durchgespielt. Durch familiäre Liebe und Aufmerksamkeit beginnt ein Mensch, sich mit Worten auszudrücken. Ohne diese frühe Aufmerksamkeit versinkt er in Schweigen und wird vermutlich nur ein begrenztes Selbstwertgefühl entwickeln. Solche Kinder kann man als zurückgeblieben ansehen oder auch nicht, doch wie Mr. Burns schmerzlich lernen musste, mögen sie definitiv keine Leute, die mit ihren Lutschern herumspielen. Maggie spricht nicht, aber anders als Sartres Flaubert scheint sie zumindest rudimentäre Denkprozesse an den Tag zu legen. In «Der Babysitter ist los» (10) hilft sie Bart und Lisa immerhin, die Babysitter-Banditin zu überwältigen; und sie schreitet ein weiteres Mal zur Rettung, als der grässliche Hausmeister Willie in einer der alptraumhaften Halloween-Folgen der Simpsons («Die Panik-Amor-Horror-Show», 223) auf Rache aus ist. Maggie zeigt sogar ein paar geniale Züge, als sie wie beiläufig Tschaikowskys «Tanz der Zuckerfee» (aus dem Nussknacker) auf ihrem Spielzeug-Xylophon spielt («Bühne frei für Marge», 59). Was ihr jedoch wirklich durch den Kopf geht, bleibt den Zuschauern ein Rätsel, weil sie eben nicht zu ihnen sprechen kann. Mehr im Internet: Tropen Verlag Die Philosophie der Simpsons bei Amazon Maggie und Buddha

Maggie und Hausmeister Willie
Dass Maggie mit einem geringen Selbstwertgefühl aufwächst, darf man natürlich nicht allein Marge anlasten. Auch Homer ist sicher nicht das Musterbeispiel eines sorgenden Vaters; er lässt gerade so viel Nähe zu, wie man es von jemandem erwarten kann, der singt: «Ich trinke lieber ’n Bier, nix mit 'Father of the Year'.» («Das magische Kindermädchen», 185) Zwar ist es ausgerechnet Homer, der seinen Chef Mr. Burns überzeugt, seinen lange verlorenen Sohn Larry wieder aufzunehmen («Mr. Burns’ Sohn Larry», 155). Auch besteht Homer darauf, dass Kinder zwar manchmal «widerspenstig, langweilig und stinkig» sind, sich aber auf eins jederzeit verlassen können: «die bedingungslose Liebe ihres Vaters». Und schließlich findet sich selbst Homer mit der Existenz Maggies ab und pflastert sein Büro mit ihren Babyphotos («Und Maggie macht drei», 112), doch solche gelegentlichen Gefühlsausbrüche erfüllen kaum «Sartres Leitfaden für gute Eltern».

Es ist bezeichnend, dass Maggie ausgerechnet in der Episode «Bei den Simpsons stimmt was nicht!» (128), in der die Simpsons das Sorgerecht für ihre Kinder an ihre rechtschaffenen Nachbarn, die Flanders, verlieren, unter der ihr zukommenden Aufmerksamkeit aufblüht. Plötzlich ist der stillen Maggie nach Reden zumute, und zur Überraschung aller ruft sie in Ned Flanders' Auto «daddily-doodily» aus. Kurz zuvor bemerken Maggies ältere Geschwister die positive Veränderung, nachdem das Jugendamt sie abgeholt hat:

Bart: Ich habe Maggie noch nie im Leben so lachen hören.
Lisa: Na ja, wann hat Daddy ihr zuletzt so viel Aufmerksamkeit geschenkt?
Bart: Als sie die 25 Cent verschluckt hat, war er den ganzen Tag bei ihr.

In dieser Episode wird Sartres Theorie komplett durchgespielt. Durch familiäre Liebe und Aufmerksamkeit beginnt ein Mensch, sich mit Worten auszudrücken. Ohne diese frühe Aufmerksamkeit versinkt er in Schweigen und wird vermutlich nur ein begrenztes Selbstwertgefühl entwickeln. Solche Kinder kann man als zurückgeblieben ansehen oder auch nicht, doch wie Mr. Burns schmerzlich lernen musste, mögen sie definitiv keine Leute, die mit ihren Lutschern herumspielen.

Maggie spricht nicht, aber anders als Sartres Flaubert scheint sie zumindest rudimentäre Denkprozesse an den Tag zu legen. In «Der Babysitter ist los» (10) hilft sie Bart und Lisa immerhin, die Babysitter-Banditin zu überwältigen; und sie schreitet ein weiteres Mal zur Rettung, als der grässliche Hausmeister Willie in einer der alptraumhaften Halloween-Folgen der Simpsons («Die Panik-Amor-Horror-Show», 223) auf Rache aus ist. Maggie zeigt sogar ein paar geniale Züge, als sie wie beiläufig Tschaikowskys «Tanz der Zuckerfee» (aus dem Nussknacker) auf ihrem Spielzeug-Xylophon spielt («Bühne frei für Marge», 59). Was ihr jedoch wirklich durch den Kopf geht, bleibt den Zuschauern ein Rätsel, weil sie eben nicht zu ihnen sprechen kann.

