netzeitung.deGeschenkpapier vom Samstag

 Herausgeber: netzeitung.de



Ja, was denn nun: Da war der Mann gestern Thema in seinem eigenen Landtag, seine «Medienstaatssekretärin» Meckel diktierte dem epd in den Block, die «Intervention habe nur den Interessen des ZDF» gedient - und in der «Süddeutschen Zeitung» kein Wort zum weißen Ritter Wolfgang Clement. Natürlich auch nicht an der harschen Kritik der CDU-Fraktion im Düsseldorfer Parlament. Dabei war Clement-Spezialist Hans-Jürgen Jakobs sogar ganz in der Nähe: Am Donnerstagabend gab's fürs bisherige Lebenswerk beim Grimme-Institut den Bernd Donepp Preis für Medienpublizik. (Glückwunsch nachträglich!).

Dafür durfte

schon gestern Klaus Ott in aller Unschuld und ohne jeglichen NRW-Bezug das Thema aus ganz anderer Perpektive ausleuchten und sich fragen, was die SPD wohl gegen den ZDF-Chefredakteur Reize habe - ein traun fürwahr amüsant gewählter Nebenkriegsschauplatz.

Und für alle, die noch mal nachlesen wollen, um was es geht und warum Clements Einwände gegen das bisherige Procedere bei der ZDF-Intendantenkür zwar ehrenwert und richtig, aber aus seinem Munde unglaubwürdig sind, liefert die «Berliner Zeitung» einstweilen schon mal die Zusammenfassung.

Stattdessen inszeniert die «SZ» heute des Breiteren Jürgen Domian und seine «vollgärsozialpadagogische» Telefontalkshow und ergeht sich in schalen Witzchen über die

Domian-Homepage «die man leicht verfehlen kann, wenn man aus versehen www.Domina.de eingibt». - Das ist eben nicht «irgendwie auch lustig».

Ebenfalls über die Seichtheit des Talks - aufgehängt am heutigen Antritt von Rafael Seligmann bei N24 - räsonniert die «Frankfurter Rundschau». Doch leider ist das Thema schon so tot, dass es auch durch den agil-eifrigen Einstieg ( «In der Kulisse schlagen die Türen und eifrig werden die Klinken geputzt, der eine geht, der nächste kommt, der Überblick ist kaum zu behalten, so sehr ist der Talk im Gerede») nimmer wiederbelebt wird. Und so bleibt nur eins: Das bislang größte Foto von Kanzler-Halbbruder und Talk-Aspirant Lothar Vosseler, dass je außerhalb der «Bild»-Zeitung zu bewundern war.

Apropos bewundern: Das denkwürdige Verhalten bei der Motorpresse - IVW-Zahlen derb fälschen und sich dann auch noch dabei erwischen lassen - beschäftigt heute die meisten Blätter, voran treibt die Entwicklung allein Ulrike Simon im «Tagesspiegel»: Gruner + Jahr soll der Motorpresse die Chose eingebrockt haben, um bei der anstehenden Fusion der Vereinigten Motor Verlage und der Motorpresse seine Beteiligung aufstocken zu könne. Derweil übernimmt G + J immerhin den gesamten Vertrieb der Motorpresse-Titel, weshalb der IVW-Austritt des Verlags als das dasteht, was er ist: Kosmetik.

Nun zu den Außreißern des Tages: Natürlich waren alle bei den Marler Tagen der Medienkultur zum Thema «Quizboom ud Bildungsfernsehen», doch nur die «Berliner Morgenpost» bringt uns schon heute auf den internationalen Stand.

Und viele dürften auch in Hamburg die Voraufführung von Heinrich Breloers opus ziemlich magnus «Die Manns - Ein Jahrhundertroman» beigewohnt haben, doch nur Michael Hanfeld ergetzt sich schon heute in der «FAZ» über den Glanz, der nach der Aufführung auch in den Augen der letzten überlebenden Mann-Tochter Elisabeth erstrahlte.

Falls Ihnen all dies eher geschmäcklerisch bis unwichtig erscheint, haben Sie natürlich Recht: Dass Berlusconi Kraft seines Regierungsamtes aus durchsichtigen Gründen einen runden Milliardendeal für die italienische RAI blockiert oder Rupert Murdoch ängstlich auf die Ergebnisse der General Motors-Aufsichtsratsitzung wartet, die seine DirecTV-Träume ein für allemal beerdigen könnte, findet sich - in der Financial Times (page 1 and 10).


Geschenkpapierkorb
Detlev Esslinger bespielt die Medienseite der 'SZ' mit einem schönen Stück zum Daum-Prozess und recycelt dabei gekonnt sein schönes Stück zum Daum-Prozess vom Vortag. +++ Die Gebühren-Vorstellungen der Ministerpräsidenten finden sich in fast allen Blättern und ganz besonders ausführlich bei 'Frankfurter Rundschau''Frankfurter Rundschau' und «FAZ». +++ «FAZ» und 'taz' widmen sich der Millionenklage der tschechischen Regierung gegen die Wochenzeitung «Respekt», die beim Thema Korruption zu deutlich Stellung bezog. +++ Der neue Hamburg-Tatort mit Robert «Dr. Specht» Atzorn kommt bei «FAZ», 'Berliner Zeitung', 'Frankfurter Rundschau' und 'taz' ganz unterschiedlich weg. +++ Und den schönsten Medientext des Tages liefert Klaus Bittermann in der «Jungen Welt», wo er das Gesamtkunstwerk Uli Wickert Revue passieren läßt und so schöne Sätze schreibt wie den, dass Wickerts «windelweiche, ja windige Entschuldigung» nach dem Max-Beitrag gezeigt habe, «dass sein Rückgrat dem einer Nacktschnecke recht nahe kommt». (Leider nicht im Netz, dafür auf Seite 12) +++ Und jetzt? Jetzt noch ein kleines Lob für das «Altpapier» an sich und das Team im Besonderen. Vielleicht sollte man die Donnep-Jury mal aus ihrer protestantischen Denke erlösen - und das Altpapier für den Marler Medienpublizistikpreis in Erwägung ziehen.

Der Geschenkpapierkorb füllt sich am Sonntag
erneut um 12 Uhr mittags - und zwar mit einem Gastbeitrag von Jörn Lauterbauch («Die Welt»).

Für die NZ ediert von

Das Geschenkpapier vom Freitag
(von Ulrike Simon, 'Tagesspiegel')