Erleuchtung durch Leid
30.03.2001
Herausgeber: netzeitung.de
Bereits im Dezember gab es den ersten Prozess: Vier führende Mitglieder der Gruppe wurden in Anwendung des neuen Gesetztes zu sieben bis 18 Jahren Haft verurteilt.
Anfangs tolerierte man dieses «Religionsfieber», doch bald machte es der Regierung Angst.
«Es ist keinesfalls unpolitisch, wenn eine Masse von Menschen auf öffentlichen Plätzen ihre Übungen ausführt und damit ihren Anspruch deutlich macht», sagt der schweizer Sekten-Experte Martin Scheidegger.
Am 22. Juli wurde Falun Gong nach eigenen Aussagen zur «illegalen Organisation» erklärt, eine Welle von Verhaftungen folgte. Eine totalitäre Weltanschauung fühlte sich offenbar von einer anderen, ebenso totalitären, bedroht.
«Ohne die maßlose Verfolgung würde doch niemand Notiz von der Gruppe nehmen», sagt Lutz Lehmhöfer, katholischer Sektenbeauftragter des Bistums Limburg.
Mit dem Image der Unterdrückten wendet sich Falun Gong international massiv an die Medien, bittet um Berichterstattung. Sobald in einer Meldung jedoch Falun Gong im Zusammenhang mit dem Wort «Sekte» oder «Kult» auftaucht, werden die Redaktionen mit Protest-E-Mails, «Richtigstellungen» und Faxen überschwemmt.
In seinen Schriften fodert Li Hongzhi diese Opferbereitschaft geradezu ein. Nur wer auch bereit sei, für Falun Gong zu kämpfen, sei es wert, den Glauben vermittelt zu bekommen, könne sich «kultivieren» und «ein tieferes Verständnis» erlangen.
«Ich hoffe, dass jeder Praktizierende bereit ist, großes Leid zu ertragen, und bei großen Schwierigkeiten Entschlossenheit und Durchhaltevermögen beweist. Ohne Einsatz kann man kein echtes Gong bekommen», schreibt Li Hongzhi in seinem Buch «Falun Gong - Der Weg zur Vollendung». Man solle denen gegenüber, die einen beleidigen, nicht nur nachsichtig sein: «(...) du musst ihm sogar dankbar sein. Hätte er dir keine Schwierigkeiten bereitet, wie hättest du dein Xingxing erhöht, (...) wie hätte dein Gong wachsen können?»
Im Kampf gegen die Regierung hat Falun Gong bisher gesiegt: Die Sekte ist seit zwei Jahren verboten - aber es gibt sie noch. Diesen Erfolg bezahlen die Anhänger mit großen Opfern: Zehntausende wurden verhaftet, tausende misshandelt, möglicherweise starben mehr als hundert.
Falun Gong ist eine Erlösungslehre. Das schreibt Hubert Seiwert als Erklärung in seinem Beitrag zum Buch «Religion Staat Gesellschaft». Li Hongzhi biete seinen Anhängern an, sie zur Vollkommenheit zu führen und zu erlösen. Aber um perfekt zu werden, sich zu «kultivieren» müssten sie auch Verfolgung aushalten. Barmherzigkeit und Nachsicht sind zentrale Punkte der Lehre. Wer leiden kann, sei auf dem Weg der Vollkommenheit, so Seiwert. Märtyrertum sei ein Zeichen der Erwähltheit.
Falun Gong bestreitet vehement, dass es ihre «Praktizierenden» waren, die sich im Januar 2001 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking verbrannten. Die Vebrennung sei von der chinesischen Regierung inszeniert worden, sagt Man-Yan Ng, Leiter des «Deutschen Falun Dafa Vereins».
So viel Märtyrertum passt nicht ins friedliche und gewaltlose Bild, das die Gruppe von sich zeichnen möchte.