Maggie und Buddha
Lassen wir den Westen für einen Moment hinter uns. Im alten China haben sich die Philosophen nur selten für das gesprochene Wort begeistert. Der große chinesische Philosoph Konfuzius drückt das so aus: «Viel hören, das Zweifelhafte beiseitelassen.» Das Tao Te King drückt es deutlicher aus:

Der Wissende redet nicht.
Der Redende weiß nicht.

Anders als viele westliche Schriften behaupten fernöstliche Theorien seit langem, das Schweigen sei die Grundlage unserer Welt. Nirgendwo ist die Stille stärker im Denken verwurzelt als im Osten. Um also erleuchtet zu werden, muss man zu seinen Ursprüngen zurückkehren, sich von allen weltlichen Anhängen befreien und zur unendlichen Stille der Welt zurückfinden. Im Hinduismus bedeutet das Sanskritwort «Nirwana» oft ein «Abkühlen», eine Befreiung von Leidenschaften. Solch einen inneren Frieden können Worte nur zerstören. Zu leicht zerreden wir die Größe und das Geheimnis unseres Lebens. Gemäß vielen östlichen Denkschulen wird unser irdisches Unglück durch zu viel Denken und zu viele Worte verursacht.

Das heißt nicht, dass wir das Denken ganz aufgeben sollten (wozu bräuchten wir dann all die Philosophiebücher), aber besonders Buddhisten unterscheiden zwischen dem spontanen Denken und dem obsessiven Nachdenken über Begriffe. Worte sind nützlich und für die Übermittlung von Wissen sogar notwendig. Doch Hindus wie Buddhisten sehen gleichermaßen die Gefahren einer schlecht eingesetzten Sprache. Worte ziehen weitere Worte nach sich, die zu mehr Stress und Angst führen können. Spontan zu handeln und nicht im Treibsand der Worte festzustecken, ist nach vielen fernöstlichen Schulen der notwendige Anfang auf dem Weg zur Erleuchtung.

Im Westen dagegen ist die Versuchung groß, ein Leben zu führen, das nur aus Rede und nicht aus Taten besteht. In «Die japanische Horror-Spiel-Show» (221) ist Bart in Japan zeitweilig dem Geistigen aufgeschlossen, und Lisa kann schon mit drei Jahren ein Puzzle vom Taj Mahal zusammensetzen («Die Saxophon-Geschichte», 177), doch keinen von beiden kann man ernsthaft als erleuchtet bezeichnen. Maggie ist im Gegensatz zu ihren Geschwistern zu jung, um durch Worte abgelenkt zu werden, und kann daher spontaner handeln. Allerdings könnte man so gesehen alle Babys als erleuchtet betrachten. Wir müssen also sorgfältig zwischen unentwickelten Gedanken und einem rigoros ausgearbeiteten Nichtdenken unterscheiden. Wie der bekannte indische Historiker Sarvepalli Radakrishnan sagt: «Wenn ein Mensch die Stille beobachtet, wird er noch kein Weiser, sofern er töricht oder unwissend ist.»

Chief Wiggum versichert den Bürgern von Springfield, dass Maggie aufgrund ihres Alters von keinem Gericht wegen des Schusses verurteilt werden kann (außer vielleicht in Texas). Sehr wahrscheinlich ist sie ebenfalls zu jung, um sich selbst von allen irdischen Bindungen zu befreien. Die Bürger Springfields haben jedoch eine wichtige Lektion gelernt. Ein Kind, das nicht spricht, ist nicht unbedingt unfähig zu einer folgenschweren Tat. Manchmal ist Stille auch ein Zeichen komplexen Nachdenkens und tiefer Intuition (vermutlich nicht gerade bei Maggie). Wenn wir das Schweigen allesamt regelmäßiger üben würden, wäre das Leben vielleicht etwas leichter, und wir verbrächten sicher weniger Nachmittage damit, nachzusitzen und irgendwas hundert Mal an die Tafel zu schreiben oder in Rektor Skinners Büro zu hocken.


Wir danken dem Tropen Verlag, der uns eine gekürzte Fassung von Eric Bronsons Text freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. In voller Länge kann man ihn und weitere Erhellungen hier nachlesen: William Irwin, Mark T. Conard, Aeon J. Skoble: Die Simpsons und die Philosophie, Tropen Verlag, 256 Seiten, 19,80 Euro

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